Von unserem Stockholmer Korrespondenten

Der Zusammenbruch Deutschlands hat auch für Schweden eine neue Welt geschaffen. Es wäre, übertrieben, zu behaupten, daß Schweden sich in dieser neuen Welt wohlfühle; aber es macht alle Anstrengungen, sich darin, so gut es geht, zurechtzufinden. Das Vakuum im Süden und das Fehlen einer europäischen Politik zwingen es zu einer Art. globalem Balanceakt zwischen der östlichen und der westlichen Hemisphäre. Diese politische Akrobatik stellt in jeder Beziehung, politisch, wirtschaftlich und militärisch, an Regierung – und Volk die größten Anforderungen.

In vieler Hinsicht war die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen für Schweden ideal: im Süden ein abgerüstetes, wirtschaftlich langsam erstarkendes Deutschland, im Osten eine Kette unabhängiger, ebenfalls friedlicher Staaten, und dahinter, in sicherem Abstand Rußland, der einzige Staat, mit dem Schweden im Lauf der letzten 200 Jahre Krieg geehrt hat. Außerdem gab es den Völkerbund, der, jedenfalls in seiner Blütezeit, gewissen Schutz im Notfall zu versprechen schien.

Jetzt sieht die politische Landkarte rings um Schweden erheblich anders aus. Deutschland ist verschwunden, und Rußland ist größer und stärker und vor allem wesentlich näher denn je. Das Spannungsfeld, in dem sich Schweden seit 1939 unablässig befunden hat, ist nicht verschwunden, sondern lediglich verlagert. Die Pole liegen weiter auseinander, aber die Spannung ist ungefähr gleich. geblieben. Deshalb hat Schweden große Anstrengungen gemacht, seine Rüstungen auf einen dergefährdeten Lage angemessenen Stand zu bringen. Anstrengungen, die natürlich finanzielle Opfer bedeuten.

Doch diese Opfer werden. willig gebracht. Über die Politik gegenüber den Weltmächten herrscht Einigkeit zwischen den Sozialdemokraten und der bürgerlichen. Opposition. Anders verhält es sich mit dem Urteil über die wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung. Wenn man den bürgerlichen Zeitungen glauben darf, so fehlt nicht viel – daran, daß man in Zukunft statt von „polnischer“ von „schwedischer“ Wirtschaft sprechen wird, wenn man einen besonders hohen Grad von Mißwirtschaft kennzeichnen will. Die liberalen „Dagens Nyheter“ erklärten vor kurzem, daß „das Versagen dieser Regierunng für schwedische Verhaltnisse ungewöhnliche Ausmaße“ angenommen habe,

Die Verstimmung richtet sich weniger gegen bestimmte konkrete Maßnahmen der Regierung (das angekündigte Sozialisierungsprogramm steckt immer noch in seinen Anfängen) als gegen die Art und Weise, Wie die Regierung, genutzt auf absolute Mehrheiten in beiden: Kammern des Reichstags, ihre Macht handhabt. So versprach Finanzminister Wigforss der Sowjetregicrung.einen Kredit von 1000 Millionen Kronen, ohne es für nötig zu finden, den Reichstag zu benachrichtigen. Die Aufwertung der Krone, die Einführung von Importbeschränkungen und ändert Maßnahmen . erfolgten ebenso überraschend und selbstherrlich – ungefähr, als sei die Regieung – in derselben glücklichen Lage wie die Hitler-Regierung nach Annahme des Ermächtigungsgesetzes. Sie kann es sich leisten, Ansichten,, die den eigenen widersprechen, zu ignorieren, solange nur die eigene Partei „Disziplin“ hält. Bisher hat – sie Disziplin gehalten.

Es ist nicht schwer, der Regierung Fehler nachzuweisen. Ihre Wirtschaftspolitik seit Kriegsende war sicherlich verfehlt. Schon deshalb, weil sie von einer falschen Konjunkturprognose ausging. Man rechnete mit einer Depression. in den Vereinigten Staaten und suchte sich vor deren Auswirkungen zu schützen Auch das Handelsabkommen mit Rußland, das Schweden wohl auf viele Jahre hinaus Arbeit, aber keine Waren, sichert, war – unter anderem – als Schutzmaßnahme gegen Depression und Arbeitslosigkeit gedacht. Die Rechnung stammte, so wenig, daß man heute Arbeiter aus Italien und anderen Ländern importieren muß, um das gewaltige Produktionspensum zu bewältigen. Statt unter Depression und Deflation leidet Schweden heute unter einer ungesunden Hochkonjunktur mit ausgesprochenen Inflationssymptomen. Auch die Aufwertung der Schwedenkrone war nach Ansicht, führender Wirtschaftskreise ein Mißgriff. Sicherlich hat also die Regierung „versagt“, und es. ist das gute Recht der Opposition, aus diesem Versagen nach bestem Vermögen Kapital zu schlagen. Sie vergißt dabei nur eins, daß nämlich nicht dies Versagen an sich entscheidend ist – jede Regierung kann versagen –. sondern daß dies Vorigen immer mehr „autoritären“ Charakter annimmt und damit allmählich aufhört, revidierter zu sein. Schon jetzt kann man in der schwedischen sozialdemokratischen Zeitung lesen, daß die Angriffe auf die Regierung „illoyal“ seien. Von „illoyal“ bis zu „staatsfeindlich!“ ist – kein allzu weiter Schritt. –