Auf Befehl der Militärregierung wurde das Reichsversorgungsrecht über die Versorgung Kriegsbeschädigter und ihrer Hinterbliebenen außer Kraft gesetzt. Die Bestimmungen des Invaliden- oder Angestelltenversicherungsgesetzes wurden durch die Direktiven der Militärregierung auch auf den Kreis der Kriegsbeschädigten ausgedehnt. Da jedoch fast 80 v. H. derjenigen, die Anspruch auf eine Kriegsversehrtenrente hatten, nicht unter die neuen Gesetze fielen, verloren sie ihren Rechtsanspruch auf Rente. Nun wurde mit der Herausgabe der Direktive Nr. 27 ein neues Versorgungsrecht geschaffen, das die individuelle Behandlung des Versorgungsberechtigten sichert und ihm sowie seinen Hinterbliebenen einen Rechtsanspruch auf eine Rente gibt. Am 1. August tritt die neue Anordnung in Kraft. Danach sollen die Leistungen nach den Grundsätzen der gesetzlichen Unfallversicherung gewährt werden. Ausgenommen sind Personen, die körperliche Schäden bei Dienstleistungen im Auftrage der NSDAP, deren Gliederungen oder angeschlossenen Verbänden erlitten haben, sowie als Hauptschuldige oder Belastete bei der Entnazifizierung verurteilte Personen. Anspruchsberechtigt sind Personen, die infolge unmittelbarer Kriegseinwirkungen oder in Ausübung eines militärischen oder militärähnlichen Dienstes Gesundheitsschäden erlitten haben. Ihnen gleichgestellt sind die Hinterbliebenen einer Person, deren Tod auf die gleichen Ursachen zurückzuführen ist, oder von Verschollenen, wenn mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, daß der Tod die gleichen Ursachen hatte.

Für die Versorgung der Kriegsbeschädigten und ihrer Hinterbliebenen hat die Militärregierung einen bestimmten Betrag pro Jahr zur Verfügung gestellt, so daß eine Bedürftigkeitsprüfung erforderlich ist. Das sonstige Einkommen der Anspruchsberechtigten wird bei der Berechnung der Rente in Ansatz gebracht. Es ist jedoch Vorsorge getroffen, daß jedem Anspruchsberechtigten, trotz der Anrechnung seiner sonstigen Einkünfte, eine Rente gewährt wird. Bei Verlust der Erwerbsfähigkeit von 40 v. H. oder weniges-sind mindestens RM 10,– monatlich zu zahlen. Anspruchsberechtigte mit einem Verlust der Erwerbsfähigkeit bis zu 60 v. H. erhalten mindestens RM 20,–, bis 80 v. H. RM 30,– und über 80 v. H. RM 40,– monatlich. Es besteht Zwang zur Angabe des Einkommens und seiner Veränderungen, wobei als „sonstiges Einkommen alle Arbeitseinkünfte nach Abzug der Sozialabgaben angesehen werden, ebenso Kapitaleinkommen, Pensionen, Renten oder ähnliche Bezüge aus. anderen Ansprüchen. Nicht zur Anrechnung gelangen Einkünfte aus gelegentlicher oder geringfügiger Arbeit. Den Arbeitgebern der Anspruchsberechtigten ist es untersagt, wegen des Rentenbezugs einen geringeren Lohn zu zahlen. Besteht Anspruch auf zwei Renten auf Grund der neuen Vorschriften, so wird die höhere Rente gezahlt.

Die neuen Leistungen werden, nur auf Antrag gewährt, doch ist ein Antrag nicht mehr erforderlich, wenn bereits frühere Rentenbescheide vorliegen. Ebenso wird in diesen Fällen kein neuer Bescheid erteilt. Vorbehaltlich einer endgültigen Festsetzung werden Kriegsbeschädigte und ihre Hinterbliebenen in Versehrtengruppen eingeteilt:

Beschädigtengruppe I

Verlust der Erwerbsfähigkeit von 30 v. H.

Beschädigtengruppe II

Verlust der Erwerbsfähigkeit von 50 v. H.