DIE ZEIT

Seit dem 15. Juli gibt es wieder ein freies Pfund. Mit Hochdruck sind in – den voraufgegangenen Wochen von England Zahlungsabkommen mit sehr vielen Ländern geschlossen worden, in denen die freie Verwendbarkeit aller neuen Sterling-Guthaben festgelegt wird, die nach dem Stichtag entstehen. Gleichzeitig ist England bestrebt, sein Verfahren, für seinen gesamten Außenhandel nur Rechnung in Sterling zu akzeptieren, noch zu erweitern. Doch dies bedeutet keine Beschränkung für den ausländischen Besitzer eines neuen Pfundguthabens, solange er es ohne jede Behinderung in andere Währungen verwandeln kann. Zunächst kann der ausländische private oder staatliche Empfänger der Erlöse aus neuen Geschäften frei in England oder im Auslande diese Pfunde verwenden, also etwa zu Käufen in England, zu Exporten aus England oder zum Umtausch in jede andere Währung. Einschränkungen durch zweiseitige Handelsabkommen sind in einer Reihe von Fällen zu erwarten/sind jedoch freiwillige Vereinbarungen, dieebensosehr im Interesse des anderen Vertragspartners liegen können. Diese neue Umwandlungsfähigkeit des Pfundes verdankt die Welt den Amerikanern. Es gehörte nämlich zu den Bedingungen ihres Dollarkredites an Großbritannien, daß die Freiheit des Pfundes wiederhergestellt wird. Über die Ausnahmen durch verzögerte Verhandlungen. 2. B. mit Indien, hat London ausdrücklich Washington ins Bild gesetzt.

DerFortfall vonVerwendungsbeschränkungen für eine so international bekannte Devise sollte eigentlich nur eitel Freude auslösen. Doch dem war keineswegs so. Es gab vielmehr böswillige, schnell vom englischen Schatzamt getötete Gerüchte, daß nunmehr eine Pfundabwertung zu befürchten sei. Es gab aber auch gutwillige Kreise, die bedenklich das Haupt schüttelten und das Verschwinden der letzten Goldstücke und Dollars aus England kommen sahen. Wie war dieser Kleinmut möglich? Zum Teil erklärt er sich wohl aus der Ungläubigkeit, die wir in unserem geplanten Zeitalter voller Chaos als erprobte Skeptiker jeder Ausdehnung der Freiheit entgegenbringen. Sachlich findet er jedoch einige Begründung in der verschärften Sperre alter Sterling-Forderungen, die sich aus der Freiheit der neuen Pfunde ergeben muß.

Aus den vielen Schuldnern, die England bis vor dem Kriege aufzählen konnte, sind im Kriege und seitdem fast ebenso viele. Gläubiger geworden. Das fremde Geld in Londons Büchern beläuft sich auf rund 3 Milliarden Pfund. Viele dieser Forderungensind im Kriege dadurch entstanden, daß England, etwa für die Verteidigung Ägyptens, Anwendungen machte, die als ägyptische, indische oder irakische Forderungen an England zu Buch schlugen, jedoch eigentlich auf eine gemeinsame Kriegsrechnung gehörten. Über diese Gemeinsamkeit wird jetzt, wo eine Abrechnung fällig wird. Viel gestritten. Englandhat durch. den Mund seines Schatzkanzlers deutlich verkündet, daß man nicht, nur mit sehr langfristiger Tilgung, sondern auch mit sehr niedriger Verzinsung dieser Forderungen rechnen müsse. Schatzkanzler Dalton hat auch das englische Recht angemeldet, einen Teil dieserFörderungen zu streichen, soweit sie durch Aufwendungen entstanden sind, die den Gläubigern ebenfalls Vorteile gebracht haben.

Ägypten, das 400 Mill. Pfund, und Indien, das 1200 Mill. Pfund zu fordern hat, sind nicht ohne weiteres bereit, sich die englische These zu eigen zu machen. Die Verhandlungen werden langwierig sein. Im Falle Indien sind die grundsätzlichen Fragen zurückgestellt worden, bis die beiden neuen indischen Staaten ihre endgültige Form gewonnen haben. Ägypten hat nur eine Regelung, für sechs Monate getroffen Und gleichzeitig, die Bindung seiner Währung vom englischen Pfund auf den USA-Dollar übertragen. Ob dieses Verlassen des Sterling-Blockes endgültig ist, wirdvon der Zukunft der englischen Wirtschaft abhängen. Zunächst jedenfalls ist das Pfund Sterling für Ägypten eine „harte“ Devise geworden, um die sich ägyptische Importeure ebenso intensiv bewerben müssen, wie ihre europäischen Kollegen um Dollar-Kontingente. Gleichzeitig, sind Ägyptens Forderungen an England blockiert und nur einmalig 27 Mill. Pfund sowie als Halbjahresrate weitere 8 Mill. Pfund freigestellt worden, um den laufenden Handel zu ermöglichen. Was im Falle Ägypten durch die formelle Blockierung erreicht wird, nämlich die Stornierung alter Forderungen, das bezwecken auch andere, oft nur lose Gentleman-Abreden mit den Dominien, mit Westeuropa und mit Südamerika.

Die Sorge um die alten Forderungen würde trotz des gegenwärtigen Einfrierens nicht unbedingt zu einer Bewertung blockierter Pfunde in New York mit 60 v. H. des freien Pfundkurses führen, wenn nicht. noch ständig neues fremdes Geld nach England strömte. Die Abzüge von Englands amerikanischen und kanadischen Anleihen haben sich in letzter Zeit in einemTempo gesteigert, das den völligen. Verzehr dieser Kredite bis Anfang 1948 wahrscheinlich machen würde, wenn dem nicht eine gewisse Auffüllung der laufenden Dollarguthaben Englands und eine Vergrößerung der englischenGoldbestände gegenüberstände. Doch wenn auch nicht der Fehler begangen werden darf, den Zeitpunkt für die Erschöpfung der britischen Gold- und Devisenbestände zu früh anzusetzen, so ist doch nicht zu übersehen, daß dieser Zeitpunkt ständig näherrückt. Lordkanzler Morrison hat erst kürzlich das Defizit der englischen Zahlungsbilanz für das Jahr bis zum 30. Juni 1948 sorgenvoll auf 450 Mill. Pfund geschätzt. Eine Einschränkung der englischen Einfuhren um 25 v. H., die sich rein rechnungsmäßig ergeben müßte, würde eine derartige Produktions- und Ernährungskrise hervorrufen, daß man vorerst nicht zu diesem Mittel greifen wird.