Von Horst Lange

Wovon ich eigentlich erwachte, vermochte ich anfangs nicht zu sagen. Zunächst nahm ichnur wahr, daß ich nicht mehr schlief. Aber schön diese Wachheit war sehr fragwürdig, denn es konnte sehr wohl möglich sein, daß das dämmrige Pensionszimmer, in dem ich zu mir kam und das ich gestern abend übermüdet betreten und in seinen Einzelheiten kaum mehr wahrgenommen hatte, nur in Meiner Phantasie, existierte. Es glich einer düsteren Bühnendekoration, die den Auftritt des Bösen erwartet. Allmählich nahm das Wirkliche überhand, die Ängste verflüchtigten sich. Schließlich entsann ich mich, daß ich mich in einer großen Stadt befand, mitten zwischen den unübersichtlichen, weiten Trümmerfeldern, gleich riesigen Abfallhaufen. Langsam erst begriff ich, daß es Musik war, die mich geweckt hatte; – ich kannte sie gut, diese lange nicht mehr gehörte, hallende Sonntagvormittagsmusik aus zahllosen Lautsprechern, die einander überbrüllten – ausgeruht, wie sie waren und mit, der Rücksichtslosigkeit ihrer mechanischen Stimmen. Es erleichterte mich sehr, zu wissen, daß es Sonntag war.

Ich hatte die staubigen Vorhänge beiseite gezogen das Fenster geöffnet und mich wieder ins Bett gelegt. Eine Welle lauer Sommerluft drang herein. Zwischen den Ruinenwänden dufteten die alten Bäume, die den vielfältigen Tod überstanden hatten. Die Schuttberge im Hof waren mit einer eifrig grünenden Vegetation aus Unkraut bedeckt.

Am Sonntagmorgen sieht alles frisch aus. Auch das Abgenützte und Ruinierte wirkt längst nicht so trostlos wie sonst. Ich versuchte mir zu erklären, wieso die Dinge zu gewissen Zeiten ein anderes Aussehen annehmen, als sie es für gewöhnlich haben. Auf einmal erinnerte ich mich deutlich an einen schattigen, lichtlosen Hinterhof in Berlin, der an Wochentagen düster, ja mürrisch wirkte, mit seinen schäbigen, Brandmauern, von deren der Putz in großen Schuppen abbröckelte, und wie er sonntags einen festtäglichen Glanz bekommen hatte und sich aufhellte und auf seine bescheidene Art sogar schön wurde.

Ich lag da und entsann mich vergangener Sonntagvormittage. Nichts mehr von ihnen war übrig als ein wenig Farbe und Licht, als einige Gerüche und das Echo eines Gelächters, in dem sehr viel Glück gewesen sein mußte. Die Sommerluft blähte die Vorhänge, der Himmel war blank aber eine zunehmende Schwüle machte sich schon jetzt bemerkbar – vielleicht kündigte sie ein Gewitter an. Der Lautsprecherchor dröhnte weiter, er hatte einen brutalen Vorsänger bekommen, mir zu Häupten, aber so sehr er auch gellte, er vermochte nicht die beiden Stimmen zu übertönen, die dort oben hörbar geworden waren: die einer jungen Frau und jene eines jungen Mannes. Während, ich den ersten Worten des Gesprächs lauschte, das zu mir herabdrang, taufte ich die beiden Unsichtbaren Adam und Eva. Wenn nämlich, so sagte ich mir in meiner durch Schläfrigkeit und Traum erweichten Logik, der Sonntagmorgen die Dinge neu macht, so müßte er eigentlich auch die Menschen neu machen – deswegen Adam und Eva.

Adam: (gurgelt langanhaltend und mit großer Wollust, in den Pausen unartikuliert, mit einem paradiesischen Sing-Sang): „Hörst du die Posaunen blasen, hörst du sie, hörst du sie? Wieso eigentlich Posaunen? Eben deswegen. Hörst du sie, hörst du sie? Verdammt gutes Wetter! Verdammtes gutes Wetterchen Pack das Badezeug ein, Eva! Wir nehmen den Mittagszug.

Eva (trällert melodisch, sie hat eine überaus wohlklingende Stimme, zweifellos ist sie eben dabei, den Ersatzkaffee aufzubrühen).