Auf der ganzen Linie richtete sich jetzt die nationalistische Erhebung, die früher gegen die Holländer gewirkt hatte, gegen die Japaner. Es gab sofort eine ungeheuerliche Komplizierung, denn Sukarno, der Nationalheld, war ausgerechnet von den Japanern befreit worden. Er stand offenbar unter der Gnadensonne Japans, während Sharifudin in der Untergrundbewegung verschwunden war und gegen die Japaner kämpfte. Und dieser Kampf machte, den Japanern schwer zu schaffen.

Um, dieselbe Zeit wirkte sich zum Nachteil der Japaner eine Maßnahme aus, die ein indonesischer Fürst getroffen hatte und deren Bedeutung den landesfremden Beobachtern schwer verständlich war. – Wir sagten, daß die Holländer das Malaiische als Schul- und Umgangssprache eingeführt ’hatten: die Jugend und die politischen Aktivisten fanden ihren Vorteil darin, aber ein Volk besteht nicht nur aus jungen und politisch interessierten-Leuten. Der Monkonogoro aber, der Fürst von Solo – derselbe, der später zugunsten der indonesischen Republik auf alle Herrschaftsansprüche verzichtete – überwand das alte javanische Zweisprachensystem dadurch endgültig, daß er eine von beiden vorherrschenden – Sprachen, nämlich die „Sprache der Überlegenen“ verbot und allein die „Sprache der Höflichkeit“ bestehen ließ. Jetzt erst sprachen Vater und Sohn, Herr und Untergebener die gleiche Sprache. Jetzt erst wurde eine Umwälzung der Mentalität des Volkes bewirkt, die etwa mit den Folgen der Aufhebung der Leibeigenschaft in Europa gleichzusetzen wäre. Die Unterschiede schwanden. In Sitte und Sprache waren alle Javaner gleich. Und die Japaner sahen sich mehr und mehr Eingeborenen gegenüber, die es verlernt, sich als unterwürfige Diener fremder Herren zu fühlen, und kämen sie auch als Eroberer,

Freilich, in politischer Hinsicht vereinfachten sich dadurch die Verhältnisse keineswegs. Arbeitete Sukarno nicht insofern mit den Japanern zusammen, als er ihnen half, eine javanische Armee unter japanischem Kommando und unter japanischen Waffen aufzustellen? Viele eingeborene Unteroffiziere der holländischen Kolonialarmee wurden in dieser Truppe indonesische Offiziere. Die Holländer warfen Sukarno vor, ganz einfach mit den Japanern konspiriert zu haben. Die Männer der heutigen indonesischen Republik aber sagen, daß es selbstverständlich von hohem Wert war, überhaupt eine indonesische Armee zu bilden. Es scheint sogar, – daß ein geheimes Einvernehmen bestanden hat zwischen denen, die gegen Japan und denen, die (offiziell) für Japan arbeiteten, Als Japan zusammenbrach, löste sich im Übrigen die Verworrenheit auf Java in keiner Weise; sie wurde größer als sie je zuvor gewesen.

Als die Engländer schließlich an verschiedenen Punkten Javas landeten, streckten die Japaner sehr schnell die Waffen. Das heißt: sie sorgten vielfach dafür, daß es die Indonesier waren, die ihnen die Waffen abnahmen. Die Engländer suchten ihrerseits so schnell wie möglich die Lager zu erreichen, in denen die gefangenen Holländer saßen, um sie zu befreien. Dabei stießen sie plötzlich und verblüffend auf einen Widerstand, den ihnen die – Indonesier bereiteten. Es waren jene Truppen, die von den Japanern ausgebildet worden waren, verstärkt durch eine irreguläre Armee, die inzwischen zusammengetreten war und sich mit japanischen Waffen versehen hatte. Sutomo hieß ihr Führer, ein Arzt aus Surabaja, Munition erhielt diese Truppe zum Teil durch die Aufopferung indonesischer Frauen, die die Freundschaft der alliierten Hilfstruppen suchten und dafür Geschenke aus Pulver und Blei entgegennahmen. Jene illegale Armee, gebildet aus Extremisten reinsten Fahrwassers, ermordete noch jetzt viele Holländer die sich schon gerettet glaubten, Schließlich, nach wechselvollen Kämpfen zwischen den Engländern – und den indonesischen Truppen, wurde sogar ein. britischer Brigadier in Surabaja hingemordet. Eine englische Flugzeugbesatzung, die bei Bekassi hatte notlanden müssen, wurde in Stücke gehackt. Und aus den indonesischen Rundfunksendungen drang das Wort: „Vertraut keinem Weißen!“

Auf eine starke englische Aktion hin – nämlich die Niederbrennung Von Bekassi, die übrigens von den britisch-indischen Zeitungen, soweit ich damals sehen konnte, scharf verurteilt wurde – fanden sich endlich die Indonesier bereit, zu menschlicheren Methoden zurückzukehren. Sie ließen die holländischen Internierten frei und schafften sie an die Küste. Auch japanische Soldaten, die bei den kämpfenden Indonesiern Unterschlupf gefunden hatten oder sich unbehelligt im Lande umhertrieben, wurden den Engländern übergeben. Aber alles dies spielte sich unter andauernden Kämpfen, und Gefechten ab.

Im November 1946 hatten die Holländer so viel eigene Truppen nach Java geschafft, daß die Engländer ihnen die Insel oder besser den Kriegsschauplatz übergeben konnten.

Die Holländer fanden, sich nun einer Regierung der indonesischen Republik gegenüber, die sowohl von den Engländern als auch von den holländischen Dienststellen, die jetzt nach Java, kamen, de facto, anerkannt wurde, aber nicht de jure. Es war eine Regierung, die durchaus auf dem Standpunkt stand, daß die Zeit der holländischen Herrschaft in Java, Sumatra und Madura vorbei und vorüber sei.

Zu Anfang hatte der letzte holländische Gouverneur von Ostjava, van der Plass, versucht, durch Unterhandlungen mit den Indonesiern zu einer Lösung der strittigen Fragen zu gelangen. Aber er wurde, wie es drüben hieß, nicht genügend vonden Holländern unterstützt. Er ging. Er war später im Hauptquartier Mountbattons an Singapur zu finden. Fernerhin hat van Mook, der heutige Leutnant-Gouverneur-General, – es nahezu zwei Jahre hindurch vergeblich versucht; mit der Republik zu einer Anerkennung der holländischen historischen Rechte zu kommen. Aber die Indonesier lehnten die Oberherrschaft Hollands trotz aller Zusagen auf Selbständigkeit ab. Bis man in der Übereinkunft von Linggadjati eine Zwischenlösung zu finden gehofft hatte. Ein Waffenstillstand war schon früher, im Oktober 1946, abgeschlossen worden. Bekanntlich sah der Linggadjati-Vertrag vor, daß eine freie Republik im Rahmen des holländischen Königreiches (Groß-Niederland) bestehen sollte. Er war allerdings in der Interpretation in bezug auf seine Details verschieden auszulegen, und aus dieser Verschiedenheit der Auffassung heraus halten sich die Holländer für die Geschädigten, was sie bewog, nach monatelangen Verhandlungen den Freiheitsbestrebungen der indonesischen Republik gegenüber die eigenen historischen Rechte durchzusetzen. Van Mook wurde von holländischer Seite viel angefeindet, da wohl vielen in Holland die ungeheuren Schwierigkeiten und die delikaten Positionen nicht deutlich waren. Wenn van Mook indessen diesmal den Augenblick des Handelns für gekommen hielt, so wird er, der ein ausgezeichneter Kenner des Landes ist, seine Gründe dafür gehabt, haben. – Die Indonesier wehren sich fanatisch. Dennoch wird die „direkte militärische Aktion: in kurzer Zeit beendet sein. Aber bleiben wird die Unruhe, sehr wahrscheinlich sogar ein heimlicher und offener Kleinkrieg vor allem in den Bergen Javas und Sumatras. Denn die Indonesier haben aufgehört, friedlich zu sein.