Im Juni dieses Jahres ist Carl von Schubert gestorben, Stresemanns langjähriger Mitarbeiter und Staatssekretär des Auswärtigen Amts während der Periode deutscher Außenpolitik, die durch die Namen Locarno und Genf gekennzeichnet ist. Staatssekretäre pflegen nicht Wie parlamentarische Minister in der Öffentlichkeit hervorzutreten, aber Schuberts Name hatte in den Kreisen der inter-– nationalen hohen Politik einen guten Klang, und seine hohe massige Gestalt fehlte an keinem Konferenztisch jener Zeit. Er war ein routinierter Diplomat der alten Schule. Sein gründlich arbeitender Verstand brachte ihm die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer europäischen Einigung als der einzigen Rettung aus schon damals drohende! Verwirrung. Aber der Einigung Europas mußte eine ehrliche deutsch-französische Verteidigung vorausgehen. Ein von allen Ressentiments bereinigtes Einverständnis zwischen den beiden großen Völkern des Kontinents mußte nach seiner Meinung die Grundlage der europäischen Gemeinschaft bilden. Diese Auffassung, die er mit Stresemann teilte, war die Richtschnur, nach der diese beiden Männer in den entscheidenden Jahren nach dem ersten Weltkrieg die deutsche Außenpolitik leiteten.

Im August 1923 übernahm Stresemann die Leitung der deutschen Außenpolitik, zunächst als Reichskanzler, wenige Monate später, als Außenminister – unter wechselnden Kabinetten; er blieb in der Wilhelmstraße bis zu seinem Tode 1929. Erstaunlich ist die Entwicklung, die Deutschland während dieser sechs Jahre wieder zu einem Faktor im internationalen Kräftespiel gemacht hat. Im Sommer 1923 war das Reich auf dem Tiefpunkt seiner Geltung angelangt, in einer hoffnungslos verfahrenen Situation, umgeben vom Haß und der Verachtung der ganzen Welt, im Inneren politisch und wirtschaftlich zerrüttet; sein Produktionszentrum lag hungernd und gelähmt in fremder Hand. Ein Jahr später schon war das unglückselige Reparationsproblem wenn nicht endgültig gelöst, so dochseher politischen Gefährlichkeit entkleidet und durch das unter amerikanischer Führung zustande gekommene Sachverständigengutachten, später allgemein Dawesplan genannt, auf eine gesicherte rechtliche Basis gestellt. Wieder ein Jahr weiter, im Herbst 1925, saß Deutschland gleichberechtigt am Konferenztisch von Locarno, mit allen Ehren wieder eingeführt in das europäische-Konzert, das den Bestand des Reichs gegen rechtswidrigen Angriff garantierte. 1926 hielt dann die deutsche Delegation ihren triumphalen Einzug in Genf, und Stresemann nahm im Völkerbundrat – damals wirklich ein „Rat der Völker“ – den ihm gebührenden ständigen Platz ein. Schon sechs Jahre nach dem tiefen Fall von Versailles war also das Reich wieder als europäische Großmacht anerkannt – trotz seiner militärischen Bedeutungslosigkeit –, und kaum ein Jahrzehnt nach der Ratifizierung des Friedensvertrags verließen die letzten fremden Truppen den deutschen Boden – fünf Jahre vor dem ursprünglich festgelegten Termin.

Eine solche rapide Aufwärtsentwicklung war keineswegs naturnotwendig, wenn es auch eine historische Erfahrung ist, daß ein kräftiges Volk sich nach einer schweren Niederlage verhältnismäßig rasch erholt, vorausgesetzt, daß die Wunden nicht zu tief gehen. Allmähliches Verschwinden der bitteren Gefühle aus der Kriegszeit, politisches Interesse am Gleichgewicht der Mächte, wirtschaftliche Erwägungen, kulturelle Bedürfnisse und manche anderen immanenten Kräfte des Völkerlebens tun das Ihre, um dem Besiegten wieder aufzuhelfen. Aber die Entwicklung muß nicht so gehen, es können auch die negativen Kräfte überwiegen. Stresemann hatte jene Gabe, die dem Staatsmann und Diplomaten angeboren sein muß: „flair“, ein sicheres Gefühl für Möglichkeiten, die bestimmte Situationen bieten, für den Zeitpunkt, in dem solche Gelegenheiten erfassen sind, für „Imponderabilien“. In der ewigen Sorge um Sicherheit sah Stresemann das Grundmotiv der französischen Politik dem zahlenmäßig stärkeren Nachbarvolk gegenüber. Dieses erklärliche Sicherheitsbedürfnis mußte befriedigt werden, um Frankreich und Europa Ruhe zu verschaffen. Gleichzeitig erkannte Stresemann, vorzüglich beraten vom britischen Botschafter in Berlin, Lord d’Abernon, das Streben Englands nach Wiederherstellung des traditionellen Gleichgewichts der Kräfte in Europa. Mit den politischen Zielen der beiden Westmächte verband der deutsche Außenminister das dringende Interesse des schwer erschütterten Reichs an der Stabilisierung der Verhältnisse, der Sicherung der eigenen Grenzen gegenüber Gewaltakten, wie es die Ruhrbesetzung gewesen war. England übernahm in Locarno die Garantie nicht nur der französischen, sondern auch der deutschen Sicherheit, so daß sich jedes der beiden, kontinentalen Völker Vor einem Angriff des anderen geschützt fühlte. Der Locarno-Vertrag vom 16. Oktober 1925 war ein diplomatisches Meisterwerk, daß den Lebensnotwendigkeiten aller Parteien diente, in erster Linie aber doch dem Besiegten von 1918 zugute kam. Deutschland in seiner damals eklatanten militärischen Schwäche war nunmehr in seiner Existenz gesichert, nach tiefem Sturz war es wieder gleichberechtigtes Mitglied der Völkergemeinschaft geworden. Die Engländer ließen in dem Raum, in dem kurz darauf in London der Locarno-Pakt unterzeichnet wurde, das Bildnis Lord Castlereaghs anbringen, jenes englischen Staatsmanns, der nach den napoleonischen Kriegen das besiegte und gedemütigte Frankreich wieder in das europäische Konzert zurückgebracht hatte.

Gleichzeitig mit der Lösung der Sicherheitsfrage wurden in Locarno die Grundlagen einer deutschfranzösischen. Entente gelegt, auf der Stresemann die europäische Gemeinschaft aufbauen wollte. Der deutsche Außenminister traf in seinem französischen Kollegen Briand einen kongenialen Partner; das – entscheidende Gespräch begann auf einer Dampferfahrt über den Lage Maggiore. Das kleine Schiffchen führte den verheißungsvollen Namen „Orangenblüte“! Aber das von Stresemann und Briand gepflanzte zarte Gewächs schoß nicht so rasch in die Höhe, wie es die beiden, über die nationalen Schranken hinaussehenden Staatsmänner wünschten. Auch das Gespräch von Thoiry, das ein Jahr später, kurz nach Deutschlands Eintritt in den Völkerbund stattfand, räumte noch nicht alle Hindernisse hinweg, dazu waren die Vorurteile auf beiden Seiten zu tief eingewurzelt, ja fast schon zu historischen Tatsachen, geworden.. Aber es ging doch vorwärts, und die Einsicht brach sich Bahn, daß der tausendjährige blutige Kampf einmal enden müsse, um schließlich nicht beide Kämpfer und ganz Europa zu vernichten. „Arrière les canons, arrière les mitrailleuses“ rief Briand in Genf, umtost vom Jubel der internationalen Versammlung.

Mit letzter Kraft noch setzte sich Stresemann im Sommer 1929 für die Annahme der neuen Reparationsregelung ein, für den sogenannten Youngplan, der die endgültige Räumung des Reichsgebiets von fremder Besatzung auslöste. Er starb wenige Wochen später als „libérateur du territoire“, stolz über das Erreichte, aber doch zermürbt von den gehässigen Angriffen einer Clique, die dem großen Deutschen, wie einst auch seinem Amtsvorgänger, Walter Rathenau, das Nationalgefühl absprechen wollte. Das Dritte Reich glaubte keiner europäischen Zusammenarbeit zu bedürfen; dem Völkerbund kehrte es den Rücken, den Locarnopakt zerriß es. Stresemann hat die frevelhafte Vernichtung seines Lebenswerks nicht mehr erlebt, aber sein Staatssekretär Carl von Schubert mag noch von seinem Krankenlager aus die neuen, mutigen und weitsichtigen Bemühungen der angelsächsischen Welt um ein einiges Europa mit der nervösen Spannung des alten Diplomaten verfolgt haben. Der Dawes-Plan, den Stresemann vor 23 Jahren von der ersten Londoner Konferenz mit heimbrachte, ein dokumentarischer Sieg, amerikanischen Wirtschaftsdenkens über Europas kleine politische Rancunen, ein „Gutachten der Sachverständigen“ im besten Sinne, schloß mit den jetzt wieder aktuellen Worten:

„Deutschlands Wiederaufrichtung ist kein Endzweck in sich selbst, sondern nur ein Teil des großen Problems der Wiederherstellung Europas.“

Herbert Richter