Kann die – Materie; denken? Diese Frage, die schon den Franziskanermönch Duns Scotus, einen der bedeutendsten Scholastiker, gegen Ende des 13. Jahrhunderts beschäftigt hat, ist heute erneut ins Blickfeld wissenschaftlicher Besinnung getreten. Sie entzündet sich vor allem an Erscheinungen Wie der von Werner Heisenberg beobachteten Unbestimmtheit im Verhalten der Elementarteilchen; aber auch die zeitgenössische Medizin kennt Probleme, deren Durchdenkung in letzter Konsequenz auf die gleiche erstaunliche Fragestellung hinausführt. Im medizinischen Bereich gewinnt sie die Formulierung: inwieweit ist jedes menschliche Körpergeschehen immer zugleich Geistgeschehen? Dies zielt im besonderen auf den Sinn aller Krankheit und forscht nach, der Rolle die der Seele innerhalb von Vorgängen zukommt, die man bislang für rein organisch-materieller Natur hielt. Und wenn man erst einmal soweit ist, selbst eindeutigen Organerkrankungen, etwa des Auges, der Haut, des Herzens, der Nieren seelische Bedeutung zuzuerkennen, dann hat man sich auch zu fragen,, welcher von beiden Vorgängen: der organische oder der seelische, der eigentlich führende sei. Die Antwort kann nicht mehr in der Blickrichtung der Kausalanalyse gefunden werden; denn Ursache und Wirkung stellen eine Beziehungsweise dar, die sich nur innerhalb des materiellen Horizontes abzeichnet. Nun aber soll ein Griff versucht werden, der Geist und Materie, Seele und Natur, Subjekt und Objekt gleichzeitig umspannt. Der Vorrang, der dadurch der Seele eingeräumt wird, ist daher nicht jener der Ursache vor der Wirkung, er trägt vielmehr deutlich den Charakter weltanschaulicher Entscheidung: es geht um eine neue Sinnfindung des menschlichen Daseins, die zugleich eine Seinserhöhung des Menschen bewirken soll.

Praktisch bedeutet das die Einführung der Psychologie in die Medizin, die sich seither mit einem gewissen Stolz ausschließlich als „exakte“ Naturwissenschaft gefühlt hat, während die Psychologie noch zu den „nichtexakten“ Geisteswissenschaften zählt; sie ist außerdem ausgesprachen subjektiv. Über die daraus entspringende Problemlage sprach kürzlich in Hamburg Professor Victor von Weizsäcker von der Universität Heidelberg innerhalb der Vortragsreihe „Weltbild der Gegenwart“ (vgl. „Die Zeit“ vom 28 Nov. 1946, 5. Dez. 1946 und 1. Mai 1947). In ihm präsentiert sich das eigentliche Haupt der neuen psychologischen Richtung innerhalb der deutschen Medizin: Verfechter und Vorkämpfer seiner eigenen weitgespannten und revolutionierenden Ideen in einer vorläufig noch stark polemischen Situation. Eben deshalb scheint es, daß man, um die Erfordernisse der Polemik und Apologetik zu erfüllen, ständig bemüht ist, die äußerste Grenze und die am weitesten vorgeschobene Position zu markieren, statt sich zunächst mit Geringerem, etwa mit einzelnen. von der neuen Auffassung getragenen Korrekturen an Diagnose und Therapie bestimmtet Krankheiten, zu begnügen. Gewiß (und damit fing man an): die psychogene Angina war eine Entdeckung, welche auch die alte Medizin, indem sie sie einfach zum Sonderfall erklärte, sozusagen gerade noch hätte verkraften können. Aber die geistigen Konsequenzen dieses „Sonderfalls“ sprengten die Grundlagen, auf denen, man stand Wenn auch die Seele als „Erreger“ auftreten konnte, dann war die rein kausalistische Lehre von den objektiven Krankheitserregern fragwürdig geworden. Es paßte auch nicht zu dem bisherigen Objektivitätsbegriff, der inneren Sinneswahrnehmung des Kranken den „vollen Wert einer gleichnishaften Darstellung“ zuzubilligen, wie es die medizinische Psychologie heute tut. Und diese Grundlagenkrise, zu der solche Beobachtungen und Überlegungen zwangsläufig führen mußten, macht eine umgreifendere Wissenschaftskonzeption, ein vertieftes ärztliches Bewußtsein, ein neues Bild vom vertieftes notwendig. Deshalb greift diese Besinnung soweit aus: ohne die bisherige Behandlungsweise durchaus umstürzen zu wollen, gewinnt doch die gleiche Therapie einen vollkommen anderen Charakter, wenn sie aus einem ärztlichen Wissen und Bewußtsein angewandt wird, das sich nicht nur den Krankheitsherd, sondern einem menschlichen Schicksal gegenübergestellt weiß, das seinen eigenen Sinnanspruch an die Krankheit erhebt. Vom Patienten sowohl als vom Arzt wollen dann die Erkrankung wie die Heilung verantwortet wer-So scheute sich von Weizsäcker nicht zur Beantwortung der Frage „Warum wird ein Mensch krank?“ den alten Pythagoras aufzurufen, der zu seiner Zeit schon – 540 v. Chr. – eine Selbstverantwortung des Menschen für seine Krankheit gelehrt hat. „Nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch selbst ist der Keim“, war eine der im stärksten herausgehobenen Stellen dieses an. glänzenden und zugespitzten Formulierungen wahrlich nicht armen Vortrages.

Von Weizsäcker faßt die Psychologie in der Medizin als eine Frage der Gegenseitigkeit, mit modernem Ausdruck: als Sozialproblem – oder, mit einem Terminus der Psychoanalyse: als Übertragung auf. Krankheit ist, das wurde an einer Interpretation des Buches Hiob deutlich, der Kampf des Menschen mit sich selbst und mit Gott. Bei der naturwissenschaftlichen Objektivität in Sachen der Krankheit besteht die Gefahr, daß der Menschin diesem Kampf in Stich gelassen wird: es fehlt diese Gegenseitigkeit. „Das Christentum, welches die Hieb-Frage aufnimmt und fortführt, hat nicht vermocht, sich naturwissenschaftliche Sachlichkeit anzueignen und in religiöse Gegenseitigkeit aufzuschmelzen. So entstand die Tatsache einer objektiven, aber dafür psycholcgielosen Medizin. Ich sage nicht, daß das Christentum oder Hiob im Grund eine Psychologie sei, aber ich sage, die Psychologie ist erschienen, weil die Naturwissenschaft an sich gottlos, weil menschlos ist. Solange also Wissenschaft und Religion von einander getrennt sind, solange behelfen wir uns mit Psychologie.“ – Nach solchen Ausführungen nimmt nicht wunder daß von Weizsäcker die Psychologie und ganz besonders die Psychoanalyse als Abkömmling alter Morallehren begreift, ja als angewandte Moralwissenschaft selbst.

Entfernt sich die neue Schale mit derartigen Gedankengängen nicht allzu weit von der realen Praxis? Schon die Frage, die an dem Gegensatz von Theorie und Praxis festhält, beweist ein Verharren auf dem Boden kausalistischer Medizin; denn für die neue Wissenschaftsgesinnung gibt es diesen Gegensatz mit solch trennender Schärfe gar nicht mehr, wohl aber ist ihr der geistige Ort, auf dem die – Heilkunst bisher stand, weithin fragwürdig geworden; er ist nicht – um das Kriterium Ortega y Gassets zu gebrauchen – „auf der Höhe der Zeit“. Die Rückwirkungen der Wissenschaftslehre und Anthropologie, die die Psychologie von Weizsäckers geben will, auf die praktische Therapie werden trotzdem gewaltig sein. Deshalb ergeht sie sich auch zunächst so scheinbar unbekümmert um manche praktischen Fragen an den äußersten Grenzen des neu abzusteckenden Bereiches, das von ihr mit den ewigen trigonometrischen Punkten. Gott, Mensch und Natur ausgemessen wird. Das Leben der Menschen einschließlich seiner Krankheit soll innerhalb des Haushalts der Natur begriffen werden – „Bio- und psycho-physische Einheit bestreite ich, aber nicht die naturpsydiologische“ – unter durchaus ethischem und metaphysichem Horizont. Die Krankheit „soll das Senkblei, der Prüfstein sein, an dem wir erfahren, wo wir eigentlich sind.“

Vielleicht vermag das Gedankenexperiment, das von Weizsäcker in seinem Vortrag anstellte, gerade in seinem genial-hypothetischen Charakter am besten zu verdeutlichen, welches Anliegen der Psychologie bei ihrer neuerlichen Einmischung in die Medizin verfolgt und was das eigentliche Wesen dieser neuen Wissenschaftsgesinnung ist. „Wir wollen uns vorstellen – hier kann nur das wörtliche Zitat die Leidenschaft und Intensität dieses neuen Denkens wiedergeben! – „wozu wir nach dem Verlauf der Dinge ein volles theoretisches Recht haben, daß eine völlige Beseitigung aller organischen Krankheiten durch die naturwissenschaftliche Medizin eingetreten sei. Es soll uns gleich sein, ob das in 500 oder in 5000 Jahren der Fall ist. Was wird dann für ein Zustand eintreten?.. Dann wird der moralische Krieg der Menschen untereinander: Dimensionen annehmen, daß man sich nach der Zeit der Krankheiten zurücksehnen wird wie nach einem goldenen Zeitalter. Ob das unsere heutigen Neurosen sein werden, ob Eheunfähigkeit, ob es politischer Hader, soziale Unfähigkeit sein wird, weiß ich nicht. Wenn die organischen Krankheiten verschwunden sind, dann werden, wir uns nicht gesund preisen dürfen, das wage ich zu behaupten nach Beobachtungen, zu denen wir einen vollen Zugang heute haben.“

Heinrich Leippe