Durch die bisher in der rheinisch-westfälischen Eisenindustrie durchgeführten II Entflechtungen sind ungefähr 50 v. H. der Rohstahl- und Roheisenerzeugung sowie etwa 40 v. H. der Herstellung von Walzwerkserzeugnissen betroffen.Die Ausgliederungen der Hochöfen, Stahl- und Walzwerke aus den Konzernen werden fortgesetzt. Es wird damit gerechnet, daß im ganzen 30 bis 35 neue Gesellschaften entstehen.

Die Erörterung über die Zweckmäßigkeit dieser Aktion und vor allem über die angewandte Methode ist im rheinisch-westfälischen Industrierevier wieder lebhafter geworden, nachdem, einer, der betroffenen Konzerne dem deutschen Planungs- und Ausführungsorgan der North German Iron and Steel Control, der Treuhandverwaltung in Düsseldorf, neue Vorschläge unterbreitet hat. Diese knüpfen an die kritischen Gedanken an, die schon früher drei Konzerne in einem Schreiben an das VAW Minden geäußert hatten, und weichen in wesentlichen Punkten von der bisherigen Entflechtungsmethode ab. Die Industrie ist nicht gegen eine organische Ausgliederung, durch die betriebsfremde Werke und Beteiligungen – aus den Konzernen herausgenommen werden; dazu gehört auch der schon immer umkämpfte Werkshandel. Sie will aber diese Ausgliederungen selbstverantwortlich in Zusammenarbeit zwischen Kapital und Arbeit im Auftrage der Treuhandverwaltung durchführen, damit nicht organische Zusammenhänge zerstört werden, die für eine wirkliche Gesundung der Eisen- und Stahlindustrie von entscheidender Bedeutung sind. Sie ist der Meinung, daß nur so eine „wirkliche Maßarbeit“ geliefert werden kann. Denn die Zerreißung der vertikalen und horizontalen organischen Verbundwirtschaft, die für die Ruhrindustrie ganz besonders charakteristisch ist, müßte den Gesundungsprozeß der Schlüsselindustrien beeinträchtigen. Wie unvorteilhaft, die Zerschneidung organischer Zusammenhänge ist, zeigt nach Auffassung der Industrie die Beobachtung, daß von entflechteten Betrieben bereits Revisionswünsche laut werden, die Getrenntes wieder vereinigen wollen. Es bestände die Gefahr, daß die Entflechtungsaktion immer mehr auch die verarbeitenden Werke, in ihre Kombinationen hineinziehe. Man befürchtet auch in Konzernkreisen, daß der neue, zur intensiveren und einheitlicheren Kontrolle der Restbetriebe von der Treuhand Verwaltung ins Leben gerufene Kontrollausshuß diese Tendenz nicht abschwächen wird.

Die Industrie stellt sich in ihren Vorschlägen nicht gegen die Durchführung einer wirklichen Gleichberechtigung zwischen Kapital und Arbeit, d. h. gegen eine Beteiligung der Angestellten und Arbeiter sowie der öffentlichen Hand an der Verantwortung. Sie. ist mit der in den neuen Gesellschaffen geschaffenen paritätischen Zusammensetzung des Vorstandes und Aufsichtsrates durchaus einverstanden und will mit den Arbeitnehmern und Gewerkschaften in einer verantwortlichen Wirtschaftsdemokratie zusammenarbeiten, weil sie der Meinung ist, daß nur so die äußerst schwierige Reorganisation der Schlüsselindustrien jetzt und in der Zukunft durchgeführt werden kann. Auch hier können natürlich von keiner Seite nur Rechte beansprucht, sondern müssen auch Pflichten und klare Verantwortungsverhältnisse übernommen; werden, die sich durch Kapitalbeteiligungen verstärken ließen. Ebenfalls aus. dem Willen einer ersprießlichen Zusammenarbeit heraus. ist der Vorschlag entstanden, einen kleinen, paritätischen Eisenrat zu schaffen, der auch ein „Zusammenwirken in der höheren Ebene, wo die grundlegenden und richtunggebenden Entscheidungen für die ganze eisenschaffende Industrie zu treffen sind“, gewährleisten soll.

Bei den bisherigen Entflechtungen wurde das zunächst sehr kleine Aktienkapital der neuen Gesellschaffen (je 100 000 RM) der Treuhandverwaltungübergeben. Eine spätere Übertragung auf andere Besitzer soll nur mit der Zustimmung der North German Iron and Steel Control gestattet sein. Von den neuen Gesellschaften werden keinerlei Verbindlichkeiten der Konzerne übernommen; die Betriebsanlagen werden, gepachtet und die Vorräte käuflich erworben. Nach den neuen. Vorschlägen soll das Kapital der Gesellschaften von 100 000 RM auf einen Betrag erhöht werden, der dem Wert des Unternehmens entspricht. Die neuen Aktien sollen dem Konzern als Gegenwert für die überlassenen Anlagen, Vorräte usw. zur Verfügung stehen und werden der unter der Kontrolle der Treuhandverwaltung stehenden Firma, der Treuhandverwaltung oder den Aktionären der alten Firma übergeben. Dadurch würde ein Pacht- oder Nutzungsvertrag, der infolge der einem Abschluß entgegenstehenden Schwierigkeiten bisher noch nicht zustande gekommen ist, überflüssig. Auch die wegen der Währungslage umstrittene Frage der Übereignung von Vorräten gegen Buchforderungen oder Bargeld wäre damit gelöst Die Aktionäre der Konzerne andererseits, die zum Teil lange mit den Werken verbunden sind und mitunter nur einen kleinen Aktienbesitz haben, kämen auf diesem Wege zu ihrem Recht, das natürlich Einschränkungen unterworfen wäre, die aber außerhalb der bisher betriebenen Entflechtungsmethode lägen. Auch eine Kontinuität zwischen den alten Firmen und den neuen Gesellschaften wäre gewahrt; Sie ist materiell und kreditpolitisch von weittragender Bedeutung, zumal auch ein entsprechender Anteil der Anleihen, Hypotheken und Stillhaltekredite nach den Reformvorschlägen übernommen wird, – von dem später nach der Neuordnung und vor Auflage einer neuen Obligationenanleihe die einzelnen Gesellschaften wieder. entlastet werden sollen. Es wird daran gedacht, den Gläubigern der alten Anleihe im Umtausch Schuldverschreibungen der neuen Gesellschaft zu. geben. Solchen Maßnahmen, die eine wirkliche Finanzierung des neuen Werkes, darstellen, könnten die Organe der alten Firmen im Interesse der alten wie der neuen Unternehmungen im Prinzip zustimmen. Die Vorschläge setzen dabei als selbstverständlich voraus, „daß innerhalb der Eisenindustrie gleiche Bedingungen geschaffen werden, d. h. daß Preiserhöhungen, Subventionen und Kredite nach einheitlichen Grundsätzen also unabhängig vom Träger des Eigentums und des Besitzes oder der jeweiligen finanziellen Lage des betreffenden Unternehmens, gewährt werden“.

Ob und inwieweit die Vorschläge Beachtung finden werden, läßt sich im Augenblick kaum sagen. Bevin hat Mitte Mai im Unterhaus erklärt: ‚,Ich befürworte nicht, daß die -deutschen Grundindustrien, die eine festgefügte Organisation bilden, in eine Menge kleinere Betriebe aufgelöst werden.“ Gleichzeitig betonte er, daß Großbritannien dem Grundsatz treu bleibe, die deutsche Grundindustrie in öffentlichen Besitz überzuführen. Die spätere Organisation der entflechteten Betriebe hängt von der Regelung dieser Frage ab, die wieder mit dem Schicksal des Marshall-Planes und mit dem Finanzierungsproblem der deutschen Kohlen- und Eisenindustrie verknüpft ist. Es herrscht wohl kaum ein Zweifel darüber, daß eine durchgreifende Reorganisation der deutschen Schwerindustrie ohne erhebliche ausländische Kapitalhilfe (durch echte Beteiligungen und Anleihen) nicht möglich ist. Für die Amerikaner, die wohl in erster Linie als Geldgeber in Frage kommen würden, wird die Organisationsform der deutschen Industrien an der Ruhr zweifellos ein interessantes Problem bei den vorgesehenen englisch-amerikanischen Beratungen Ende Juli in Washington über den deutschen – Wiederaufbau sein. J. Schäfer