Seit mehr als sechzig Jahren gibt es Kugellager. Über ihre vielseitige Verwendung macht sich der Laie meist nur ungenügende Vorstellungen. Man hat zwar im Zusammenhang mit Rüstung und Flugzeugen viel von ihrer Bedeutung gehört. Aber erstaunt es nicht, daß in der völlig daniederliegenden Wirtschaft der Westzonen arbeitstäglich noch 20 000 bis 25 000 Wälzlager (Kugel- und Rollenlager) hergestellt werden?

Nach den Potsdamer Beschlüssen ist Deutschland die Herstellung von Kugellagern untersagt. Sie wurde jedoch noch so lange gestattet, bis eine Einfuhr möglich ist. Allein schon die laufende Reparatur von Maschinen und Fahrzeugen erfordert einen so hohen Anteil der uns verbliebenen Produktion, daß einer sofortigen Stillegung dieser Erzeugung innerhalb ganz kurzer Frist die Lähmung der gesamten Wirtschaft gefolgt wäre. Unsere Wirtschaftsmaschine braucht ja nicht nur Energie, sondern auch Pflege, zumal sie in wesentlichen Teilen überaltert ist. Die in den Westzonen verbliebene Kapazität entfällt heute rund zur Hälfte auf die Tochtergesellschaft des schwedischen SKF-Konzerns, die Vereinigten Kugellagerfabriken, zur anderen Hälfte auf deutsche Betriebe. Diese deutschen Werke sind jetzt durch die Demontageankündigung für die Anlagen von Kugel-Fischer in Schweinfurt fast ausnahmslos gefährdet. Kugel-Fischer selbst stellt gegenwärtig – nachdem Anfang 1946 bereits 50 v.H. seiner Maschinen aus der amerikanischen Zone an Rußland abgeliefert wurden – noch etwa 40 v. H. der Kapazität in den Westzonen. Durch die Stillegung dieser Werke in Schweinfurt würden zudem zwei weitere kleinere Werke arbeitslos werden, die finanziell an Kugel-Fischer gebundene Firma Jäger in Wuppertal und die (selbständige) Firma Müller in Nürnberg. Beide Werke beziehen nämlich vorgearbeitetes Material von Kugel-Fischer und können mit ihreh eigenen Anlagen nicht die Vollfertigung aufnehmen. Kleinere Werke in Wetzlar und in Bielefeld umfassen zusammen nur etwa 3,5 v.H. der Kapazität.

„Was hilft die Washingtoner Konferenz zur Steigerung der Ruhrproduktion, wenn die Kugellager für den Bergbau fehlen, und was hilft ein Plan zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, wenn die landwirtschaftlichen Maschinen und die Mühlen ohne Kugellager sind?“ heißt es in einer Stellungnahme des bayerischen Wirtschaftsministeriums zur beabsichtigten Demontage in Schweinfurt. Der Zeitpunkt dieser Demontage erscheint deshalb so gefährlich in seinen lähmenden Auswirkungen für die gesamte Wirtschaft der Westzonen, weil im Augenblick weder an eine Einfuhr noch an eine Ersatzproduktion zu denken ist. Die Einfuhr von Kugellagern wäre auf absehbare Zeit nicht einmal möglich; wenn Devisen zur Verfügung stünden, da das Angebot im Ausland weit hinter der Nachfrage zurückbleibt. Obwohl Deutschland der Export von Wälzlagern verboten ist, sind bereits aus England, Schweden und der Schweiz wiederholt Versuche unternommen worden, Aufträge in Deutschland unterzubringen. Durch eine Demontage in diesem Zeitpunkt würde also für viele Monate von der Stillegung in Schweinfurt bis zum Wiederaufbau der Maschinen beim Empfänger dieser wertvollen Reparationsleistung eine mögliche Tagesproduktion von annähernd 25 000 Wälzlagern ausfallen. Gegenwärtig ist das Werk zwar nur auf dem heutigen „Normalstand“ von etwa 40 v.H. beschäftigt. Aber jede Belebung der deutschen Wirtschaft würde ihm nicht nur die jetzt fehlenden Betriebsstoffe, sondern auch äußerst dringliche deutsche Aufträge zuführen. Deshalb läßt sich auch nicht argumentieren, daß eine Vollbeschäftigung der verbleibenden Kapazität des schwedischen Konzerns in Deutschland für den deutschen Bedarf ausreichen würde.

Und wie steht es mit Gleitlagern, und zwar mit einem Typ von Gleitlagern, der uns nicht auf den Stand von 1880 zurückwerfen und unsere Eisenbahnen, Kraftwagen, Fahrräder wieder verschwinden lassen oder auf die damaligen „Geschwindigkeiten“ reduzieren würde? Im Krieg wurde zwar in Deutschland an der Weiterentwicklung der Gleitlager gearbeitet. Es waren jedoch noch keine nennenswerten Erfolge erzielt worden, und mit der Kapitulation kamen diese Arbeiten zum Stillstand. Das VAW Minden hat zwar kürzlich den wissenschaftlichen Auftrag zur Entwicklung eines geeigneten Gleitlagertyps erteilt. Ein für die Praxis brauchbares Ergebnis ist jedoch frühestens in einem Jahr zu erwarten! Und dann stehen Produktionsstätten für nur etwa 5 v. H. des zu erwartenden Wälzlagerbedarfs zur Verfügung. Es werden also mehrere Jahre vergehen müssen, bevor auch nur sehr begrenzte Produktion eines Kugellagerersatzes denkbar ist.

Aller Voraussicht nach wird dieser Ersatz mit großen Nachteilen gegenüber modernen Wälzlagern behaftet bleiben. Sie werden nicht die gleiche Drehzahl erreichen, sie werden; in flüssigem, also leicht ausfließendem Öl (das auch noch importiert werden, muß) gelagert sein (nicht wie Kugellager in Schmierfett), sie werden durch größere Reibung mehr Wärme erzeugen, und sie werden, natürlich durch ihre geringere Leistung an allen Verwendungsplätzen verteuernd wirken. Die Ausstrahlungen dieser Nachteile auf den deutschen Export liegen auf der Hand: sie erstrecken sich weit über die Kostenverteuerung hinaus bis in jene. Unwägbarkeiten, hinein, die nun einmal mit der Ablehnung von Ersatzmitteln verbunden sind. Man könnte hier die Frage aufrollen, ob es wirklich so sinnvoll ist, einerseits für, Deutschland eine wichtige Aufgabe im Rahmen der europäischen Selbsthilfe unter amerikanischer Finanz- und Sachunterstützung zu suchen und andererseits Deutschland in die Lage eines Robinson Crusoe zu versetzen, der einen entscheidenden Abschnitt der Zivilisation noch einmal „nachholen“ muß. Doch im Augenblick geht es erst einmal um die Entscheidung, ob die Demontage oder Lahmlegung von 50 v. H. der verbliebenen Wälzlagerkapazität in den Westzonen trotz der aufgezeigten Auswirkungen vertretbar ist.

Gw.