Unter diesem Titel erscheint demnächst im Verlag P. Keppler, Baden-Baden, das „Nachträgliche Tagebuch eines Journalisten, Drama-Jürgen, Soldaten 1933 bis 1945“. In der Fülle der Erlebnisse ist auch das Groteske jener „Gleichschaltung“ aufgezeichnet, die den Begriff der „entarteten Kunst“ entstehen ließ – Ausdruck einer Geisteshaltung, die häufig noch heuteeine unbefangene Einfühlung in das moderne Kunstwerk behindert.

Bei seinem ersten Rundgang durch das Haus der deutschen Kunst sah er so viele Bilder, die auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit den eigenhändigen Aquarellpostkarten aus seiner dilettierenden Jugendzeit hatten, daß er die Beherrschung verlor. Er bekam einen seiner von Augenzeugen oft geschilderten und zuweilen in Wochenschauen bebilderten Tobsuchtsanfälle, die ihn im engeren Zenakel den Namen „Gardinenreißer und Teppichbeißer“ eingetragen hatten, warf die Kunst aus den großen Sälen, gab ihr ein paar Monate öffentlichen Arrest in kleinen Zimmern und holte den Kitsch aus den Kellern. Der süße Ziegler und die Witwe Trost mußten alle Stadien der Paradiesesvertreibung mit durchstehen, die Herren der Jury blieben schon in den ersten Räumen auf der Strecke liegen.

Die Jury blieb auf der Strecke. Statt ihrer bestieg alljährlich der Hof- und Leibphotograph, der zum Professor degradierte, Kameramann Heinrich Hoffmann, den Richterstuhl, und willig verbeugten sich die freien Künstler vor dem Auguren der Agfaplatte und lieferten fleißig monumentale Farbphotographien, die der große Hoff- und Handelsmann der gefälschten Meister und zahllosen kolorierten Ansichtskarten in die deutschen Heime schickte. – Der alte Rohlfs, dieser Spötter, sagte zu einem Komponisten: „Seien Sie froh, daß der Führerin seiner Jugend; nicht Klavier gespielt hat.“

Anfangs hatten junge, empfindsam? Leute ahnungslos gegen den Stachel gelöckt. Weidemann und die Künstler seines „Nordens“ möchten wohl geglaubt haben, daß nun die goldene Zeit für die wahre deutsche Kunst gekommen sei. Sie erinnere ten an die Ekstasen und Experimente, in denen sich die ringende, taumelnde Jugend nach dem ersten Weltkrieg gesucht hatte, und fühlten ihre Verwandtschaft mit Edvard Munch, dem norwegischen Apostel ihrer nordischen Sehnsüchte. Ach wie bald schwanden Schönheit und Gestalt.

Der Anführer hielt wieder einmal eine seiner belustigenden Kulturreden, die eilfertig errafftes Wissen vor dem Volk der Dichter und Denker wirr, summarisch und kuhwarm darboten. Dieses Mal rechnete er mit allen ab, die persönlich, eigenwillig, wagemutig gemalt und gestaltet hatten. Es leuchtete ihm einfach nicht ein, daß jemand blaue Pferde in Türmen gestaffelt und grüne Leichen im Stacheldraht gesehen haben wollte – er hielt solche irrealen Phänomene für Ausgeburten verbrecherischer Gehirne oder zum mindestenfür Produkte von Augenkranken. In einer anständigen und ausgerichteten Kleinbürgerwelt gehörte solcher Unfug einfach verboten.

Jetzt gab’s gar nichts mehr. Die Ismen wurden aufgehängt, aber nicht in dem Haus der deutschen Kunst. Dort hingen die Gauleiter an den Wänden, erschreckende Gemälde erschreckender Köpfe. „Ein aufgeschlagenes Verbrecheralbum“, sagte ich, als wir den Saal betraten. Dort hingen die Defreggerszenen aus dem gemütlichen Parteileben, der Anführer als Sankt Georg, als Florian Geyer und als Feldherr getarnt, Magazinbilder, die für Bevölkerungsvermehrung Reklame machten, Akte, die eher das Gegenteil taten, alles ungeziemend ins Riesige geredet, weil doch die Säle und Wände so groß waren. Zwischen den hohlen Monumentalitäten drückten sich ängstlich ein paar saubere Landschaften herum, die gewissenhafte Epigonen der Romantiker und des frühen Impressionismus, der aus Versehen auch verdammt worden war, gemalt hatten. Wer noch nicht ermüdet zu Boden gegangen war, konnte sich an ihnen ein wenig erquicken. Herman Grimms Charakterisierung eines anderen Zeitalters klingt prophetisch: – „Raschheit war. Genie, groß war großartig, bestechend war schön. Von Natur war kaum die Rede mehr, Effekte verlangte, man. Und so, mit ungemeiner Nachahmungskraft und Handfertigkeit wurde etwas geschaffen, was man Kunstwerk nannte und was heute viele ebenfalls noch so nennen“ würden, massenhafte Erzeugnisse, deren geistiger Gehalt gleich Null war.“ –