Von Egon Vietta

Heute, lange genug post festum, sei festgestellt, daß die Münchner Jugendtagung allgemein in Deutschland nicht das Echo gefunden hat, das sie verdiente. Also ist einiges nachzutragen: Jugend-, liche aus vierzehn Ländern lauschten dem Engländer H. N. Brailsford, der für den verhinderten Victor Gollancz sprach. Schweizer wie Ernst v. Schenck und Georg Thürer, Franzosen wie André Gide, Revon und Ullmann, der Holländer Jef Last, der Inder Bis haben bestätigt, ermahnt und konzentriert zusammengefaßt, was außerhalb des Tagungsortes keine besondere Resonanz erfuhr: daß unser Kapital nicht erschöpft ist, weil der geistige Fond niemandem ohne weiteres genommen werden kann! Daß der Verlust der Existenzsicherung mit dem gesamteuropäischen Defizit diskontiert werden soll! Daß der europäische Dialog, der unter der europäischen Widerstandsbewegung niemals abgebrochen war, wiederaufgenommen werden muß! Daß wir in Europa nicht die Freude verlieren dürfen (und das aus dem Mund eines Mannes, der am schwersten gelitten hatte)! „Es ist schwer, heute jung zu sein“, war Gides Parole, und Last zitierte Albert Camus: „Wir lebten in einer Welt der Angst; das Menschlichste, der Dialog, war nicht mehr möglich.“ – „Ich glaube, daß der Genius des deutschen Volkes der Welt viel an Kunst und Wissenschaft geben wird“, war aus Brailsfords Mund zu hören. Und plötzlich war im Gespräch der auserlesenen Männer, die sich zum Bekenntnis vor der deutschen Jugend bereitgefunden hatten, so etwas wie der europäische Boden wiederhergestellt, als sei der Nebelschleier für einen Augenblick gelichtet. Und wie hier, so spiegelte sich das ruhelose Suchen nach neuer Wirklichkeit in einer Fülle von süddeutschen Kunstausstellungen, Musiktagen und Ferienkursen wider, die zur gleichen Zeit veranstaltet wurde. Die Kunst hat dabei am frühsten dort wieder angeknüpft, wo wir den Boden am ehesten unter den Füßen verloren hatten. Die Menge war in den billigen Realismus ausgewichen, der dem Auge schmeichelt und dem Ohr wohltut, weil er mit den plattesten Vokabeln und Tonwerten arbeitet. Und heute? Die elementare Spannung, die jetzt nach dem Zusammenbruch zurückgekehrt ist, die wiedererwachte Freude am Experiment mag zwar nicht übermäßig lang am Leben erhalten bleiben, und wirtschaftlich behutsame Beobachter rechnen mit einem Rückschlag, sobald unser Geld konsolidiert wird. Aber wir haben in zwei Jahren auf kulturellem Gebiet erstaunlich schnell, aufgeholt, was nach dem ersten Weltkrieg Schritt für Schritt errungen werden mußte und dann doch in einer rohen Massenorgie mit einem Schlag verlorenging: den Respekt vor der Moderne!

Sollte es wirklich nur die Betriebsamkeit der Fachkenner sein, die gegenüber dem Geschmackswahn der Masse recht behalten haben? In Wiesbaden, Stuttgart und München sind Verfechter der Moderne in die Ministerien eingezogen, sei es Karl Holl, Julius Baum, Kurt Pfister oder Dieter Sattler. Das Programm der zeitgenössischen. Musiktage in Frankfurt a. M., Stuttgart und Schloß Kranichstein bei Darmstadt berücksichtigte die gesamte Moderne von Boris Blacher zu Hindemith, von Strawinsky zu Schostakowitsch und Prokofieff. Die? Aktivität des Schott-Verlags in Mainz ist wieder in ihre vollen Rechte eingetreten.

Aber auch das Ausstellungswesen nimmt an der Konjunktur der Bildungselite teil. Offenbar drängt alles auf einen großzügigen Ringtausch der modernen Ausmalungen, so daß der gesamte „Ruinenbestand“ der deutschen Großstädte „bespielt“ werden kann. Die Sammlung Haubrich aus Köln wird in Stuttgart gezeigt, die „Extreme Kunst“ in Karlsruhe, Günther Franke hat in München die Oskar-Schlemmer-Ausstellung eröffnet und ebenfalls in München hat sich unter der Firma „Künstlerverband neue Gruppe“ ein Konsortium gebildet, das im Lenbachhaus etwa 380 Moderne aus allen Zonen ausstellte. Im Vorstand sind Rudolf Schlichter, Adolf Hartmann, Ernst Geitlinger und Edgar Ende vertreten. In Stuttgart faßte eine neue Galerie, die von Herbert Herrmann, das Spätwerk von Baumeister zusammen. Die Tübinger Ausstellung moderner deutscher Kunst vereinte etwa zweihundertvierzig Gemälde und Plastiken. Hinzukommen die Käthe-Kollwitz-Ausstellungen, die von Frankfurt a. M. bis München dieser Frau huldigen. Auch die Mannheimer Kunsthalle, die unter Passarge so glücklich die Kollektion Franz Marc gehängt hatte, ist der Moderne verpflichtet; Konstanz, das in diesem Jahr aus wirtschaftlichen Gründen auf seine Kunstwochen verzichtete, hatte sich mit einer Gesamtschau Curth Georg Beckers begnügt. Alles in allem ist der äußerliche Vorrang der Moderne so groß, daß man beinahe schon befürchten darf, es sei der guten Sache zuviel.

Das Theater, Oper und Schauspiel, holt mit allzu bedachtem Heißhunger die versäumte ausländische Literatur nach und es ist nicht möglich, von einer Großstadt zur andern zu reisen, ohne daß Thornton Wilder und Anouilh zuvorgekommen wären. In welchem Land ist so bequem Gelegenheit geboten, die moderne amerikanische Bühnenliteratur in ausgewogenen Aufführungen kennenzulernen? Es scheint dabei, daß München in der Ensemblebildung am weitesten gediehen ist. München vibriert von der Vielfalt seiner Theatermöglichkeiten. Die Tradition ist in dieser Stadt nicht auszulöschen. Es ist aber auch die einzige Stadt, die eine bedeutende Kollektion alter Kunst zeigte – Rubensbestände, Spanier von Velasquez bis Goya und die französischen Impressionisten aus der Pinakothek und Staatsgalerie. Wer will, konnte also Modernes mit Vergangenem vergleichen und feststellen, ob es nicht zeitweilig besser sei, angesichts dieses vulkanischen Ausbruchs moderner Kunst in die Vergangenheit zu flüchten und sich vor einem Greco, einer Rubensschen Landschaft, oder im romantischen Klangzauber des „Eugen Onegin“ von Tschaikowski in der Münchner Oper zu erholen? Gibt es überhaupt noch ein Hindurchfinden durch alle Möglichkeiten? Das ist, wie wenn ein Ausgehungerter alles herunterschlänge, was ihm geboten wird. Es ist nur die Frage, ob er es verdaut.

Er muß es verdauen! Denn in diesen süddeutschen Kunstwochen ward nichts Geringeres als der Anschluß ans europäische Gespräch vorbereitet. Das ist die Basis, auf der allein aufgebaut werden kann. Die Männer, die die Moderne „machen“, öffnen heute das Ausfallstor zur Welt. Die Beziehungen, die zum Bauhaus in Chikago hin- und widerspielen, die Freunde Baumeisters, die Musiker, die mit dem aufblühenden Musikleben in den USA die Verbindung hergestellt haben, sind die ersten Botschafter, die Deutschland auszusenden hat. Ihre Macht ist nicht groß. Aber sie sind die Mittler der aktiven Elite, der „kleinen Zahl“, von der in der Welt je und je das Dauerhafte ausgegangen ist.

Was wir in diesen Kunstwochen erleben, ist ein weitgespannter Assimilationsprozeß, der in Deutschland allerdings tiefer in die Mittelschichten greift als im Ausland. Er ist noch unvollkommen, da er nicht durch das Buch und nur mangelhaft durch die Zeitungen ergänzt werden kann. Denn es fehlt an Papier. Bedenklicher ist seine Kehrseite: es ist nämlich – im Gegensatz zu den hektischen Nachkriegsjahren, die dem ersten Weltbrand folgten – reiner Konsum. Verbrauch und nicht Neuschöpfung. Deutschland hat nach dem ersten Weltkrieg Kafka in der Dichtung oder Hindemith in der Musik durchgesetzt Wo sind die Kräfte, die der Entwicklung heute eine schöpferische Richtung geben?

Das alles sind Zeichen, daß wir das neue Terrain noch nicht erobert haben. Aber für den Wissenden zeichnet sich ein Weg ab. Ja, der Einblick in dichterische Arbeiten gefallener, zurückhaltender und scheuer Schriftsteller läßt vermuten, daß in der Literatur am wenigsten Abschließendes ausgemacht, werden kann. Es wäre ja auch kaum denkbar, daß sich das ungeheure, seelische Geschehen nicht im Wort spiegeln sollte: noch ist dessen wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Und das ist gut so. Aber im Gespräch mit Freunden wird bald da, bald dort ein Blatt herausgezogen, in dem ein nie vernommener Ton anklingt.