Dreizehn Tage lang sahen die Kritiker der Thüringer und Berliner Zeitungen Aufführungen der Theater Thüringens. Ein Sonderzug brachte sie täglich von Weimar in eine andere Stadt, jeden Abend sahen sie in einem anderen Theater ein anderes Stück, fuhren sie in der Nacht zurück. Erfurt zeigte „Dorf Carlos“, Meiningen Georg Kaisers „Soldat Tanaka“, Jena „Ein Spiel von Tod und Liebe“ von Roland, Altenburg „Dantons Tod“, Gera „Die russische Frage“ von Simonow, Weimar „Die das Leben ehren“ von Odets, Rudolstadt das letzte. Stück Ernst Tollers „Pastor Hall“, Sondershausen den sowjetischen Schwank „Ein Ruhetag“. Der Sinn der Thüringer Theaterschau war „ein alljährlicher Wettbewerb zur Höherentwicklung des Thüringen Theaterlebens und zur Vertiefung der praktischen und methodischen Arbeit“. Bei dieser Leistungsschau sollten „die beste Ensembleleistung, die beste fortschrittliche Regie und die im Rahmen eines Ensembles hervorragendste spielerische Einzelleistung ausgezeichnet werden“.

Der dreizehnte Tag, an dem das Gesehene diskutiert und im ganzen kein-Fortschritt der Theater Thüringens gegenüber dem Vorjahr festgestellt wurde, brachte die Sensation der Veranstaltung; Alle drei Preise, die ursprünglich drei Bühnen zufallen sollten, wurden dem Theater der Stadt Eisenach für die Aufführung eines englischen Stückes: der „Gefährlichen Kurve“ von Priestly, zuerkannt. Den Thüringischen Regiepreis erhielt der Intendant Peter Kroll, den Preis für die schauspielerische Einzelleistung Tilli Breidenbach, die mit der kommenden Spielzeit in Darmstadt wirken wird. Nun war Einsichtigen nach Inszenierungen von Strindbergs „Rausch“, Gogols „Brautschau“, den „Räubern“ längst klar, daß in Eisenach weit über den Provinzdurchschnitt hinaus Theater gespielt wird. Aber gegen das Unternehmen bestand bei den Zeitungen Thüringens ein Verbot der Berichterstattung, das im Kern seltsamerweise mit der Unfähigkeit Krolls zur Führung eines Theaters begründet wurde. Er hatte einem Kritiker, von dem die Aufführungen als Schaubudenattraktionen bezeichnet worden waren, das Haus verboten und ihm, als er sich an das Verbot nicht hielt und mit einer gekauften Karte die Vorstellung besuchte, die Tür gewiesen. Die Antwort der Thüringer Presse war zunächst: Über dieses Theater schreiben wir nicht mehr! Nachdem dann, die Zeitungsleute des ganzen Landes die Vorstellung der „Gefährlichen Kurve geschen hatten, hatte Kroll seine gefährliche Kurve mit Glanz genommen. Es kam zu einem spontanen, stürmischen Widerruf; an die fünfzigmal wurden der Intendant und seine Schauspieler auf die Bühne gerufen. Ein Berliner Kritiker äußerte über die klare, atmosphäregeladene und schicksalgehetzte Inszenierung, sie gehöre auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters in Berlin und die Berliner Inszenierung nach Eisenach. Das bedeutet cum grano. salis die Anerkennung von Bemühungen, die gerade heute hier und da die Provinz stärker bereichern, als sie selbst ahnt.

Hanns Bornemann