Nach Kriegsende, in seiner Antwort an Thomas Mann, hatte Frank Thieß gesagt, daß wir, nachdem der Verführer vernichtet wurde uns dessen bewußt seien, keinen anderen Führer mehr zu haben als den heller als je strahlenden Stern deutscher Weltgeltung, Goethe. Daß dieser schwerwiegende Satz mehr als eine poetische Tröstung sein kann, beweist das Buch. August Kippenbergs „Carlyles Weg zu Goethe“ (Storm-Verlag, Bremen). Nicht nur die engen Beziehungen beider Dichter werden aufgedeckt. Daneben sah der Verfasser glücklicherweise die heute besonders wichtig erscheinende internationale Bedeutung dieser Freundschaft, die sich im rein Menschlichen begegnet, wie der Einblick in Briefwechsel und Werk lehrt,

Carlyle, der furchtlose Schotte, „stand in großartiger Einseitigkeit auf hoher, einsamer Warte, erfüllt von unendlicher Arbeit.“ Als einer der wenigen sah Carlyle in Goethe nicht allein das Genie, sondern seinen nächsten ‚,Nachbarn“, ein Wort, das von geistiger Nähe erfüllt ist und den Diener am Bild des Menschen kennzeichnen will. In Carlyles Essay „Goethes Porträt“ (1832) offenbart sich am tiefsten Goethes Wesen, wie es sein Zeitgenosse von „drüben“ noch zu Lebzeiten sah: „Gedenke 211 leben! Ja, gedenke zu leben. Dein leben, und wärest Du der „Erbärmlichste aller Erdensöhne“, ist kein müßiger Traum, sondern ernste Wirklichkeit.“ Also wirke, wie Goethe es getan hat und noch tut: „Wie ein Gestirn, ohne Hast, doch ohne Rast. Kurt Reuter