Von J. A. v. Rantzau

Nicht Europa gibt in der Welt den Ausschlag, sondern vielmehr der europäische Geist. dessen gewaltige Schöpfung Amerika ist.“ Hat nicht dieser Satz Paul Valérys schon 1922 – in Zürich gesprochen, im Verlauf eines Vierteljahrhunderts mehr und mehr seine Gültigkeit, ja prophetische Kraft erwiesen? Europa hat sich inzwischen bis zur Vernichtung zerfleischt, wird nun durchdrungen und gespalten, von der Übermacht riesenhafter Weltstaaten, ist andererseits überhaupt nur lebensfähig durch die kraftvolle Unterstützung dieser Imperien, deren ungeheure Reserven außerhalb unseres Erdteils liegen. Dennoch – mit den Ausstrahlungen seines Geistes wirkt Europa immer noch auf die ganze bewohnte Erde, ja auch auf die alles überragende, anscheinend in jeder. Beziehung sich selbst, genügende Weltmacht – Amerika ein. Valérys tiefsinniger. Ausspruch könnte als Motto – stehen über der problemreichen kulturkritischen Studie eines deutschen Emigranten, die soeben in den USA mit einer ehrenvollen Anerkennung ausgezeichnet wurde. (Richard Hertz „Man on a Rock“, 1946, The ’University of Carolina Press.) Denn dieser umfassende, Versuch, die heutige kulturelle Situation der Menschheit vom amerikanischen Standpunkt zu überblicken, gipfelt bemerkenswerterweise doch in einem Bekenntnis zum europäischen Geiste. Dies Buch und die Würdigung, die es findet, sind neue Symptome dafür, daß die intellektuelle Elite der USA von fortschrittsfreudiger Selbstzufriedenheit und gedankenlosem Optimismus sich immer mehr entfernt, daß sie die politische und kulturelle Situation der ganzen Menschheit mit verantwortungsbewußter Sorge betrachtet, daß in ihren Augen nicht nur die Erde auf Amerika, sondern in höherem Sinne Amerika auf die Welt angewiesen ist. „Der Mensch auf dem Felsen“ ist ein Bekenntnis zur kosmischen Abhängigkeit und zur sozialen Verbundenheit der Menschheit, ein Bekenntnis aber auch – was in Anbetracht der herkömmlichen amerikanischen Anschauungen, nicht ohne Künheit ist – zum Geist weit zurückliegender europäischer Traditionen, zum Geist des europäischen Mittelalters, zum Geist der Erbauer der Kathedrale von Chartres und des Straßburger Münsters!

Gegenüber der geistgeborenen sozialen Solidarität im Mittelalter wird die humanistische, individualistische und kapitalistische Moderne, also die Epoche seit der Entdeckung Amerikas, als geistferne und ausweglose Verirrung verworfen und für abgetan erklärt. Der Mensch von heute gar, der Mensch des illusionslosen spätkapitalistischen – Zeitalters, eben der „Mensch auf nacktem Felsen“, so genannt nach Chamissos Dichtung Salas v. Gomez, nach jenem auf eine öde Felsinsel verschlagenen Schiffbrüchigen, sieht sich in eine hoffnungslose Lage versetzt. Diesem modernen Menschen, dessen Kultur. Schiffbruch erlitten hat, bleibt nichts als Verzweiflung – oder Rettung seines von Idealen entblößten, in zivilisatorischer Langeweile erstickenden oder in furchtbaren Katastrophen ertrinkenden Daseins durch innerliche Versenkung und Spiritualisierung. Geistige Versenkung aber bedeutet Loslösung vom individualistischen Denken, sie bedeutet Aufgehen des einzelnen im Geist der Ganzheit, in der metaphysischen Bezogenheit auf das Weltall.

Eine solche Position, die hier nur skizzenhaft umrissen werden kann, bringt, wie gesagt, den Bruch mit der bürgerlichen Epoche mit sich. Aber das Wichtige, das Aktuell-Amerikanische des Buches ist, daß die Überwindung des Bürgertums nicht wie in Europa mit Hilfe bürgerfeindlicher, klassenkämpferischer oder gar maschinenstürmender Utopien erfolgen soll. Die „expressionistische“ Epoche des deutschen Geisteslebens in den Jahren 1919 bis 1933 wird geistreich und überzeugend als ein im tiefsten Grunde pietätloser, lebensfeindlicher und daher zum Scheitern verurteilter Versuch einer Wiedergeburt aus dem Geiste dargestellt. Der Mensch auf dem Felsen, der moderne Weltbürger, der eben nicht mehr Bürger ist, wird zu seiner Errettung sich größeren Ideen anvertrauen, wird lebensverbundene Gesinnungen in sich wach rufen müssen; die Weisheitslehren Indiens und Chinas einerseits, die Traditionen eines noch nicht erstarrten, vom Glaubensfeuer durchglühten Christentums andererseits! „Die mittelalterlichen Arbeisgemeinschaften in Flandern und Lyon, die in der gefrorenen Musik dämmriger Städte ihr Werk verrichten, rollten den Stein vom Grabe ihrer Engräumigkeit; denn ihr Triumph über widerspenstiges Arbeitsmaterial war nicht bloße Routine, sondern wurde in seinen weiten, metaphysischen Bezügen empfunden. Heute muß man, um diese dealen Arbeiter anzutreffen, in den Fernen Osten reisen, wo hier und da das Mittelalter noch am Leben ist.“ Nicht das Problem, wie in einer solchen Konzeption die Aussöhnung des inspirierten Arbeiters mit der Routine der Maschinenarbeit gedacht ist, steht für uns im Vordergrund des Interesses. Vielmehr hat für uns Europäer ein solches Bekenntnis zur weit zurückliegenden abendländischen Vergangenheit seine Bedeutung, als schlaglichtartiger Hinweis auf Auseinandersetzungen, die sich zur Zeit im amerikanischen Geistesleben vollziehen.

Das gedankenvolle, in seinen Formulierungen den Reichtum der englischen Sprache voll ausschöpfende Buch des in Hamburg geborenen Historikers und Soziologen, hat in den USA Aufsehen erlegt. Der Verfasser ist mit einer „Guggenheim Fellowship“ ausgezeichnet worden. So mehren sich die Anzeichen, daß des traditionelle historische Weltbild des Nordamerikaners, in welchem das Mittelalter nicht existierte und die Entwicklung der Menschheit erst Ende des 17. Jahrhunderts mit der naturrechtlichen Aufklärung begann, heute eine folgenreiche Auflockerung erfährt Diese Bereicherung des amerikanischen Bewußtseins auf. Grund einer erweiterten und eben doch europäischen Anschauung der Vergangenheit kann nicht ohne Rückwirkung auf die geistige Welt überhaupt und insbesondere auf Europa selbst bleiben. Wie stark greift nicht seien auf den Gebieten des – Dramas, und des Romans Amerika in die Literatur der ältesten Kulturnationen ein! Der Einfluß, der aus den politischen und sozialen Verhältnissen des neuen Kontinents geborenen neuartigen, ja im-– heimlichen Psychologie der modernen. amerikanischen Erzähler, die sich schon im vorigen Jahrhundert, etwa in Melvilles apokalyptischer Vision „Benito Cereno“, angekündigt und heute vielleicht in Faulkners „Licht im August“ ihren erschütterndsten Ausdruck gefunden hat, ist zum mindesten aus der heutigen französischen Literatur nicht fortzudenken. Nun setzen sich jenseits des Atlantik auch auf den Gebieten der Geschichte, der Politik und des Völkerrechts – man denke an Autoren wie Drucker und Lippman – neuartige Konzeptionen durch, die, in einem Teil ihre Gedanken ans Europa entsprangen, in verhandelter Form auf die Welt und damit auch auf unseren Erdteil befruchtend zurückwirken.