Das Scheitern der englisch-russischen Handelsvertragsverhandlungen ist zweifellos ein Pfeil, den. Moskau gegen den Marshall-Plan richten wollte. Man erwartete in London diesen Schuß und war nur durch das Zögern des russischen Bogenschützen mehrfach verleitet worden, doch noch einige Hoffnung auf ein Verhandlungsergebnis zu hegen. An sich wäre anzunehmen, daß nicht nur aus politischen, sondern auch aus Wirtschaftlichen Erwägungen heraus Rußland sehr viel daran gelegen hätte, ein Abkommen mit England zu erzielen. Und vice versa, England würde sehr gern das russische Angebot angenommen haben, in diesem fahre eine Mill. t und in den folgenden drei Jahren. 5,5 Mill. t Getreide aus der Sowjetunion zu beziehen – und außerdem die russischen Wälder für seinen dringenden Holzbedarf zu erschließen. Abreden über 53 000 Standards und zusätzliche Mengen Grubenholz waren bereits von den Fachleuten unterzeichnungsreif für die Hauptunterhändler gemacht worden. Rußlands Interesse richtete sich auf englische – Industrieliefetungen, vor. allem Feldbahnen für den Holztransport. Werkzeuge für den Holzeinschlag und Ausrüstungen für Sägereien. Daneben kam es Moskau darauf an, Zahlungsfristen und -bedingungen für englische Kredite aus dem Kriege zu verbessern.

Zunächst hieß A, der von Rußland geforderte Weizenpreis sei den Engländern zu hoch gewesen. Er habe nicht nur den kanadischen Preis von 1,55 Dollar je Bushel, sondern auch den höchsten Preis in Chikago von 2,40 Dollar je Bushel weit überstiegen. Mikoyan, der russische Verhandlungsführer, habe 2,60 oder sogar 2,70 Dollar je Bushel gefordert – und dies, obwohl ein beträchtlicher Preisrückgang in Chikago bereits eingetreten ist und sich wahrscheinlich noch fortsetzen wird. Die russische Preisforderung bedeutet, daß England entweder zu Lasten-seiner übrigen Exporte besondere Ausfuhranstrengungen für Rußland machen müßte oder aber einen Teil des Weizens bar mit Seinen neuen freien, auch in Dollar umwandelbaren Pfunden bezahlen müßte – was es gerade mit Rücksicht auf seine knappen Dollarreserven durch die Verlagerung eines Teiles der Weizenkäufe von Amerika nach Rußland vermeiden wollte. England aus dieser Abhängigkeit von den USA etwas herauszulösen, erschien Rußland eine durchaus lobenswerte Aufgabe. Ein russischer Oberst, der aus der normalen, östlichen Schweigsamkeit bei der gemeinsamen Schlahwagenfahrt Moskau–Leningrad einem englischen Journalisten gegenüber heraustrat, ohne deshalb die russischen „Belange“ zu vergessen, erklärte dies seinem Schlafwagengenossen so: „Die schandbaren Verhältnisse in den USA sollten wir Europäer nicht noch unterstützen. Nehmen Sie die Weizenpreise in Chikago. Heute 2,70 Dollar gegen 70 Cent vor dem Kriege. Sollen wir Europäer uns eine derartige Blutsaugerei gefallen lassen?“

Es scheint, daß man in letzter Minute in Moskau doch noch eingesehen hat, wie unsinnig die Behauptung sei, man wolle die Blutsaugern Amerikas durch noch höhere Preise bekämpfen. In späteren Meldungen über die Hintergründe des Scheiterns heißt es, daß nicht die Weizenpreise, sondern die Bedingungen für die alten englischen Kredite von Rußland als ungenügend abgelehnt wurden und dadurch der Abbruch der Verhandlungen eingetreten sei. Das wäre ebenso erstaunlich. Für die englischen Kredite, einen Betrag zwischen 40 und 50 Millionen Pfund, soll England eine Herabsetzung des Zinssatzes Von 3 auf 1/2 v. H. sowie für 60 v. H. alter und neuer Kredite ein Moratorium und eine Verlängerung der dann erst einsetzenden Rückzahlungsfrist von sieben auf zwölf Jahre angeboten haben. Es dürfte schwerhalten, bei derartigen Konzessionen England mangelnde Kompromißbereitschaft in den Moskauer Verhandlungen vorzuwerfen und andere als politische Erklärungen für das Ausbleiben eines, neuen Handelsvertrages zu finden. eg.