Von Costa von Uxkull, Stockholm

Was wäre wohl geschehen, wenn Bevin Bidault, sozusagen aus übertriebener protokollarischer Korrektheit, die dreibaltischen Staaten nach Paris zur Beratung über den „Marshall-Plan“ eingeladen hätten? Hätten die Außenminister der drei Länder höflich abgelehnt oder wäre die Ablehnung – weniger höflich. – durch die Prawda erfolgt?

So genant es für alle sein mag, die sich noch nicht an das Klima unseres neomachiavellistischen Zeitalters gewöhnt haben: Estland, Lettland und Litauen sind jedenfalls nach den Protokollen von London, Paris und Washington noch immer „de – jure“ unabhängige Staaten. Noch vor einem Jahr ... wäre es unangebracht gewesen, an diese Tatsachen zu erinnern. Man hatte’sich damals im amerikanischen State Department unter einigen Gewissensqualen zu der Ansicht durchgerungen, daß die Unabhängigkeit der drei baltischen Länder „ein historischer Irrtum“ war. Inzwischen sind die Beziehungen zwischen dem State Department und dem Kreml kühler geworden, und seitdem haben sich in Washington die Ansichten gewandelt.

Es wäre sehen, wenn man – hieraus den Schluß ziehen könnte, daß die beider: Sphären, Recht und Macht, einander wieder näherzukommen im Begriff seien und daß Anlaß zu der Hoffnung bestände, letzten Endes werde das „Recht Recht bleiben“. Wir leben nicht mehr im Zeitalter des internationalen Vertragsrechts und noch nicht in dem des internationalen Satzungsrechts. In dem heutigen Interregnum bleibt nicht Recht Recht, sondern Interessen bleiben Interessen, Diese allerdings ändern sich je nach der Verschiebung der Kulissen auf der politischen Bühne, und da kann es der Zufall fügen, daß Interessen und Recht auch einmal zusammenfallen; wenn dann hinter den Interessen auch die Macht steht, sie durchzusetzen, kann es allerdings so aussehen, als ob tatsächlich Recht Recht bliebe. Doch soll man sich hüten, darin mehr als einen Zufall zu sehen.

Die baltischen Länder haben das Unglück gehabt, keine mächtigen Freunde zu besitzen; die befreundeten Länder waren nicht mächtig genug und die mächtigen Länder nicht befreundet genug. Angesichts dieser Tatsache nützt es ihnen nichts, daß sie mit ihren Ansprüchen „Recht“ haben mögen.

Mit ihrer Weigerung, die Annexion der Balten-– Staaten „de jure“ anzuerkennen, halten, die Westmächte allerdings ein Pfand in der Hand, das je nach Bedarf verwendet werden kann Bisher dachte man sich diese Verwendung wohl als eine Art Belohnung für gutes Betragen Moskaus; da dies Betragen aber nach Ansicht der Westmächte neuerdings zu wünschen übrig läßt, behält man die Belohnung vorläufig in der Tasche. Andere Länder, darunter Schweden, sind großzügiger gewesen und haben die Belohnung im Vorschuß gegeben.

Das hat teilweise zu ärgerlichen Konsequenzen geführt. So mußte, als Stalin Ehen zwischen Russen- und Ausländern verbot, der schwedische Reichstag ein besonderes Gesetz schaffen, daß die baltischen. Flüchtlinge von dem Heiratsbann erlöste. Ganz wohl ist der schwedischen Regierung bei ihrer „de jure“ Anerkennung der Annexion der baltischen: Staaten überhaupt nicht zumute, und sie wartet sehnsüchtig darauf, daß andere Länder, vor allem England und die Vereinigten Staaten endlich ihrem Beispiel folgen. Das Regierungsorgan,„Morgentidningen“, erklärte kürzlich, die Kritiker der Regierung hätten Unrecht, denn auch England habe die Annexion „de facto“ anerkannt. Die Politik Schwedens wiche also nur in dem „unbedeutenden Unterschied von der jure und de facto von der englischen ab. Wie wäre es, wenn diesem Leitartikler seine Uhr gestohlen würde und der Richter ihm – erklärte, daß die Uhr de facto dem Dieb gehöre und daß er angesichts des geringfügigen Unterschieds zwischen de facto und de jure gut darin tue, den bestehenden Zustand auch de jure anzuerkennen. Vielleicht wäre es besser, wenn man in Zukunft; statt, der lateinischen Worte die Ausdrücke „von Macht wegen“ und „von Rechts wegen“ gebrauchen würde, dann wird sofort klar, daß der Unterschied zwischen de facto und dejure genau so klein oder so groß ist, wie zwischen Macht und Recht. Was nun das Baltikum betrifft, so ist zu befürchten, daß unabhängig davon, ob der Status dieses Gebiets jemals wieder strittig wird, – das Streitobjekt selbst abhanden, kommt. Unablässig. rollen die Züge mit Deportierten nach Osten, während Tausende von russischen Soldaten. Beamten und Siedlern in das Land hineinströmen. Noch ein paar Jahre und nur die Namen Estland; Lettland, Litauen werden an die einst dort lebenden Völker erinnern. Wären die Verkehrsverhältnisse besser, würde die doppelte„Umsiedlung“ sicher schnellervonstatten gehen, aber man darf den russischen Eisenbahnen in ihrem jetzigen Zustand nicht Unbilliges zumuten. Immerhin sind seit Kriegsende nach zuverlässigen Schätzungen allein aus Estland rund 100 000 Personen abtransportiert, worden, oder mehr als 10 v. H. der Gesamtbevölkerung. In den andern beiden Staaten, besonders in Litauen, wo die Partisanenkämpfe gegen die Rote Armee am längsten und hartnäckigsten waren, scheinen die Transporte noch wesentlich umfangreicher gewesen zu sein. Hinzu kommen in Estland rund 50 000 schon zur Zeit der ersten russischen Okkupation, 1940/41, Deportierte und eine entsprechende Anzahl im übrigen Baltikum, Um.sich von der Entvölkerung der drei Länder ein richtiges Bild zu machen, muß man ferner die Flüchtlinge im Westen in Betracht ziehen, deren Zahl sich nach ungefähren Schätzungen auf rund eine Viertel Million beläuft, sowie ferner die sicherlich nicht geringe Zahl derim Krieg und danach durch Krankheit und Entbehrungen Umgekommenen. In Estland leben heute noch etwa 800 000 Esten gegen 1 200 000vor dem Krieg und ähnlich, wenn nicht noch ungünstiger, ist das Verhältnis in Lettland und Litauen. Dabei hat die Gesamtbevölkerung dank der russischen Einwanderung, die schon in der Zeit der deutschen Besatzung begann, erheblich zugenommen. Ein ganzes Heer von russischen Zivilpersonen, teils von den Deutschen verschleppt, teils. freiwillig der Wehrmacht nachgezogen, blieb im Baltikum hängen, ohne, wie sonst üblich, nach dem Einmarsch der Roten Armee repatriiert zu werden. Städte wie Tallinn und Riga sind schon zur Hälfte russisch, was sich nach Eintragungen im Geburts- und Sterberegister feststellen läßt.