Von Ewald Schmidt di Simon!

Im Polizeigericht zu Nottingham, in der traditionellen Stille der Verhandlung die nicht einmal ein Flüstern stört, reichte die Reporterin einer englischen Zeitung mit freundlicher Kollegialität erklärende Zettel herum, damit auch die Besucher f&us Deutschland begriffen, was hier gespielt wurde: „...and never they get excited...“ Das war auf den Anklagevertreter gemünzt; ein Lob der gerichtsgewaltigen Männer, „die sich niemals erregen“. Und diese Notiz – könnte sie nicht überall gelten, wo das englische Alltagsleben imtiefsten englisch ist? Die Engländer haben es nicht leicht in diesen für ganz Europa so problematischen Zeiten. Jedoch, „they never get excited“. Schon die Bilder der Reise zur Insel im Truppen-Eisenbahnzuge und an Bord eines Truppentransporters boten erstaunliche Proben jener Art von englischem Gleichmut, der weder dem gleicht, war man auf Deutsch „Wurschtigkeit“, noch dem was man auf Französisch ‚,laisser faire“ nennt: es ist eine selbstbewußte Ruhe, wie sie in Jahrhunderten als betont englischer Charakterzug kultiviert wurde und wie sie etwa im Sport dem Golf entspricht. Ein Mann von der military police winkt; ein „Winken mit den Äugelein, wie es im deutschen Volkslied heißt, aber kein „Treten auf den Fuß“, und ob Offizier, ob „otker rauks“, sie besteigen still bescheiden und kritiklös – darin sehr zum Unterschied zur früheren deutschen Truppe – das vorgesehene Abteil oder das Schiff. Und würde nicht ununterbrochen Irgendeine Songmelodie gepfiffen, es wäre wie bei einem Begräbnis dritter oder erster Klasse ... je nach Dienstrang

So auch im privaten Alltagsleben. Wenn die englische Hausfrau, die das Schlangestehen längst auch lernen mußte, Ärger mit den Geschäftsleuten hat, wenn sie heutzutage höllisch aufpassen muß, damit sie mit den Punkten haushält – sie hält unentwegt auch fest an der traditionellen, freundlichen Ruhe ihrer Lebensart. Man denke doch: Zum ersten Male in der Geschichte Englands, und dies obendrein nun nach einem siegreichen Kriege, gibt es seit einem Jahr eine Brotrationierung – ohne Zweifel aus keinem anderen Grunde als dem, Getreide nach Deutschland zu bringen. Die Engländer sparen im eigenen Lande, teilen ein und rechnen. Aber sie erregen sich nicht. Allerdings, daß der Segen der Dollaranleihe wie ein Regen im Sandboden zu zerrinnen droht – auch darüber, scheint es, „they never get excited“.

Um aber nach Nottingham und zur Polizei zurückzukehren – ein Inspektor gab dort die Auskunft, daß die Beamten die Möglichkeit nebst Ausweis gehabt hätten, angesichts des Ernstes der Zeiten in jede Wohnung einzudringen und nach dem Rechten zu sehen. Auf allen Gebieten des Lebens und des Geschäfts sind nämlich drakonische Maßnahmen vorgesehen, gegen den, der aus der -Reihe tanzt. In diesem Falle aber hätten die Polizeibeamten selber protestiert und gebeten, ihnen möge das peinliche Amtsvorgehen erlassen werden. „My house“ ist in Ehgland immer noch „my Castle“. Angewandte Demokratie. Und doch! „Denk ich an Deutschland bei der Nacht“, dichtete Heinrich Heine ...

Das ist es. was dem deutschen Besucher auffällt, dem allenthalben in Süd- und Mittelengland fast drei Wochen lang mit großer Herzlichkeit viele, wenn auch nicht alle Möglichkeiten geboten wurden, Vorgänge des Alltagslebens zu sehen, zu hören und zu vergleichen: Die britische Tradition ist nach allem, was geschah, unangetastet.. – Noch immer sagen sie: „to ride on a train“, als ritten sie hoch zu Roß über die Schienenstränge. Noch immer waren in den Bergwerken des Nottingham-Distrikts neben modernen Alarmanlagen kleine gelbe Kanarienvögel zu sehen, die seit Jahrhunderten die Liebenswürdigkeit haben, bei Gasgefahr tot umzufallen. Noch immer halten in den Großstädten die Autobusse nach Bedarf auch an Haltestellen, die nicht durch ein Schild gekennzeichnet sind, sondern aus den guten, alten Pferde-Bus-Zeiten im ehrenden Gedächtnis, der Passagiere stehen. Noch immer genügt ein unauffälliges Plakat „Private“, um vornehm das auszudrücken, was in Deutschland, und dies nach dem Sprachgebrauch der englischen Behörden auch strenger mit: „Zutritt verboten!“ gekennzeichnet ist. Und das Neue? Man spürt es allenthalben: Viele Industriewerke – tragen die Inschrift: „Dieser Betrieb ist nationalisiert’. Die Arbeiter verdienen gut und sind stolz auf irren „Earnie“ – auf Bevin, den heute populärsten Mann in England, dem auch seine Parteigegner uneingeschränkte menschliche Anerkennung zollen. Die Leute, an der Werkbank haben von ihm gelernt, daß es auf sie und ihren Fleiß ankomnt und auf das Gebot der Stunde, zu exportierer und wieder zu exportieren und zu sparen und weder zu sparen. Und dies fällt demjenigen, der die Insel von früher kennt, ebensosehr auf wie – die Tatsache, daß es neuerdings ein Central-Office for Information“ gibt, welches das Land mit Broschüren überschüttet, mit bunten Flugzettel die ebenso die Muttermilch wie die Magermilchpropagieren.

Wie sich oft aber gerade in kleinen Aussprüchen und kleinen Gesten am ehesten der Geist zeigt, der ein Land und eine Zeit beherrscht, so auch diesnal auf der Fahrt durch England: In Birmingham, als von einem Bekannten gesprochen wurde, der unter dem dortigen Oberbürgermeister arbeites, erwiderte das Stadtoberhaupt, ein feiner, geistreicher und durchgeistigter Mann: „Er arbeitet nichtunter mir, er arbeitet mit mir“ – ein Kompliment der Kameradschaft von wohltuender Vorbildlicher Phrasenlosigkeit. Und in London erwiderte Jack Jones, der Sekretär Lord Pakenhams, früherer Bergarbeiter, eine vierschrötige, prachtvolle Erscheinung, ein Mann von großer, gewiß verdienter Popularität, auf die Frage, ob sein Sohn auch das entsprechende Haus habe, da dieser doch als Chairman einer bedeutenden Baugesellschaft tätig sei, ungefähr dies: „Er hat eine ziemlich hohe Baunumner. Und die Nummer ist noch lange nicht dran!“ – das ist die Korrektheit, die auch im modernen England--als die beste Beamteneigenschaft gilt. Und ebenfalls in London, im Parlamentsgebäude, kam Lord Pakenham aus irgendeinem Sitzungssaal in unsere Mitte, ergriff irgendeine halbgefüllte Teetasse, füllte sie neu und trank sie stehend aus – eine frische, unbekümmerte Geste, weit entfernt von aller kontinentalen Ministerwürde; die Tasse war zufällig die meinige. Und überall in Süd- und Mittelengland wurden wir von „girl drivers“ herumgefahren: das waren flotte, junge Mädchen, die die Linke fest am Steuer hielten und mit der Rechten schwungvolle Dirigentengesten in die Luft schrieben, um auch in den andeien Fahrern keine Zweifel aufkommen zu lassen, wie und wohin sie steuern wollten, Energie und Grazie vereinend – ein Beispiel, daß die Frauen es in der Arbeit den Männern gleichtun. Und alle, alle, ob groß, ob klein, zeigen sie in England bei allem neuen Tempo eine alte selbst für deutsche Beobachter erstaunliche Disziplin. Alle sagen offenherzig und wenn auch nicht ohne einen Anflug von jenem Selbstmitleid, das sie an uns Deutschen tadeln, daß-sie niemals in England eine so schwierige Zeit hatten, wie die augenblickliche, und sie sind fast glücklich, wenn ihnen dies bestätigt wird, ausgerechnet von selbstmitleidigen deut-– schen Gästen, die daheim bald vor eigenen Sorgen nicht mehr wissen, Wo als und wo ein.

Aber zweifellos ist die Situation in England wirklich so außerordentlich schwierig, daß große Disziplin, Selbstvertrauen, Selbstbeherrschung und jene echte nationale Haltung, die für jeden Engländer so selbstverständlich ist, daß er nicht erst darüber zu reden braucht, notwendig Sind, die Lage zu meistern. England nämlich ist in der Lage des einst reichen Mannes, der über Nachtharte Verluste erlitten hat und dessen gewohnte Bedürfnisse größer sind als dessen Mittel. Wohl, England hat den Krieg gewonnen. Nun macht es Anstrengungen, auch den Frieden zu gewinnen. Und eben dazu tragen alle Engländer mit selbstloser Selbstverständlichkeit und einer Sachlichkeit bei, die fast ohne jegliches Ressentiment gegenüber dem früheren Feinde sind.