Von Richard Tüngel

Daß Form und Inhalt eines Werkes der bilden-, den Kunst mit dem Geschmack des Publikums oder des Auftraggebers nicht immer übereinstimmen, ist eine bekannte Tatsache. De gustibus non est disputandum sagte schon ein lateinisches Sprichwort, über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Daß aber eine ganze Kunstrichtung, Abscheu und erbitterten Widerstand bei einem erheblichen Teil der Betrachter, ja vielleicht sogar bei der Mehrheit erregt, daß also zwischen dem Kunstwollen des Malers und Bildhauers und den Ansprüchen, die der unverbildete Mensch an ein Gemälde oder eine Plastik stellt, eine völlige Diskrepanz besteht, das tritt in der Geschichte des Abendlandes zum erstenmal im 19. Jahrhundert in Erscheinung. Wenn im Jahre 1642 Rembrandt? Auftraggeber, die Mitglieder der Amsterdamer Schützengilde, sich weigerten, sein Bild, das unter dem Namen. „Die Nachtwache“ bekannt ist, abzunehmen, so geschah dies, weil sie ein Gruppenporträt bestellt hatten, auf dem jeder deutlich und gleichberechtigt zu erkennen sein sollte, und Rembrandt diesen Auftrag nicht erfüllt hatte; der Grund lag nicht etwa darin, daß sie seine Malweise als revolutionär und ihrem Geschmack widersprechend empfunden hätten. Als aber das Publikum auf der Pariser Weltausstellung von 1867 mit geschwungenen Stöcken und Regenschirmen gegen Manets „Olympia“ vorging, so daß das Bild durch eine Schnur abgesperrt und von Polizei bewacht werden mußte, da richtete sich die Empörung gegen die neue „impressionistische“ Darstellung, gegen die Flächigkeit der Malerei, die hier zum erstenmal in der abendländischen Kunst auftrat, gegen die Schattenlosigkeit, die den Figuren die gewohnte plastische Rundung entzog.

Es ist gut, sich dies klarzumachen, da dieses Bild heute bereits klassisch geworden ist. Von jenen Jahren, an hörten die Kunstskandale nicht auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stritt man sich in Paris heftig um Cézanne. Es folgte der Kampf um die Kubisten, Futuristen, Expressionisten, die abstrakte Malerei und die Surrealisten. Ein neues Moment kam in den Streit nach den Revolutionen, die den ersten Weltkrieg abschlössen: die Kunstbetrachtung wurde politisiert. Die modernen Richtungen wurden von den Linksparteien in Deutschland und den Kommunisten in Rußland als Ausdruck ihrer Weltanschauung in Anspruch genommen. Allerdings die Sowjetregierung verbot 1923 plötzlich alle moderne Kunst, die ihr bisher als Symbol ihrer revolutionären Ideen gegolten hatte. Sie erklärte, daß solche Darstellungen einen bourgeoisen Geist verrieten und nicht dem Kunstbedürfnis des Arbeiters entsprächen. Und Hitler folgte später diesem Beispiel, als er die gleichen Richtungen als entartet bezeichnete und in den Bann tat. Es war nur folgerichtig, daß er auch den Impressionismus in die verbotene Sphäre einbezog und vor der Eröffnung der ersten Münchner Kunstausstellung ein impressionistisch gemaltes Bild von der Wand riß, mit seinen widerlichen Stiefeln zertrampelte und dazu schrie: „Ich will fertig gemalte Bilder sehen.“

Diese reaktionäre Kunstdiktatur hat ihren guten Sinn. Kommunismus sowohl wie Nationalsozialismus wollen in ihrem totalitären Anspruch auf das Denken der Menschen alles ausschließen, was eine Wandlungsmöglichkeit der Ideen verrät und Unruhe bezeugen oder hervorrufen könnte. Das Streben nach Sekurität, nach unwandelbarer Sicherheit, das beiden Systemen zugrunde liegt, verträgt sich nicht mit künstlerischen Experimenten. Darin begegnen sie sich mit jenen, ängstlichen Naturen, die gleiche kleinbürgerliche Neigungen haben und eigensinnig an einem Weltbild festhalten, obgleich es kein Bild mehr der wirklichen Welt ist,

Die Welt, wer wollte dies bezweifeln, ist aus den Fugen. Die Unruhe, die überall herrscht, findet zwar ihren sichtbarsten Ausdruck in Politik und Wirtschaft, aber zugrunde liegen ihr die ungeheuren Spannungen geistiger Umwälzungen, die in den Angriffen auf die christlichen Grundlagen der Ethik und jene humanistischen Ideale zum Ausdruck kommen, auf denen bisher unsere Kultur beruhte. Die tiefe Verzweiflung über die Zerstörung der abendländischen Welt hat einen Zug zum Nihilismus hervorgerufen, der in der Philosophie deutlich zum Ausdruck kommt.

Wie sollte ein feinnerviger Künstler hiervon nicht angerührt werden? Kunst ist Aussage, bei der Form und Inhalt miteinander übereinstimmen müssen. Kein Wunder also, daß die Künstler nach neuen Formen suchen, die dem zerstörten Inhaltadäquat sind. Die-Zerlegung in willkürliche Formelemente, wie sie der Kubismus vornimmt, die Absicht des Futurismus, durch völlige Auflösung der Form Bewegung, Tempo und ständigen Wandel in die Statik des Bildes zu übertragen, die Flucht in eine abseitige Geistigkeit in der abstrakten Kunst, die Aufhebung logischer Zusammenhänge und der Versuch, an Stelle der Vernunft die Willkür des individuellen Gefühls zusetzen, denen wir im Surrealismus begegnen, all dies sind Zeichen der gleichen Unruhe in der Welt, die der Künstler in neue Formen zu bannen versucht. Daß sie dem früher anerkannten Ideal der Schönheit immer entsprechen, wird niemand behaupten wollen. Aber es ist nicht so, daß Schönheit zu allen Zeiten als Sinn und Zweck der Kunst empfunden worden wäre.

Auch zur Zeit der großen Unruhe in der römischen Welt am Ausgang der Antike, um das Jahr. 300 also, wandte sich die Kunst von den hohen Schönheitsidealen ab, die von der griechischen Kultur her bis dahin herrschend geblieben ‚waren. Was zu jenen Zeiten modern war – die unteren Reliefs etwa vom Konstantinsbogen oder später die Mosaiken im Langhaus von Santa Maria Maggiore mit ihren „scheußlich geballten,“ Menschenknäueln oder die abstrakten Darstellungen der frühchristlich-koptischen Kunst –, muß denen, die noch am antiken Weltbild festhielten, abscheulich häßlich und unerträglich aggressiv vorgekommen sein. Auch damals liefen zwei Kunstrichtungen nebeneinander her, eine antikisierende, mehr und mehr verkümmernde und eine moderne, wildrevolutionäre, in der der geistige Gehalt die überlieferten Formen sprengte. Diese damals moderne Kunst aber hatte die Zukunft für sich, aus ihr entwickelte sich in dem totalitären byzantinischen Staat jene starre und strenge Darstellungsweise, die – einmal festgelegt – nur noch geringe Wandlungen zuließ. Aus ihr entsprang auch die abendländische Kunst mit ihrem immer neu quellenden Reichtum wechselnder Formen. Wir wüßten heute nicht viel von der geistigen Verfassung der Menschen zur Zeit der ausgehenden Antike und des frühen Christentums, wenn nicht die damaligen Künstler eine feinnervige Empfindlichkeit für die Geistes- und Seelenströme ihrer Epoche gehabt hätten und wenn sie nicht ohne Scheu gewesen wären, ihre „häßlichen Werke zu schaffen.