Von Herbert Fritsche

Am 27. Juni starb in Bielefeld der Physiker und Naturphilosoph Prof. Dr. Bernhard Bavink im Alter von 68 Jahren. Er darf als der denkerisch schärfste und methodisch solideste Wegbahner von der modernen Physik zur Gottesgewißheit gelten. Vor etwa einem Jahrzehnt rief bei einem theologischen Streitgespräch ein junger Atomphysiker einem liberalen Theologieprofessor, der sich gegen den Begriff des Wunders wehrte, den Satz zu: "Mit dem Wunder haben wir Physiker heute schon längst keine Schwierigkeiten mehr, nur noch ihr Theologen!"

Daß ein solcher Zuruf größeres Gewicht hat als bloß das einer zugespitzten polemischen Wortfigur, ist vor allem gewährleistet durch das Lebenswerk des Forschers und Denkers Bernhard Bavink. Der Titel seines bekanntesten Buches "Die Naturwissenschaft auf dem Wege zur Religion" kennzeichnet Linie und Ziel seines Gesamtschaffens. In der ganzen Welt wurde aufmerksam verfolgt, was der stille graue Mann aus Bielefeld zu sagen hatte, wenn er – ein Gotterleuchteter mit messerscharfem analytischem Verstand – in seinen gewichtigen Werken die Ernte des Suchens und Findens von Max Planck, Albert Einstein, Werner Heisenberg, Pascual Jordan und Carl Friedrich von Weizsäcker emporhob in die Sphäre, wo wissenschaftliches Erkennen seine Begegnung mit den Mächten der Schöpfung erfährt und besiegelt. Wußten die Wachen schon seit der Jahrhundertwende, daß mit der Geburtsstunde mikrophysikalischen Begreifens die Physik sich unversehens im Abgrunde der Metaphysik befand, so blieb dennoch auch in ihren Kreisen die Verwandlung jenes Abgrunds in das Antlitz des Vaters – um es christlich zu formulieren – meist noch unvollzogen. Es mußte erst Bavink ans Werk: im Denken klar und streng und mithin sogleich als Autorität in aller Welt anerkannt, im Weiterschreiten über das lediglich Naturphilosophische hinaus aber allen Gelehrten seines Fachs überlegen. Daß er, der jahrzehntelang als Pädagoge wirkte – zuletzt an die Universität Münster berufen –, keineswegs seinem universellen Wissen und seinen zwingenden Beweisen lediglich ein Glaubensbekenntnis hinzufügte, sondern Stufe um Stufe schuf, bis dort Erkenntnis wohnen und walten kann, wo sonst allein der Glaube seine Rechte hatte: das gab ihm seinen Sonderrang in der modernen Naturerkenntnis. "Nunc liest intellectualiter intrare in arcana fidei" ("Von nun an ist’s erlaubt, auf erkennendem Wege in die Geheimnisse des Glaubens einzudringen"), dieser Wahlspruch Emanuel Swedenborgs sollte auf dem Grabstein Bernhard Bavinks stehen.

Seinen letzten großen-Vortrag – über die Anschauungen der modernen Naturwissenschaft von der Entstehung der Welt – hielt er im Mai vom Katheder der Pyrmonter Volkshochschule her. Sah er bereits physiognomisch aus wie ein gütiger und zugleich gestrenger Gymnasialdirektor, so wirkte seine Vortragsweise als eine Bestätigung dieses Eindrucks: Hunderte von Hörern kontrollierte sein Blick, ob sie aufmerksam seien, während er zwei Stunden diese Aufmerksamkeit zwingend und oft überwältigend in Anspruch nahm. Die peinliche Unhaltbarkeit all dessen, was Schule, Lexikon und Allgemeinbildung hinsichtlich des Weltenwerdens zu wissen wähnen – von der Nebularhypothese nach Kant-Laplace bis zur Gezeitentheorie der Sonnensystementstehung –, kroch wie eine Götterdämmerung der naturwissenschaftlichen Überheblich keitsära durch den Bewußtseinsraum der Hörenden. Daß Begriffe wie De- und Rematerialisation, Verschwinden und Neuwerden von Weltenstoff nicht etwa bloß theoretische Visionen, Sondern exakte physikalische Gewißheiten sind, daß sich der Kosmos mit ebenderselben Gewißheit zurückleiten läßt auf einen virtuellen Punkt, der die Ballung aller Werdepotenzen darstellt eine Art "trächtiges Nichts" –, daß die Geburt der Welten eine Herausrufung des Schlummernden ist, so wie Chladnische Klangfiguren entstehen, vom erklingenden Ton geformt; nicht in der Sprache des Schwärmers, nein, in der Logik des gehirnlich blitzblanken Mathematikers und Physikers legte er es der.... bis es ihn zum Schluß übermannte. Da verriet er, wohl zum erstenmal in seinen Leben, denen, die ihm zu Füßen saßen, ein Geheimnis: Für das Ganz-Andere, zu dem die Forschung vorgedrungen ist, für das Schöpfungsmysterium in seiner Überdimensionalität, ist – will letzter Ausdruck errungen werden – nicht mehr das Wort zuständig, sondern die Musik. Johann Sebastian Bach, Haydn und Händel: die Chöre der Seraphim und Cherubim tönen aus ihrer Verkündung hervor, und der moderne Gelehrte sagt Amen dazu.

Ich kannte dies an Bavink nicht, im Gegenteil hatte ich immer und immer erfahren, daß er es vermied, sein Gotteswissen anders als in der Sprache der bewußten Nüchternheit auszudrücken. "Nüchternheit ist das Pathos der Wissenschaft." So ahnte ich denn, daß er selber wohl schon ganznahe am großen Drüben angelangt sein möge. Und unser letztes kurzes Zwiegespräch knüpfte an die alte Mönchslegende an, die er erzählte, als das persönliche Überleben des Todes erörtert wurde: Zwei Mönche hatten verabredet, daß derjenige von beiden, der früher hinüber muß ins jenseitige Reich, dem Überlebenden Nachricht zukommen lassen solle, wie das Leben hinter dem Schleier beschaffen sei. "Taliter" ("genau so") möge er sagen, wenn die Vorstellungen zutreffen, die bei den gläubigen Erdenmenschen üblichsind, "aliter" ("anders") jedoch, wenn uns drüben Fremdes, Unbegreifliches empfängt. Als nun der eine Mönch gestorben war und verabredungsgemäß dem noch im Leibe wohnenden Bruder erschien, sagte er keins der beiden Worte, sondern "Toialiter aliter!" ("Ganz und gar anders!"). Ich schüttelte den Kopf, als Bavink sich auf diese kleine Legende bezog. So ganz und gar anders wird er es nicht vorfinden, nachdem er nun die große Heimkehr vollzog, denn er wußte, wo Gott wohnt. Aber wir, wir Kinder des naturwissenschaftlichen Zeitalters, haben von ihm das eine lernen dürfen – und wir wollen es nie vergessen, wenn wir seiner dankbar gedenken! Was uns die positivistische Wissenschaft von den Welträtseln gelöst zu haben vorgab, ist zum "Totaliter aliter!" geworden, seit Gott für uns aufs neue der Herr der Sterne und der Atome geworden ist.