Anatole France war der Ansicht, daß lediglich die Träume! Schriftsteller und Künstler das Volk zu lenken vermögen; er hat in Villon, Rabelais, Monteigne und Voltaire die vorzüglichsten Dirigenten der französischen Geschichte gesehen. Bei uns in Deutschland allerdings haben die Spötter weit weniger Einfluß gehabtals die Pathetiker. Man zog allenthalben die dröhnenden Baßposaunen dem leichten, scharfen Spiel der Klarinetten vor. Nun aber hat sich in Düsseldorf im Bilderladen der Mutter Ey – sie ist eine der wenigenoriginellen Sammlerinnen, die so etwas wie Montmartregeschmack besessen und beispielsweise Max Ernst protegiert haben – ein politisches Kabarett von klarinettenhafter Geschmeidigkeit und Schärfe aufgetan. Das Kabarett heißt kurzweg das Kommödchen: ein kleiner Raum, sozusagen ein geistiges Boudoir, in dem sich Heinrich Heine und Johan Fischart wahrscheinlich wohlgefühlt hätten. Besitzer ist Kay Lorentz, seine feschste Hausangestellte ist Lore Lorentz, aber es gibt in dem Ensemble, das sich beispielsweise mit dem „Westen Nichts Neues“ befaßt, so unterschiedlich witzige Charaktere wie H. W. Clasen, Bernd Nesselbut und Helmuth Dammers.

„Im Westen nicht Neues? So hieß es vor Zeiten, doch leider muß man das heute bestreiten. Im Westen nichts Neues? Man könnte fast prahlen, es tut sich gar vieles in Nordrhein-Westfalen. Im Westen nichts Neues? Wer glaubt so was nur? Es tut sich so vieles um Rhein und um Ruhr. Ich und du, Müllers Kuh, wer spricht mir die Schiffahrt zu? Schere, Stein, Schere, Stein, Duisburgs Hafen, der ist mein!“

Bekanntlich liegt, das Kabarett auf der Straße (des. zwanzigsten Jahrhunderts). Man braucht nur im Gästebuch eines Schweizer-Hotels drei Namen aufzulesen: Agartz. Adenauer und Sthamer. und schon ist der sophokleische Dialog perfekt: guten Hunger! – Es wird jedoch nicht nur Eidgenössisches, sondern auch Zeitgenössisches abgehandelt So trumpft die „Bürgerballade“ mit der Erkenntnis, auf: „Der Abenteurer des zwanzigsten Jahrhunderts ist heute der Familienvater.“ Für weichere Gemüter wird die „Kö“ besungen, die Hauptstraße von Düsseldorf, deren Trümmer mit verherrlicht werden. Hier der Refrain: „Was nützen heut Symbole diesen Narren? Was nützt heute eine Göttin, die antik! Herr Maier hat ein Kistchen mit Zigarren. Das ist für ihn in jedem Fall ein Sieg.“

Das geistige Kompensationsgeschäft des politischen Kabaretts ist der politische Kuhhandel. Ein witziger englischer Offizier hat den Vorschlag gemacht, solch ein Kabarett als parlamentarischen Schulungskurs auszubauen. Dafür ist das Kabarett aber beileibe zu ernst. Oder sollten wir Deutsche Fortschritte darin gemacht haben, über uns selber zu lachen? Und dies nicht nur im Kabarett? V.