Zum Tode Ludwig Webers

Ludwig Weber-, der kürzlich zu Essen-Werden einem landschaftlich schönen Vorort der Industriegroßstadt 55jährig starb, war der Folkwangschule – der Landesmusikschule Ruhrgebiet – eng verbunden. Sie hatte sich nach dem Kriege ebendort in der alten, Abtei, einem Repräsentationsbau aus dem 18. Jahrhundert, ein neues Heim geschaffen. Bevor Weber 1927 nach Essen kam, hatte er die Idee der Dreiformung des Kunstwerkes und der Kunsterziehung (Musik, Tanz, Sprache) schon in der Westfälischen Schule für Musik in Münster i. W. zur Grundlage seines Unterrichts gemacht, wie er sie vorher in seiner „Christgeburt“, diesem so herrlichen und im besten Sinne volkstümlichen Kammerspiel für Musiker, Tänzer und Sprecher, bereits künstlerisch manifestiert hatte. In der Essener Anstalt, die zunächst von dem jüngst als Generalmusikdirektor nach Lübeck berufenen Rudolf Schulz-Dornburg, später von Hermann Erpf geleitet wurde, kamen diese Lehrprinzipien zur besonderen Ausprägung.

Weber, in München geboren und zuerst Volksschullehrer. wurde in jungen Jahren stark von der spätromantischen Musik, vor allem von Werk Bruckners berührt; eine Oper „Midas“ deutet auf jene Spuren. Nach dem ersten Weltkrieg wandte sich der Künstler dem Musikideal zu. das unter Preisgabe aller Beziehungen zum großen Kunstbetrieb die kleine Form und das Gemeinschaftsmusizieren erstrebte; in dem Kreis um den heute in Hamburg weilenden Fritz Jöde (der gleichfalls aus dem Lehrerstand kam) fand es damals den prägnantesten künstlerischen Ausdruck, Volkslied und Kirchenlied waren die klaren Quellen, aus denen ein Teil der jungen Musikgeneration schöpfte. Ludwig Weber hat diesen Weg, der von der Gregorianik über die alten Hymnen zum Choral führte, am konsequentesten beschritten und dann zu seinen Chorgemeinschaften erweitert, bei denen allein nicht die konvertierenden Kräfte auf dem Podium sondern das Publikum im Saal in das aktive Musikbekenntnis und erlebnis einbezogen war. Die Eigenwilligkeit seiner Tonsprache, – wie sie vor allem in seinen „Sätzen für Klavier“ zutage trat, die konzessionslose Ehrlichkeit seiner künstlerischen Gesinnung und das Hineinwachsen in Aufgaben, die abseits vom lauten Betrieb auf die Wiedergewinnung des seelischen Gehalts der Musik und ihrer reinigenden Funktion abzielten, haben seinen Namen weniger in den Konzertsälen als im musizierenden Volk und in den Singekreisen, im Bereich unablässiger kunsterzieherischer Arbeit bekannt gemacht. Ein Suchender, der stets um Stoff und Gestaltung rang und dem in nicht so vielen als um so gewichtigeren Werken das Tiefste zu sagen vergönnt war – so stand Ludwig Weber in dieser zerrissenen Zeit mit der unbändigen Sehnsucht zu heilen und zu binden, was auseinanderzufalten droht. Vielleicht wird im Ethos seiner Musik, an der Lauterkeit seiner Gesinnung wieder einmal anzuknüpfen sein, wenn erst seine reiche Hinterlassenschaft gesichtet ist – ein großangelegter „Totentanz“ harrte der Vollendung – und die Kunst sich wieder dem Göttlichen zuwendet, von wo sie einmal ihren Weg zu den Menschen nahm. Einer der Fackelträger dieses Auftrags war Ludwig Weber. Die Fackel entfiel seiner Hand, aber das Licht leuchtet in der Dunkelheit unserer Tage.. H. G. Fellmann.