Von A. F. W. Hilckes

Um die Durchführung des Abkommens von Linggadjati sicherzustellen, unternahmen holländische Verbände am 20. Juli eine Offensive in Indonesien gegen die republikanischen Streitkräfte. Die Aktion wird in Holland als eine Polizeiunternehmung zur Wiederherstellung von Ruhe und Sicherheit bezeichnet. Die indonesische Regierung spricht von einem holländischen Kolonialkrieg zur Unterdrückung der eingeborenen Bevölkerung und zur Wiederherstellung der alten Herrschaft. Der Vormarsch der Holländer erfolgte von allen Stützpunkten auf Java; die niederländischen Streitkräfte sind in raschem Vorschreiten. Die Indonesier hingegen wenden die Taktik der „verbrannten Erde“ an. Nur auf Sumatra leisten ihre Truppen einstweilen härteren Widerstand. – Folgender Bericht stammt von einem kürzlich nach Deutschland gekommenen Beobachter, der mit den Verhältnissen desLandes- und den Bestrebungen der indonesischen Freiheitsbewegung vertraut ist. (Über die Vorgeschichte des Konfliktes siehe auch den Aufsatz „Der Streit um Linggadjati“ in Nr. 29 der „Zeit“).

„Ichbin Nationalist“; sagte der kleine unscheinbare Malaie, dem ich im Jahre 1937 in einem Besuchszimmer des Wirtschfisdepartements der Holländischen Regierung in Batavia gegenübersaß, und der blanke Fanatismus stand in diesem Augenblick in seinem Gesicht. Sein Name war: Sharifudin. Er sprach ein ausgezeichnetes Holländisch und trug europäische Kleidung. – Zugegeben: das Gespräch hatte, Arne Wendung genommen, die nicht ungefährlich war. Ich’selbst war damals Besitzer einer Pflanzung auf Borneo. „Ich liebe Indien“, sagte ich, tun dem Gespräch eine freundlich-harmlose Note zu geben. Übrigens: „Insulinde“ sagen die Holländer, „Indonesien“ sagen die Eingeborenen und „Indien“ – so verallgemeinernd nennen es die „Neutralen“, die weder Holländer noch Javaner sind. „Würden Sie das Land auch lieben, wenn Sie in einer Bambushütte wie ein Eingeborener leben müßten?“, erwiderte. Sharifudin. „Ihr Europäer seid nur gekommen, um euer Geld zu verdienen!“

Ich sah auf, Sharifudin saß unter dem Bilde, das die Königin von Holland zeigte. Er sprach weiter: Wir Eingeborenen müssen in den Schulen die Geschichte Hollands lernen. Wir haben also gelernt, daß Holland achtzig Jahre lang unter spanischer Herrschaft stand und daß der Kampf, den die Holländer gegen die Spanier führten, als das glorreichste Kapitel in der/holländischen Geschichte von ihnen geliebt wird. Wie, wenn wir daraus Rückschlüsse auf die Notwendigkeiten unserer eigenen Geschick träfen?“ Ich schwieg. Würde er am Ende auch von Sukarno sprechen, der damals in der Verbannug legte Und der, wie jeder Eingeweihte wußte, als Personifizierung der indonesischen Freiheitsidee der große. Mann im Hintergründe war? „Entschuldigen Sie, daß ich offen war“, sagte. Sharifudin plötzlich Er war nun wieder äußerlich vollkommen unauffällig – kein Fanatiker mehr, sondern ein Malaie mit den oft zitierten rehhaft sanften, melancholischen Augen.

Damals ein Angestellter in holländischen Diensten – wenn auch nicht irgendeiner, denn „mein Mitarbeiter“: so hatte, ein höherer Beamter des Departments ihn vorgestellt – leitet Shariludin heute die Geschicke Indonesiens. Und was er einst im Vertrauen sagte, spricht er heute offen vor aller Welt aus: er will die Freiheit für sein Land, die ungeteilte, unkontrollierte Freiheit,

Vor Jahren, als ich Sharifudin traf, lebten in Java dreiundvierzig. Millionen Indonesier. Das Land war so dicht besiedelt wie Belgien, obwohl es nur wenige Striche unter dem Äquator liegt. Alljährlich nahm die indonesische Bevölkerung um eine Million Einwohner zu. Diese Million jedoch fand ihren Platz nicht mehr auf der von Holland beherrschten Insel Java. Seit 1930 etwa kolonisierten die Holländer sie daher aus nach Borneo, nach Sumatra hauptsächlich. Und es scheint, daß Sharifudin von Amtswegen Gelegenheit hatte, in diese Vorgänge Einblick zu nehmen.

Paradies Insulinde