Von Hermann Reiber

Von allen Erscheinungen der gegenwärtigen Epoche ist wohl keine charakteristischer für diese Zeit- und die Stellung des Menschen in ihr. als das Lager. Unter dem Lager muß dabei im weitesten Sinne jede Zusammenfassung von Menschengruppen zu bestimmten Zwecken verstanden werden... Daß hierzu nicht nur Baracken und Zeltlager oder umzäunte, dachlose Feldstücke, sondern ebensowohl Kasernen, Gefängnisse, Bunker, Kliniken und Schulen dienen können, bedeutet eine Äußerlichkeit. Gemeinsam und kennzeichnend bleibt die straffe Erfassung und Überwachung der Insassen, der unvermeidliche Kollektivismus und eine beistimmte hinter dem Lager vorhandene Absicht, auch wo sie verborgen gehalten oder getarnt wird. Vor allem gehört das Lager, konsequent durchgebildet und „verfeinert“, zum unentbehrlichen Utensil totalitärer Systeme „zwecks zweckmäßiger Verzweckung“ des ihnen zu Gebote stehenden „Menschenmaterials“.

Lager vermehren und verbreiten sich leicht. Man vermöchte ein Land zu beurteilen nach seiner Lagerdichte. Ganze Städte können die Eigenart eines Lagers annehmen, ja endlich ganze Staaten. Psychologisch geraten sie damit in einen Be-„lager“-ungszustand; man fühlt sich in ihnen eingekreist.

Wer aus dem Leben in freier Stadt oder freiem Dorf in das Lager übergeht, tritt in ein völlig neues Medium mit andersartigen Existenzgesetzen ein. Und wie die Abkömmlinge des gleichen Wirbeltierstammes je nach ihrem Daseinsraume mit Füßen, Flossen oder Flügeln ausgestattet sind, muß auch der solchergestalt Überwechselnde sich insgeheim neue Organe wachsen lassen, um am Leben zu bleiben, was denn die einzelne Natur mit mehr oder weniger gewandter Anpassungsfähigkeit in der Eile tatsächlich besorgt. Die Fälle von Selbstmord in der Ausbildungs- oder ersten Lagerzeit sind durch den Mangel an jener Fähigkeit verursacht. Kehrt ein Mensch jemals aus der zweiten Daseinsform in die vorige zurück, so gilt es, den Gebrauch der hinzuerworbenen Organe wiederum zu verlernen (also etwa eine, stets angestrengte Wachsamkeit abzulegen) und jene wieder verkümmern zu lassen. Meist bleiben Spuren zurück.

Gemeinsam ist allem, was den Namen Lager verdient, das Wesentliche und Kennzeichnende: Ein zumeist mächtiges Lebenssystem, zum Beispiel ein Staat, hat mit einer größeren Anzahl der in seinem Wirkungsbereich lebenden Menschen irgend etwas, vor; sie müssen daher in einem Lager (dieser oder jener Form) konzentriert werden. Für wie verschiedene Zwecke das Lager doch zu brauchen ist! Ob man mittels einer Rekrutenausbildung den Teufel des persönlichen Eigensinns durch den Beelzebub des Gemeinsinnes austreiben will, ob man Verhaftete ihrem Urteilsspruch entgegenharren oder Verurteilte ihre Strafe abbüßen läßt, ob man Soldaten im Töten und Sterben übt, Arbeitskräfte möglichst wirtschaftlich einsetzt, ob Verkehrtgesonnene weltanschaulich umgebogen oder gefangene Gegner zermürbt werden sollen – die Methoden sind nur wenig abgestuft. Es mag Torheit sein, einem Wesen wie dem modernen Staat liebe- oder haßähnliche Regungen zuzuordnen – tut man es aber, so eröffnet sich ein Kuriosum: Der Staat läßt seinen Lieblingen, den uniformierten Verteidigern seiner eigenen Existenz, und seinen unversöhnlichsten, den innerpolitischen Feinden ein- und dieselbe Behandlung angedeihen, die sich nicht dem Prinzip, höchstens dem Grade nach unterscheidet. Er bereitet beiden das Lager ..

Manch einer empfindet es als Prokrusteslager. Es will im Geistigen ebensowenig passen wie äußerlich die neu „verpaßte“ Uniform. Aber beides gibt sich: der Körper bequemt sich seiner neuen Hülle genau so wider Erwarten an wie der Geist dem Lager. Beide lernen das Gähnen; nicht das übliche, sondern das Gähnen als Philosophie, als Gottesdienst. Zuweilen hat man in Lagern unerschöpflich viel Zeit, in anderen wieder gar keine. Niemand weiß, ob er ein Lager für Wochen betritt oder auf Lebenszeit. Wozu auch solcherlei wissen? Der Zeitbegriff ist-ja aufgehoben, obgleich zu bestimmten Stunden, und zwar mit fanatischer Präzision, bestimmte Handlungen vor sich gehen. Welchen Geschlechtes man ist, bleibt für die Lagertauglichkeit ohne Belang; es gibt Lager, in denen man selbst dies zu vergessen droht. Auch das Alter bedeutet nicht viel; immerhin sind junge Menschen etwas leichter zu ver-lagern und zu schulen als ältere.

Das konsequent verwirklichte Lager ist unwiderstehlich darin, daß es seine Insassen auf scheinbar längst überschrittene Entwicklungsstufen zurückdrängt. Dieser Rückschlag kann bis in prähistorische, ja vor-menschliche Stadien führen. Das Lagergeschöpf ist dann ein Tier, welches stündlich gegen eine Übermacht um seine Erhaltung fingen muß. Ein Stücklein Brot kann Todesopfer fordern, der Besitz, des lächerlichsten Gegenstandes dem Eigentümer zum Verderben, gereichen. Ein Exemplar des anderen Geschlechtes würde in solchen Lagern unverzüglich zerrissen. Da es an allem, nur nicht an gegenseitiger Feindschaft, Krankheit, Arbeitszwang fehlt, so bleiben selbstverständlch weder Kräfte noch Mittel übrig, um jemals die Grenze zu überschreiten zwischen dem primitiven Reich der Zwecke und jener Region gehobenen Daseins, in welchem die Güter der Kultur Wurzeln schlagen können.