Von Karl N. Nicolaus

Man weiß, daß es früher auserwählte Menschen gab, die „Stimmen“ hörten: die Propheten und Gottsucher, Visionäre und Mystiker. Nostradamus, der als Astrologe und seiner Weissagungen wegen Aufsehen erregte, hörte Stimmen, die von Stern zu Stern schwangen. Auch der modernere Mystiker Swedenborg wurde von Stimmen aus dem Äther heimgesucht. Diesen Stimmen aus dem Äther war gemeinsam, daß sie mit Gott und mit den Geheimnissen jenseits der Welt zu tun hatten. Sie kamen aus metaphysischen Gefilden. Vom Standpunkt eines modernen Forschers aus wären es Sinnestäuschungen des Gehörs. Schön, mögen es solche gewesen sein: Ob das Hören von Stimmen erklärbar ist oder nicht, tut ihrer Bedeutung keinen Abbruch.

Heutzutage ist, wie nie zuvor, der Äther voll von Stimmen. Aber es sind andere, von Menschen ausgesandte Stimmen, und man – bedarf eines Apparates, um sie einzufangen. Die Stimmen aus dem Äther gehören zum Komfort unserer Abende. Das Radioprogramm ist eine Tabelle in unserem Tagesablauf, seit der Mensch sich des Äthers als eines Geräusche spendenden Raumes bemächtigt hat. Die Sender jagen Worte, Reden, Absprachen, Verlautbarungen und Drohungen – häufig mit besonderer Verve – in den Äther hinaus. Wahrheit und Lüge erfüllen in turbulenter Fülle das Gewölbe des Himmels. Der Mensch aber hockt in seiner Kammer, dreht an den Knöpfen des kleinen Mahagoni-Kastens und ist den Versuchungen ausgeliefert, die nun in sein Dasein hineinsickern. Er ist eine Beute der Stimmen – wie man eben nur Beute von Stimmen sein kann. Einen Trost hat er: die Musik. Denn auch einen wilden Wirbel von Musik stoßen die Sender in den Äther hinaus. Wie groß dieser Wirbel ist, vermag man zu ermessen, wenn der Radio-Apparat, wie es heutzutage häufiger vorkommt, infolge Altersschwäche nicht mehre, einwandfrei trennt. Dann wird Sphärenmusik zu einem mörderischen Gekreisch erstickender Zwischentöne.

Und dennoch: auch der Radiohörer von heute fischt in dem Chaos nach Stimmen, die vielleicht etwas teilhaftig sind des Geheimnisses der Welt. Er sucht nach Stimmen, die nicht nur Worte sind. Man verzeihe ihm diesen Luxus der Seele, daß sie nicht müde wird, in die Hintergründe der Welt zu horchen.

Manchmal geschieht es, daß in dieser Flut von Stimmen, die den Äther füllen, die eine oder die andere ist, die nicht vorrüberrauscht und ins Vergessen verweht, sondern sich einprägt wie ein Bild dem Auge. Weil man von ihr angesprochen wird – mehr als nur im akustischen Sinne.

In einer Rundfunksendung sprach kürzlich der Schauspieler Alexander Hunzinger Gedichte, und zwar las er unter anderen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht ...“ von Heinrich Heine. Das Gedicht ist bekannt, und ich habe es des öfteren gehört. Hier aber bekam es eine neue, visionäre, packende Gewalt. Es wehte ganz einfach daher, ohne große Ankündigung, ohne betonte Besonderheit – es schwang aus dem Äther heran, zögernd erst und dann war es nicht mehr die Stimme Hunzingers, sondern die des toten Dichters Heinrich Heine, der gleichsam aus dem Jenseits sprach. Und dann war es auch nicht mehr die Stimme Heines, sondern die Stimme der betrübten Menschheit schlechthin; die Stimme aus dem Äther glich denen, wie sie wohl die Propheten und Mystiker und Gottsucher einst hörten oder zu hören vermeinten. Und auch der Schauer war da, der den Menschen ganz klein macht vor den Stimmen. Und wo die Stimme eindringend hinschlug, da wurde der Mensch ganz nackt vor seinem Gewissen – und ganz wach.

Ich werde die Stimme dieses Mannes, der Alexander Hunzinger heißt, nie vergessen. Es ist dies beileibe keine alberne Redensart. Ich glaube vielmehr, daß es einen Raum der Seele gibt, in dem die unvergessenen Dinge wohnen. Und jene Stimme drang bis dorthin vor, nicht, weil sie einige Schwingungen mehr hat als die anderer Sprecher, sondern weil gerade in der Stimme etwas Metaphysisches war; es gibt gewiß eine Metaphysik der Stimmen, die man gemeinhin nicht zu beachten beliebt. Wenn ich zurückdenke über viele Jahre, so hat mich das Metaphysische einer Stimme bereits früher einmal angesprochen – ganz gegenwärtig. in der Stimme Kortners, der einst Gedichte von Berthold Brecht sprach. Von einem dieser Gedichte, der „Ballade von den Abenteurern“, begleitet mich diese Stimme in der Strophe: