Um zehn Uhr abends sollte der Zug eintreffen. Es war neun als ich in die Wirtschaft „Zum Bahnhof“ ging. Ich fürchtete mich ein wenig vor diesem-Treffen wie vor etwas Unwirklichem, das der Vergangenheit angehört, wie vor begrabener Zeit die sich zu regen beginnt.

Der Wirt stand hinterm Schanktisch und spülte die Gläser. Ich sah ihm zu, als ließe sich aus diesen Hantierungen etwas ablesen für mich. Günstiges oder Ungünstiges. Er spülte sie.sorgfältig, ruhig, ich hätte es nicht besser machen können. Als er für mich ein Glas zum Füllen nahm, ließ er es noch einmal austropfen, bevor er es schräg unter den Bierstrahl hielt. Draußen regnete es noch immer. Als ich auf dem gußeisernen Ofen oben am Türchen das Gußrelief betrachtete, erschrak ich. Es zeigte das scharfgeschnittene Profil eines Mannes mit Schnurrbartspitzen und einer Krone darüber. Es erschien mir wie ein Zeichen aus der begrabenen Zeit. War von all dem Glanz und der Macht nichts geblieben als eine Serienofenzier, ein Gußphantom? Ich trank einen Schluck Bier, drehte mir eine Zigarette, nichtige Tätigkeiten, denen man sich sorgfältig widmet, wenn Ernsthaftes bevorsteht. Ich hätte die Zeitung lesen können, ein Gespräch mit dem Wirt beginnen, aber die lähmende Unentschlossenheit überholte jeden Impuls und verurteilte mich von neuem zum Grübeln.

Ich konnte mir sagen, daß gar nichts vorgefallen sei. Man muß sich an die Tatsachen halten, sagte ich mir, alles andere sind Hirngespinste, von der Angst, dieser lauernden Spinne, gewoben. Tatsachen! Natürlich fiel mir das Wort Dostojewskis ein, es gäbe nichts Dümmeres als eine Tatsache, Damit kam man nicht weiter, eine Tatsache war weder dumm noch klug, sie war entweder wichtig oder belanglos. Ich holte – die Postkarte aus der Tasche und tat so, als läse, ich sie jetzt zum erstenmal, unbefangen. Da teilte mir eine junge Frau mit Namen Christiane mit, sie käme heute nacht hier durch und würde einen Zug überspringen, um mich zu sehen. Das war es, das waren die Tatsachen. Viele, herzliche Grüße – Christiane.

Aber wie war das mit den Erinnerungen, waren das auch Tatsachen? Im Grunde war dieser dreikantige Steingutaschenbecher auf dem Tisch ein Mount Everest an Tatsächlichkeit gegen jede Erinnerung. Kam es auf die Art der Wirklichkeit an? Ich landete wieder bei dem Unwägbaren, es flutete immerzu aus Vergangenheit und Zukunft in diese Wirklichkeit, in jedem Augenblick trafen sie sich und lösten sich wieder, unsichtbar, lautlos. Ich trank einen großen Schluck Bier, ich wollte mich an das Sichtbare halten.

Tel hatte gute Erinnerungen an Christiane, und weil sie gut waren, hatten sie jenen schwermütigen Klarg, jenes verklärte Licht, das hinter der tiefsten Süßigkeit blaut. Wir hatten uns nicht vergessen, nein und wir wußten ohne Beschönigung, wieviel wir unseren Erinnerungen aneinander verdankten, wieviel an Zuversicht, Mut, Freude und jener Demut, worin wir unseren Dank dem Leben zollen. Sicher hatten wir es uns oft gewünscht, uns nicht – trennen zu müssen, doch das Schicksal unternimmt seine Veränderungen mit den unerwartetsten Mitteln, innen und außen. Sie müssen nicht immer verhängnisvoll sein, aber die Trennungen sind schmerzhaft, verlorene Nähe nicht nur, sondern verlorene Erinnerungen. Wir kannten das Weisheitswort: „Das Leid ist es, von dem das Glück abhängt.“ Und es traf niemand einen Vorwurf, es mußte jeder die Wege gehen, die auf der unsichtbaren Karte des Lebenslanges eingezeichnet waren.

Ich wünschte ihr und mir, daß es Christiane gut gehen möge, oder was ich darunter verstand, jenes innere Einvernehmen mit sich selbst und mit der-Welt, das aushält und sich e. setzt und die Zeichen nicht leugnet, die in alles gewoben werden.

Ich fürchtete mich vor der Melancholie. Vor dem, was nicht weh tut und doch verwundet: Nichts stand auf dem Spiel, eine Begegnung zwischen zwei Zügen. Ich war ein Phantast, ich wollte mich doch lieber an die Tatsachen halten,