Je kleiner die Städte sind, desto auffälliger wird die Überproduktion an bildender Kunst. In Eisenach – und diese Stadt darf dabei wohl nur als Beispiel gelten – verkaufen Zigarrengeschäfte Ölbilder, Schreibwarenläden Aquarelle, und die Kurzwarenhandlung bietet Plastiken an. Die Qualität ist bereits im Technischen kümmerlich. Großenteils wird kopiert, oft unter schamhaftem Verschweigen des eigentlichen Urhebers. Der tiefere Grund für den Zustrom zur „Kunst“ ist eindeutig: Man will leicht Geld verdienen, man will dem Arbeitsamt gegenüber – eine Beschäftigung nachweisen, man hofft auf die Lebensmittelkarte 3 mit ihren höheren Raticnssätzen. Der Anreiz mühelosen Einkommens scheint der stärkste zu sein, denn sonst müßte schon ein wenig Selbstkritik verhindern, daß sich jemand mit Erzeugnissen an die Öffentlichkeit wagt, die kein Zeichenlehrer seinen Sekundanern durchgehen lassen würde. Es ist viel zur Sache geschrieben worden, es wurde sogar der Ruf nach der Polizei laut. Aber solange die Kritik nur beim berufsmäßigen Kritiker bleibt, während der ,,Konsument“ wahllos und zu jedem Preis kauft, was ihm nur angeboten wird, so lange triumphiert die „Kunst“; Nachfrage ist starker als Polizei. ...

In Eisenach ist der Freie deutsche Gewerkschaftsbund dessen Gewerkschaft alle Kultur-, schaffenden umfaßt, auf den für eine langsame, aber nachhaltige Abhilfe fruchtbaren Gedanken gekommen, eine ,,Juryfreie Kunstausstellung“ zu veranstalten. Keine Auslese, dafür aber ein sanfter Druck auf jeden, der sich bisher als bildender. Künstler bezeichnet hat.

Was im Hause der Kultur zustande kam, war eine Schau, die nach oben und unten die erwarteten Grenzen überschritt. Es gab zwar nicht einen Pinselstrich, der Neuland eroberte oder auch nur erobern wollte, es fehlten die Abstrakten; was an Moderne vorhanden-war, suchte Anschluß an die zwanziger Jahre und wirkte peinlich passé.Aber hier malen Landschafter, die dem Thüringer Wald auf die letzten Seelenregungen kommen; um allerdings gelegentlich auch wieder um dekorativer Wirkungen willen wild danebenzuhauen. Paul Hempe, der neben K. Roquette bekannteste und beliebteste, hat früher Cafés und Ratskeller ausgemalt. Mit seinen Bildern kann man leben, während man viele Avantgardisten kaum ein Jahr an der Wand des Wohnzimmers ertragen könnte. Auch das sollte ein Gesichtspunkt sein. Schließlich erwarten Maler, daß man ihre Bilder kauft.

Es gibt also viel Tüchtiges, auch ein paar gute Porträts. Die Berliner Evakuierten allerdings, die eine Zeitlang die Eisenacher Kunsthandlungen stark beherrschten, sind wieder zurückgekehrt, einer als Akademielehrer. So fehlt eine Handvoll Paprika. Aber, und das war der Sinn der Sache, die Dilettanten haben einen schweren Stand. Sie wurden rücksichtsvoll in minder beleuchtete Ecken gehängt. Und schreien dennoch dort danach, gehenkt zu werden. Stümpereien richten sich selbst, Bilder, die kein weiteres Mal auf einer Ausstellung erscheinen werden. B.-