Von Jan Molitor

Die Friesen auf Sylt sind augenblicklich in doppelter Hinsicht in der Minderheit. Einmal der Badegäste und der Flüchtlinge wegen, die die Insel bevölkern – Beweis: Kampen, dieser in mancher Beziehung interessanteste Punkt des Eilands, besitzt nur ungefähr 300 Seelen friesischer Ureinwohner, aber rund 1500 Flüchtlinge –, ein andermal wegen der Dänen. Über die Minderheit gegenüber den Flüchtlingen wird viel gesprochen – und durchaus nicht immer im Guten –, über die andere Minderheit, nämlich über die Zugehörigkeit zur dänischen Minderheitspartei, spricht man nicht. „Frisia non cantat“, sagt schon ein alter Spruch aus der Welt der Kirche. Die Friesen singen nicht....

Dennoch! Wie wohltuend ist ihre Gelassenheit Sie sahen schon gelassen zu, eiskalt bis ans Herz hinan, wie Hermann Göring, der am Strand von Wenningstedt, unweit von Kampen, eine seiner vielen Sommerresidenzen errichtet hatte, sich im Meere wälzte, einem Walroß gleich, das nach gehabtem Bade von schnellen Dienern in einen königlich wallenden Mantel gehüllt wurde. Die Friesen von Sylt, sie haben auch weder gesungen noch Heil geschrien, wenn Göring auf die Idee kam, unangemeldet in ihrer Mitte aufzukreuzen: also geschehen und also von Höchstselbst übel angemerkt in Kampen, wo beim Erscheinen des Gewaltigen niemandem die Tabakspfeife aus dem erstaunten Munde fiel. Auch scheint es nicht, daß die Friesen von Sylt sich dazumal, als das Nordische so hoch im Kurse stand, etwas darauf eingebildet haben, die nordischsten und also vornehmsten aller Deutschen zu sein. Auch diese Melodie haben sie nicht mitgesungen. Sie haben’s alleweil den Fremden überlassen, auf die äußerste Landzunge oberhalb, des alten Fischer- und Hafendorfes List hinauszuwandern, wo jeder Besucher an einem geographisch festliegenden Punkt angesichts des bewegten Meeres die innerliche Sensation erleben kann, daß es nördlicher nun einmal nichts Deutsches mehr gibt. Eine größere Sensation, allerdings äußerlicher und weitaus aktueller Art, hat jedoch die Südspitze der Insel zu bieten, wo in Hörnum sonnabends und montags der Dampfer „Glückauf“ aus Hamburg anlegt und wo die Fahrgäste von einem stattlichen Beamtenaufgebot bis auf. den letzten Winkel ihrer Koffer durchsucht werden. Die Gäste, müde und abgekämpft nach einer am Ende vielleicht. noch stürmischen Fahrt, versuchen gelegentlich nicht nur, undurchsucht über einen Zaun zu entkommen, sondern sie schimpfen und klagen, daß es einen Teufel zum Erbarmen stimmen könnte, nicht aber die – Beamten, die offenbar endlich wissen wollen, wieso Westerland im dritten Jahr nach Kriegsende das ganz groß en vogue befindliche Dorado derer ist, die das „schwarze Leben“ mit allem zugehörigen Tandaradei dem grauen Alltag vorziehen. Die Friesen aber stehen auch hierin abseits und singen nicht; Sie haben ihre Pensionen, „Odin“ oder „Dünenblick“ genannt, und sehen auf das Nächstliegende, und nur innerlich ist ihr Blick ostwärts und nordostwärts gerichtet, wo in der Nähe von Kampen und List an Tagen, die kein gutes Wetter künden, über das Wattenmeer hinweg ein paar Bürstenreihen sichtbar werden: Bäume an der dänischen Küste. In den Nächten blinkt aus Norden ein Leuchtfeuer: das ist das Lichtzeichen der Insel Rom, das ein Spötter im haßerfüllten Flüchtlingslager von Kampen folgendermaßen übersetzte: „Speck... Speck... Speck...“

Tatsache ist, daß überall dort auf der Insel, wo es mit rechten Dingen zugeht, Schmalhans Küchenmeister ist. Nie hat die Landwirtschaft auf dem schmalen südlichen Teil von Sylt, an dessen Ende jenes gefürchtete Hörnum liegt, nie haben auch die Bauernhöfe auf dem mittleren Teile, wo die Insel sich dickbäuchig vorwölbt, wo Westerland und Keitum liegen und wo die Eisenbahngleise des Hindenburg-Dammes die Verbindung zum Festland herstellen, Wesentliches zur Ernährung der Sommergäste beisteuern können. Die nördliche Hälfte der Insel obendrein, von Westerland und Kampen bis hinauf nach List, ist Heide, Düne, Sand; Flächen, die von Malern abgeweidet werden, nicht aber von Kühen, denen nur ein bißchen allzu trockenes oder allzu nasses Weideland am Wattenmeer zur Verfügung steht Sehr spärlich sind hier die Äcker. So bleibt das Festland die Ernährerin, besonders für die Sommergäste, die auch auf Sylt ihre Sommersorgen haben.

Nun aber dieses Westerland! Es bietet, was sonst die Großstadt bietet, Theater, Kino, Konzerte, und Gelegenheiten, sich zu zeigen und dabei gar Schönheitskönigin zu werden. Aber da es nur eine kleine Stadt ist, fällt alles doppelt auf; was anderwärts im Schatten der Häuser und Trümmer verborgen bleibt. Es fallen auf: die neuen weißen Strandhosen, die neuen Anzüge, die hübschen Kleider, die wohlgenährten Frauen, die flotten Mädchen, die Männer mit den Schnellen Raubtierblicken; auch die Kellner fallen auf, die Vielgewandten und Vielzüngigen, – die dennoch anscheinend das Wort „Schwarz“ in der deutschen Sprache ebensowenig kennen wie „Noir“ auf Französisch und „Black“ auf Englisch, und die trotzdem flink servieren, wenn man’s versteht, so solide-unsolide aufzutreten, wie sie‘s erwarten. So einfach aber ist das nicht! Ich weiß von einem Manne: der hatte sich die hundert bis zweihundert Mark, die ein leidlich anständiges Abendbrot, westerländischer Art kostet, wohl in die Tasche gesteckt, bereit, sich einmal „schwarz“ zu sättigen, und wurde doch vom Kellner glatt an die Polizei verwiesen, so daß er seine Beine in die Hand nahm und davonstürzte, tief überzeugt: dies sei kein „Schwarz-Lokal“ gewesen. O nein, so einfach ist das nicht! Man muß. das Auftreten haben, man muß die Hinterzimmer kennen, man muß eingeführt sein. Das ist überall so oder kaum anders. Nur – diesmal scheint es, ab hätten’sich sehr viele Eingeweihte just wie auf Verabredung in Westerland getroffen. Daher hat die Insel Sylt in dieser Saison der Sommersorgen denselben Ruf, den – zu Recht oder Unrecht – im vorigen Jahre Borkum genoß. Vielleicht wird’s im nächsten Jahre, eine andere Insel, eine andere Inselstadt sein, wo sich das große Tandaradei solch unromantischer Prägung entfaltet. Und es gibt gemag Leute auf Sylt, die diese Wandlung nicht beklagen würden. Dies sind vor allem die Menschen einer besonderen Kategorie; nicht friesische Einwohner, nicht Badegäste, nicht Flüchtlinge, geben sie doch zumal dem Dorfe Kampen eine bestimmte Note. Insulaner nicht von Geburt, sondern aus Überzeugung, haben sie sich an dem schönsten Flecken der Insel angesiedelt: an jener schmalen Stelle, wo man, wenn man auf die Dünen steigt, sowohl die freie Nordsee im Westen als auch die stille, in Flut und Ebbe atmende Wattenbucht überblicken kann. Dabei ist ihnen die Nordsee schon ein bißchen argwenig geworden – dieses ewige Crescendo und Dekrescendo des Meeresrauschens, dieses alte Auf und Ab der Wellen und Wogen! – gegenüber der Ruhe und ernsten Zärtlichkeit des Warts, dessen zartes Farbenspiel einzufangen bisher keinem Maler gelang. Sand und Dünen, Wasser, Wolken und Wind. Das bleibt sich ewig gleich im Frühjahr, Sommer und im Herbst, jahraus, jahrein: die Insel verändert sich nicht, es sei denn im Winter, wenn de Künstler und Kunstgewerbe, die Philosophen und Schriftsteller, soweit sie auf Sylt verbleiben, – ganz besonders jämmerlich frieren. Doch jetzt im Sommer? Ende der Welt! Glückliche Ferne von den Festlandssorgen, die, von Kampen aus gesehen, oftgenug ganz besonders dumm und überflüssig ersheinen! Unveränderliche Insel. Freilich, die Austernbänke sind zerstört: die Soldaten, die während des Krieges auf Sylt lagen – in Erwartung kriegerischer Dinge, die niemals kamen –, haben hier wenig Rücksicht genommen. Und auch-Vögel gibt’s im einstigen Vogelparadies nicht mehr in alter Fülle: der Motorenlärm der Flugzeuge hat sie vertrieben. Es blieben die Dünen, die, je nach den Lichtspiegelungen der Luft, einmal wie wuchtige Gebirge, ein anderes Mal wie konturlose Arabesken erscheinen. Es blieben der Sand, die Heide, der Wind und das Meer.

Aufs Watt hinaus schaut der Pavillon, in dem Willi Forst den „Bei amf-Film schrieb, zwischen Dünenwellen duckt sich das runde Miniaturhaus, in dem einst Erich Kleiber die Partituren für die großen Konzerte des Winters studierte. Und am Watt, zu Füßen seines kleinen Häuschens mit der großen Bibliothek, kannst du den Kulturphilosophen und Schriftsteller, dessen in fünfzehnjähriger Abgeschiedenheit geschriebenes Buch vielleicht morgen schon die Gemüter erregen wird, ein Schaf melken sehen, bevor er an seinen Schreibtisch geht. So ist in Kampen nicht nur gefaulenzt sondern auch gearbeitet worden. Wie sonst käme das Haus von Ferdinand Avenarius ins Dorf? Halb bayrisch, halb friesisch, ein. überdimensionales Knusperhäuschen. verrät es, daß sein Erbauer, der arbeitsreiche, feingebildete Avenarius. der einst durch seinen „Kunstwart“ weitreichenden Einfluß auf die Bildung seiner Zeit nahm dabei selber nicht frei von Stilgefährdung, nicht frei von jener romantisierenden Tandaradei-Stimmung war, die schließlich – von Sylt ausgehend – nicht zum Besten der deutschen Kultur überhand genommen hat. Volkstanz und Brauchtum, Dünenmalerei, nackte Menschen – nicht wie heute nur splitternackt zwischen Kliff und Düne, weil sie faulenzen und in der Sonne braten wollen, ein ungefährlicher Anblick nach dem Worte von Karl Krauß, daß Nacktheit kein Erotikon, sondern Anschauungsunterricht sei, sondern nackt aus Überzeugung damals –, keulenschwingend. sonnenanbetend am Strand, Pseudoschwingend, aus der Stadt zur Insel importiert, Kling-klang-gloria und Tandaradei. Und die echten Friesen standen dabei. Sie haben schon damals nicht mitgesungen.