Bei Besprechungen- und Konferenzen zeigt sich seitens der Teilnehmer in letzter Zeit immer häufiger die Neigung, lieber die Gegensätze auf die Spitze zu treiben und die Verhandlungen scheitern zu lassen – und zwar auch dann, wenn eine Einigung im eigenen vernünftig verstandenen Interesse dringend erforderlich wäre – als auf einen Kompromiß einzugehen und den eigenen starren Standpunkt ein wenig zu verrücken. Es kann nicht verkannt werden, daß dies ein bedeutsames Zeichen für die Mentalität unserer Nachkriegszeit ist, für die Friedlosigkeit, die in der Welt herrscht: die politischen Leidenschaften sind stärker als die politische Vernunft.

Die britisch-russischen Verhandlungen über einen Handelsvertrag sind nach monatelanger Dauer ergebnislos abgebrochen worden. Hier sind, zwei Länder, von denen jedes manches produziert, was das andere braucht. Englische Maschinen, sollten gegen russisches Getreide und Holz getauscht werden. Die Sowjets aber setzten den Preis so hoch über dem’sonst auf dem Weltmarkt üblichen an und verlangten ferner so große Zugeständnisse bei der Rückzahlung alter englischer Anleihen, daß Großbritanniens Bevollmächtigter sich gezwungen sah, unverrichteter Dinge abzureisen. Die Welt hungert, aber politische Erwägungen – der Kampf gegen den Marshall-Plan und Furcht vor kommenden Konflikten – hindern die Sowjetunion; die doch auch an. der Hilfe durch. UNRRA teilgehabt hat – das Ihre beizutragen, um den Hungernden zu helfen. In Paris sind sechzehn europäische Nationen zusammengetroffen, um der Aufforderung Marshalls nachzukommen und einen gemeinsamen Plan für den Wiederaufbau Europas zu entwerfen, Nach dem ersten Enthusiasmus zeigten sich bald erhebliche Gegensätze. Frankreich wehrt sich energisch gegen eine Änderung des Potsdamer Industrieplans und insbesondere gegen eine Erhöhung der deutschen Stahlerzeugung. Auch will es auf eine internationale Verwaltung des Ruhrgebietes nicht verzichten und lieber die Sowjetunion in die Verhandlungen wiedereinspannen und ihr die Möglichkeit geben, ein Abkommen zu verhindern, als einen Wiederaufbau Deutschlands in absehbarer Zeit zuzulassen. „Auch hier stehen politische Maximen, ein tiefgehendes Sicherheitsbedürfnis vor allem, den Erwägungen, wirtschaftlicher Vernunft entgegen. Besser wäre es, der Marshall-Plan scheitert, so schrieben französische Zeitungen, als daß Deutschlands Industriekapazität erhöht wird...

Auch in Deutschland selber zeigen sich ähnliche Erscheinungen. Mit Zuversicht und Befriedigung hatte man es in der britischen.-und amerikanischen Zone begrüßt, daß ein gemeinsame: Wirtschaftsrat in Frankfurt am Main errichtet worden ist, der die Verwaltung vereinheitlichen soll und eigene Initiative entfalten kann. Hier, so hoffte man, würden die deutschen Parteien angesichts der drängenden

Probleme einmütig zusammenarbeiten, um der deutschen Not zu steuern. Doch als es darum ging, für die einzelnen Hauptverwaltungen Direktoren zu ernennen, traten SPD und CDU in Streit. Beide Parteien erhoben Anspruch auf die Leitung des Wirtschaftsamts. Ein Kompromiß wurde nicht erreicht, die SPD zog ihre Kandidaten von allen Ämtern zurück und ging damit im gesamten Wirschaftsrat in die Opposition. Dieser Verhärtung der Gegensätze, die vielerorts zu beobachten ist, liegt immer die gleiche Haltung zugrunde: Niemand ist bereit; eine Position aufzugeben, als werde in der nächsten Stunde die Entscheidung für eine lange Zukunft getroffen. Es ist, als wäre das Gefühl, daß uns eine ruhige Entwicklung im Frieden bevorsteht, noch nirgends lebendig. Die Starre des kriegerischen Denkens behindert die Freiheit der Entscheidung. Tgl.