Die russische Reaktion auf die Pariser Besprechungen ist vehement und giftig. Die Angriffe werden geleitet von der offiziellen sowjetischen Nachrichtenagentur TASS und im gleichen Sinn nach offenbar einheitlichen Richtlinien fortgeführt von den kommunistischen Zeitungen aller europäischen Staaten, Das Ziel ist, Mißtrauen zu Säen bei den Regierungen und Parteien derjenigen Länder, die sich auf Grund der Marshall-Aufforderung zusammengefunden haben, um einen gemeinsamen Plan für den Wiederaufbau Europas zu entwerfen, Die Hauptthese lautet: Amerika wolle mit Hilfe seiner Dollarmacht die europäischen Staaten für eigensüchtige kapitalistische Zwecke ausnutzen. Auf diese Weise solle der bevorstehende Zusammenbruch der amerikanischen Wirtschaft verhindert oder wenigstens auf einige. Jahre hinausgeschoben werden. Den amerikanischen „kapitalistischen Monopolen“ solle Gelegenheit gegeben werden, Gelder in der europäischen Industrie zu investieren, um sie auf diese Weise zu beherrschen. Damit verbunden sei der Plan, die aggressive antisowjetische Truman-Doktrin von Griechenland und der Türkei aus auf ganz Westeuropa auszudehnen. Es bestände unter anderem die Absicht, einen politisch und wirtschaftlich zusammengeschlossenen Block zu schaffen, der Schweden und Norwegen mit Dänemark vereinigen solle. Dies ist eine sehr geschickte Verdächtigung, die angesichts der skandinavischen Balancepolitik zwischen Ost und West durchaus geeignet ist, in den angeführten Ländern Unruhe zu erregen. Ebenso vergiftend wirkt, besonders in Frankreich, die Behauptung, Amerika plane, Deutschland mit Vorrang vor den Ländern aufzubauen, die durch die deutschen Angriffe zerstört und verwüstet sind und die daher mit Recht einen besonderen Anspruch auf Hilfe haben. Den Vereinigten Staaten wird sogar die Absicht untergeschoben, die Vorherrschaft Deutschlands in Europa nicht nur als Wirtschafts-, sondern auch als Militärmacht wiederherstellen zu wollen. Nach dem Abschluß der zweiten Pariser Konferenz wurde diese Störpropaganda noch verstärkt. Die Verärgerung war deutlich; offenbar hatte man eine so schnelle grundsätzliche Einigung nicht erwartet. Die „Neue Zeit“, das Organ der SED in Berlin, sprach verächtlich von einer Pariser Frühgeburt, und der Presseattaché der polnischen Botschaft in Paris ließ sich sogar dazu hinreißen, die Konferenz als eine „Gummistempel-Affaire“ und eine „betrügerische Schaustellung“ zu bezeichnen.

Angesichts solcher Feindseligkeiten liegt die Frage nahe, warum denn die Sowjetunion, wenn sie all das befürchtet, was ihre Organe der Welt verkünden, abgelehnt hat, an den Pariser Verhandlungen teilzunehmen. Wäre es nicht zweckmäßiger gewesen, den Besprechungen beizuwohnen, um die Beschlüsse zu beeinflussen oder am Verhandlungstisch selber zu torpedieren, statt sie von außen her zu bekämpfen? Gewiß haben Bevin und Bidault von vornherein erklärt, daß sie keine Verschleppungstaktik dulden würden, und diese Haltung hat ihnen jetzt auch die betonte Feindschaft aller kommunistischen Zeitungen eingetragen, die sie beschuldigen, die Vorkämpfer eines geteilten Europas zu sein. Doch durch solche Ankündigungen allein kann eine Großmacht vom Rang Rußlands in ihren Verhandlungsmethoden nicht festgelegt werden. Auch kann nicht die Befürchtung bestimmend gewesen sein, daß die osteuropäischen Staaten etwa, bei einem Abbruch der Verhandlungen zu einem späteren Zeitpunkt, der Sowjetunion nicht gefolgt wären, wenn sie die Konferenz verlassen hätte. Wie stark der Druck ist, den Rußland auszuüben imstande ist, hat sich deutlich gezeigt, als die Tschechoslowakei auf Moskauer Anweisung ihre Zusage zurücknehmen mußte. Es ist auch nicht anzunehmen, daß Rußland bereit sei, auf seine bisherige Führung in allen europäischen Fragen zu verzichten und den Vereinigten Staaten ohne weiteres das Feld zu räumen. Der Politik des Kreml liegt zweifellos ein anderes Kalkül zugrunde, und man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß hier das Bild eine Rolle spielt, das die russischen Politiker, die gewohnt sind, in längeren Zeiträumen zu denken, sich von den Möglich, keiten machen, die den Weststaaten auf Grund ihrer, demokratischen Methoden überhaupt offenstehen, wenn sie internationale Fragen von umfassender Bedeutung internationale

Man glaubt in Rußland, daß die Epoche der Demokratie zu Ende geht, daß eine freie Weltwirtschaft nicht wieder aufgebaut werden kann, daß die Entwicklung unausweichlich zu totalitären kommunistischen Formen hinlenkt und jeder Versuch; sich dem entgegenzustemmen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Daß die Pariser Konferenz zu einem Erfolg führen könnte, hält man daher für ausgeschlossen. Wenn sie aber zusammenbricht oder ihre Beschlüsse nicht durchgeführt werden können, weil der amerikanische Kongreß die notwendigen Dollarmilliarden nicht bewilligt – auch das glaubt man voraussehen zu können – dann wäre der Triumph für Rußland um so größer, je weniger es an den Konferenzen teilgenommen hat, je weniger man ihm also vorwerfen könnte, am Verhandlungstisch Obstruktion getrieben zu haben.

Selbstverständlich unterläßt man nichts, was dem Scheitern nachhelfen könnte. Einer der Hauptgründe für die heutige Not in Europa liegt ja darin, daß die alte Wirtschaftseinheit zerstört ist, daß der natürliche Austausch zwischen den agrarischen Ländern des Ostens und Südostens mit dem hochindustrialisierten Westen vom Eisernen Vorhang unterbrochen wird. Um diese Störung zu erhalten, hat man den Staaten der russischen Einflußsphäre verboten, an der Konferenz teilzunehmen. Rußland braucht diese Staaten für seine eigene Wirtschaft nicht. Für den Kreml sind sie ein Faustpfand, ursprünglich vermutlich gedacht, als Handelsobjekt zur Erreichung alter imperialistischer Ziele zu dienen: der Eroberung der Dardanellen sowie der Einverleibung Persiens und Sinkiangs. Diese Politik ist mißglückt Heute bilden sie ein Mittel, Europa in Unruhe und Abhängigkeit zu halten. Bevin und Bidault haben dies in Paris damit pariert, daß sie die Hilfsmittel des englischen und französischen Kolonialbesitzes für den Wiederaufbau Europas als Ausgleich für die fehlende Produktion der osteuropäischen Länder zur Verfügung gestellt haben.

Wirksamer als der direkte Angriff auf die Konferenz scheint im Augenblick die russische Propaganda zu sein. Einerseits richtet sie sich gegen die nordischen Staaten, von denen insbesondre Schweden durch einen etwas voreilig abgeschlossenen Handels- und Kreditvertrag, dessen Bedingungen sich als sehr drückend verweisen, mit der Sowjetunion eng verbunden ist. Man ist dort daher beunruhigt bei dem Gedanken, daß die Pariser Beschlüsse in Moskau als feindlicher Akt empfunden werden könnten, und dadurch wird die Entschlußfreudigkeit der skandinavischen Staaten hindernd beeinflußt. Der russische Hauptangriff aber geht gegen Deutschland und die Rolle, die seine Rohstoffe und seine Produktion nach amerikanischer Absicht bei dem Wiederaufbau Europas spielen sollen. Dieser Propagandafeldzug bedeutet allerdings eine wirkliche Gefahr für das Gelingen der Pariser Konferenz, denn er reißt alte Gegensätze von neuem auf und wendet sich an die Gefühle, die man am besten mit Haß und Furcht bezeichnen könnte, zwei sehr mächtige Faktoren also, die seit je die Einigung Europas verhindert haben.

Daß Deutschland durch die Zahl seiner Bevölkerung, durch seine Rohstoffe und seine Produktionsstätten berufen sein könnte, einen wesentlichen Beitrag zum Wiederaufbau Europas zu leisten, liegt auf der Hand. Von uns aus gesehen, scheinen alle Gründe der Vernunft dafür zu sprechen, ihm diese Aufgabe zuzuteilen. Aber die Vernunft der Besiegten ist fast nie die Vernunft der Sieger. Je größer die Verluste waren, je stärker das eigene Land durch den Krieg geschwächt worden ist, um so mehr wird der Sieger darauf bedacht sein, den eigenen Wiederaufbau voranzustellen und sich Sicherheiten gegen einen neuen Angriff zu schaffen.

Frankreich hat daher bei der Moskauer Konferenz den Plan vertreten, einen Teil der deutschen Rohstoffe und der deutschen Produktion in das eigene Land zu verlagern. Die natürliche Standortgebundenheit der Stahlproduktion an das Kohlenvorkommen soll dadurch aufgehoben werden, daß deutsche Ruhrkohle zur Verhüttung der Minetteerze nach Lothringen geschickt und deutsche Arbeiter nach Frankreich verpflanzt werden Das Ruhrgebiet selber sollte Deutschland entzogen, seine industrielle Produktion beschränkt und unter internationale Verwaltung gestellt werden. England hat sich bisher nicht dazu bereitgefunden, die alleinige Verwaltung des Ruhrgebiets aufzugeben, da es seine Zone selbständig lenken und dem eigenen Wiederaufbau anpassen will. Den Beschränkungen des Industrieplans hat es nur widerwillig zugestimmt aus der Erfahrung, daß, wie der „Economist“ schreibt, in einem zusammenhängenden Industriegebiet eine vernünftige Stahlerzeugung nötig ist, um eine hohe Kohlenproduktion zu ermöglichen. So war das Ruhrproblem schon vor der Pariser Konferenz eine Streitfrage zwischen den beiden europäischen Westmächten. Jetzt ist es in den Mittelpunkt der Verhandlungen – gerückt, jadurch das Eingreifen Amerikas zu einem so ernsthaften Konfliktstoff geworden, daß in französischen Zeitungen offen mit einem Scheitern der Verhandlungen gedroht wird.