Von Emi Lochs

Buch ist aufgeschlagen. So, und da haben wir nun das Vergnügen, mit Balzac Gast in einer Abendgesellschaft in Paris zu sein. Im braunweiß-goldenen Empire schwingt jene Konversation, deren letzte Stunde Balzac gekommen sieht. Nur selten flicht eine der Damen ein Wort in das Gespräch, und doch bestimmt ihre Gegenwart Thema und Farbe des geistreichen Wortgewebes. Das Weibliche – nicht wegzudenken aus der Geistigkeit des Pariser Salons – ward zum Schlagwort einer Zeit – la femme comme il faut.

Spielerisch schweift die Konversation ab, und spielerisch schlingt die Phantasie des Lesenden, dem Banne des Buches sanft entgleitend, eine Arabeske um das Schlagwort überhaupt, dieses mit koboldartiger Plötzlichkeit und Gleichzeitigkeit überall. herausschießende Wort, das mit einem Schlag das Leben einer Epoche von den banalsten Bereichen bis ins Herz trifft und kennzeichnet. Könnte man die Schlagwörter aller Zeiten chronologisch aufzeichnen, man würde daraus eine Geschichte der Menschheit ableiten können, tiefer und wahrer, als sie bis jetzt geschrieben ist. Hier aber ist das Buch Balzacs untrüglicher Spiegel jener Zeitläufte. Hier sind auch die Schlagwörter. Und wie? Das Schlagwort des Empire hieß: Organiser!

Organisation! Verschwunden sind Empiresalon, Kavaliere und Damen, Likör und Zigarettenduft, und aufsteht das grausige Gespenst jüngster Vergangenheit und der Albdruck lastender Gegenwart. Und das Buch fliegt beiseite.

Vor vierzehn Jahren begannen Maschinen zu laufen und zu stampfen, sie rollten und wuchsen zu einem riesigen Triebwerk zusammen, das nach und nach ein ganzes Volk bis zum letzten Mann in sein Räderwerk hineinzog, bis jeder an seiner Stelle geschäftig mitdrehte, hämmerte, lief. Große Männer saßen vor den Karten und teilten Länder, Kontinente, Meere und Rohstoffe, zogen Grenzen, zeichneten Großräume, siedelten Völker aus, ein und um. Sieben Jahre stößt und stampft die Maschine, ganz-Deutschland läuft mit. Dann hat die Maschine den Höhepunkt ihrer Kapazität erreicht; nun wird sie zeigen, was sie kann.

Panzer rollen, Fliegerstaffeln steigen auf, und auf den Straßen, da marschiert es; Menschenmaterial, kleine Rädchen, Hämmerchen, Treibstoff der Maschine, Soldaten. Krieg! Es kann ja nicht schief gehen, denn, alles ist ja nur eine Frage der Organisation. Und organisieren können wir besser als irgendeiner auf der Welt.

Mit blutigem Ruhme offenbart die Maschine ihre Zerstörungskraft, malmend fressen sich ihre Räder nach Osten und nach Westen. Dann aber rammt sie sich fest, und krachend und splitternd empfängt sie den ersten tödlichen Schlag – Stalingrad.