Einen führenden Mann unserer SPD zu fragen, ob er ein sozialistisches Deutschland will, ist töricht Einen führenden amerikanischen Republikaner zu fragen, ob er ein republikanisches Amerika will, ist nicht minder töricht. Aber es. handelt sich dabei um zwei grundverschiedene Torheiten. Die Frage an den deutschen Sozialisten ist dumm, weil sie überflüssig ist; die Frage an den amerikanischen Republikaner ist dumm, weil sie keinen Sinn hat. Der Sozialismus der SPD ist eine Weltanschauung und Heilslehre, und wer ihr anhängt, der will sie kompromißlos verwirklicht sehen. Einen amerikanischen „Republikanismus“ gibt es gar nicht. Der deutsche Sozialist kann sich nichts Schöneres vorstellen als ein Deutschland, in dem es nur noch Sozialisten gibt. Der amerikanische Republikaner kann sich nichts Schlimmeres vorstellen als ein Amerika, in dem es keine Demobaten mehr gibt. Der deutsche Sozialist sieht in den anderen Parteien den Aufmarsch „falscher“ Weltanschauungen, die ausgerottet werden müssen. Der amerikanische Republikaner sieht in den Demokraten eine notwendige Voraussetzung seiner eigenen politischen Tätigkeit. Schon in den Namen der beiden großen amerikanischen Parteien – Republikaner und Demokraten – liegt kein Programm und kein Gegensatz; sie könnten ebensogut ausgewechselt werden. Jeder Amerikaner weiß, daß in seinem Land weder die Republik noch die Demokratie eine Streitfrage ist. Dagegen läßt sich nicht vorstellen, daß die SPD plötzlich CDU heißen könnte oder umgekehrt, und der Sozialismus ist bei uns eine Streitfrage erster Ordnung. Dies alles gilt in Deutschland durchaus nicht, allein für die SPD und in Amerika durchaus nicht allein für die Republikaner.

Bei uns sind politische Parteien Weltanschauungsorganisationen, in Amerika sind sie Ablösungsmannschaften. Weltanschauungsorganisationen sind ihrem Wesen nach unduldsam, total und ausschließlich; Ablösungsmannschaften sind ihrem Wesen nach auf die Mannschaftsfunktion beschränkt, und von Unduldsamkeit und Ausschließlichkeit kann bei ihnen nicht die Rede sein. Wenn ein amerikanischer Wähler seine Stimme für den republikanischen Kandidaten abgibt, nachdem er noch bei der letzten Wahl den Demokraten zum Siege verhelfen hat, so heißt das durchaus nicht, daß er sein „Glaubensbekenntnis“ gewechselt hat. Er ist ganz einfach mit der bisherigen Verwaltung nicht in allen Punkten einverstanden und findet deshalb, daß nun einmal wieder die anderen an die Reihe kommen sollten. Da die Frage, ob und wann abgelöst werden soll, von den Wählern entschieden wird, so setzt das Ablösungsprinzip geradezu voraus, daß eine erhebliche – Zahl von Wählern bald für die eine, bald für die andere Partei stimmt, nicht auf Grund irgendwelcher Erlösungshoffnungen, sondern nach nüchternem Erfahrungsurteil. Die Weltanschauungsparteien dagegen. führen zur Alleinherrschaft oder zu erstarrten Fronten. Wer bei uns die Partei wechselt, gilt als Abtrünniger, als Ketzer und, nach der deutschen Lieblingskategorie, als Verräter. Und natürlich müssen die Weltanschauungsparteien ihre Anhänger möglichst vollständig „erfassen“, von der Wiege bis zur Bahre, von der Stimmzettelabgabe bis zum Sonntagsvergnügen. Weltanschauungsparteien können gar nicht genug „angegliederte Verbände“ haben, in denen die Mitglieder „betreut“ und „geschult“ werden. Dieses anrüchige Vokabular ergibt sich, leider aus der Sache,

Wir haben mit einer Weltanschauungspartei und Überhaupt mit Politik als Religionsersatz einen Zusammenbruch sondergleichen erlitten. Trotzdem haben wir genau dort wieder begonnen, wo seinerzeit die Geburt des Nationalsozialismus aus dem Geiste der Weltanschauungs- und Religionsersatzpolitik vor sich ging. Von unseren beiden großen Parteien verfolgt die SPD klar und deutlich die Linie der Politik als Religionsersatz, während die CDU schon in ihrem Namen ankündigt, daß sie die Religion in die Politik hineintragen, auf sie anwenden, will. Noch stärker ist die KPD einer weltlichen, das Zentrum, einer überweltlich-konfessionellen Heilsbotschaft verpflichtet. Einzig und allein die FDP kommt einigermaßen ohne Metaphysik aus. Kein Wunder also, daß auf der deutschen politischen Bühne sehr viel mehr von Dogmen und Programmen die Rede ist als von praktischen, aus der Notlage heraus entstandenen Plänen, sehr viel mehr von doktrinär-reformerischen Experimenten als von Hilfsmaßnahmen, die den Menschen jetzt und heute das Leben erleichtern. Die Weltanschauungen kämpfen um den Staat, und das heißt bei uns Politik. Während Deutschland Not leider, wird 60 getan, als ob die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ unser wichtigstes Anliegen sei. Die altertümliche Patina, dieser Formel scheint weder ihre Anhänger noch ihre Gegner im geringsten zu stören. Sie streiten in unserer Republik so hartnäckig darum, wie sonst nur um des Kaisers „Bart“ gestritten wird. Etwas Zeitgemäßes fällt niemandem ein, solange alle durch Weltanschauung verhindert sind, sich unsere wirkliche Welt von heute mit ihren Nöten und Sorgen einmal gründlich anzuschauen.

Sehr vielen Deutschen will es nicht in den Kopf, warum eigentlich deutsche Politik mit unversöhnlichen Heerlagern, mit abgekapselten Weltanschauungsgruppen, mit Schlachtgeschrei und Unduldsamkeit beginnen muß. Und sie haben keineswegs den Eindruck, daß dieses doktrinäre Gegeneinander ein getreues Spiegelbild von im Volke heute wirksamen Gegensätzen ist. Noch weniger läßt sich sagen, daß die Karriere in einer Weltanschauungspartei eine treffliche Vorbereitung für ein verantwortungsvolles Amt im Staate ist. Woraufhin läßt sich hoffen, daß ein-erfolgreicher deutscher Parteiführer einmal ein brauchbarer Reichskanzler sein werde? Und warum, heißt das alles eigentlich „Demokratie? Herrscht hier etwa das Volk? Ist etwa der Abgeordnete „Vertreter des ganzen; Volkes, nur seinem Gewissen unterworfen und an Aufträge nicht gebunden“? Ist das noch ein System der Bürgerfreiheit, eines vernünftigen Ausgleichs der Meinungen, einer Toleranz gegen die Minderheit? Hat der Mensch inmitten rivalisierender Totalitätsansprüche noch eine Chance, sich seiner verbrieften Menschenrechte anderswo als auf dem Papier zu erfreuen? Eine Demokratie besteht darin, daß bestimmte Spielregeln eingehalten werden. Sie besteht nicht darin, daß bestimmte Männer ein für allemal Demokraten heißen und daß deshalb alles, was sie sagen, tun und wollen, nach einer bloßen Logik des Namens als demokratisch zu gelten hat.

Einer der schlimmsten unserer ismen ist der Idealismus, die Politik des Unwirklichen, das ewige Als-Ob. Stimmt der durchschnittliche. SPD-Wähler für den Marxismus oder nur gegen etwas, was ihm nach der Propaganda seiner Partei die CDU zu repräsentieren scheint? Stimmt der durch-, schnittliche CDU-Wähler für das Christentum oder nur gegen etwas, was ihm nach der Propaganda seiner Partei die SPD zu repräsentieren scheint? Die Zahl. der Wähler des kleinerenÜbels ist Legion. Wieso hat gerade die SPD ein Monopol, der Sozialität? Wieso hat gerade die CDU ein Monopol des „Liebe deinen Nächsten“ des Evangeliums? Nichts stimmt hier wirklich. Die. zweite Auflage der Weimarer Republik- verdient, den Namen des Marionettentheaters, den der Engländer Trevor-Roper für sie gefunden hat.

Läßt sich das alles dadurch ändern, daß man unsere Parteien nach amerikanischem Vorbild zu Ablösungsmannschaften unterzieht, die sich zwar noch in gewissen Nuancen der Meinungen; aber nicht mehr durch unversöhnlich gegensätzliche Dogmen voneinander unterscheiden? Die Hoffnung auf einen solchen Wandel muß leider als minimal bezeichnet werden. Wir haben, seitdem es in Deutschland Parlamente gibt, einen stetigen – Vormarsch der Massen- und Weltanschauungsparteien zu verzeichnen. Selbst innerhalb jeder Partei hat in den letzten zwei Jahren der doktrinärere Flügel der älteren Generation die Oberhand gewonnen. Das Dogma siegt auf der ganzen Linie. Bei den ersten Kommunalwahlen nach dem Zusammenbruch gab es noch eine sehr große Zahl siegreicher unabhängiger Kandidaten. Das nächste Mal werden die Parteien bis in die kleinen Ortsgruppen hinein so „durchorganisiert“ sein, daß auch dort der Parteiwille alles andere niederwalzen wird. Gegen unsere modernen Massenparteien und ihren Herrschafts-, Finanz- und Propagandaapparat kommt der freie Wille der einzelnen Bürger- einfach nicht mehr auf. Die Einzelfreiheit fristet nur noch in den Verfassungen ein verstaubtes Dasein, und diese Verfassungen sind wahre Glanzleistungen des Als-Ob. Von den Parteien pflegt in ihnen am allerwenigsten die Rede zu sein. Und hoffen wir nicht etwa darauf, daß Änderungen derWahlarithmetik Wunder wirken könnten! Man kommt an das Grundübel unserer politischen Unwirklichkeit nicht dadurch heran, daß man innerhalb dieser Unwirklichkeit anders mißt und rechnet. Auch die Personalwahl wird uns nicht befreien, solange die Kandidaten ihre Kandidatur und damit ihre politische Existenz einer Weltanschauungspartei zu verdanken haben.

Uns fehlen, die amerikanische Tradition und der amerikanische Common sense, diese leiden Voraussetzungen einer stabilen und erfolgreichen Parteiendemokratie. Das läßt sich nicht einfach nachholen. Und man darf auch nicht verkennen, daß in vielen anderen Ländern die Parteiendemokratie alten Stils zunehmend schlechter funktioniert, je mehr dort unduldsame Weltanschauungsparteien vordringen. Man kann außerdem feststellen, daß die Fernwirkung, der totalitären Ein-Partei-Staaten. an dieser Entwicklung stärkstens. beteiligt ist. Frankreich und Italien sind lebendige Beispiele für eine, allgemeinere Krise der Parteiendemokratie. Aber selbst in England ist zu beobachten, daß die Gegensätze schärfer, „weltanschaulicher“ geworden sind. Wenn eine am Ruder befindliche Partei versucht, im Sinne ihres Programms so Viele vollendete Tatsachen zu schaffen, daß sie möglichst auch nach der „Ablösung“, nicht mehr rückgängig gemacht werden können, so ist das bereits ein Abweichen von den Spielregeln des Ablösungssystems.