Obendrein gibt es nicht nur verstandesmäßige, sondern auch gefühlsmäßige Überlegungen um,-die Erhaltung von Museen. Und da ist eine von politischer Warte gewonnene Stellungnahme Bismarcks von Interesse, von der Wilhelm von Bode, der Begründer des Weltruhms der Berliner Museen, in seinen Erinnerungen berichtet („Mein Leben“ 1.): Im Jahre 1874 war der Plan aufgetaucht, die Kunstschätze des Prado in Madrid, die bei den damaligen politischen Verhältnissen in Spanien wohl zu haben gewesen wären, ganz oder teilweise für Berlin käuflich zu erwerben, wodurch die Berliner Museen mit einem Schlage an die Spitze aller Sammlungen der Welt getreten wären, „Aber“, so fährt Bode fort, „ernstliche Bemühungen in der angedeuteten Richtung durften wir nicht machen. Als wir die Idee durch den Finanzminister dem Fürsten Bismarck vortragen ließen, bekamen wir den Bescheid, daß er niemals seine Zustimmung geben würde. Sollte die spanische Regierung jetzt aus Not wirklich darauf eingehen, so würde es uns die spanische Nation nie vergessen und den Ankauf stets als Raub betrachten, möchten wir auch noch, soviel dafür bezahlt haben! Kunstsammlungen seien heutzutage der Stolz und die Eitelkeit jeder Nation, auch wenn sie ebensowenig davon verstünde wie er. selbst.“ Eine erstaunliche Stellungnahme ausgerechnet aus dem Zeitalter des Imperialismus und von einem Vertreter dieser Geschichtsepoche vom Range Bismarcks! Allerdings lehrt die Geschichte daß sich, revolutionäre Regiegesetzt leichter über solche Bedenken hinweggesetzt haben. Das markanteste und umfangreichste Beispiel der neueren Zeit für gewaltsame Verschiebung von Kunstwerken in der Folge von Kriegen und Eroberungen bieten die Requirierungen der französischen Revolutionsheere und Napoleons unter Leitung des ausgezeichneten Kunstkenners Denon. der die Niederlande, Italien und Deutschland in einem beispiellosen Ausmaß plünderte, um das große Nationalmuseum im Louvre mit den berühmtesten Meisterwerken der Welt zu füllen. Diese geraubten Schätze sind natürlich nach Napoleons Sturz fast alle wieder zurückgebracht worden.

Erst flach dem ersten Weltkrieg hat man überhaupt einmal wieder an die Möglichkeit der Abgabe von Kunstwerken zu Reparationszwecken gedacht und in den Versailler Vertrag die Aus-, lieferung der Flügel des Center Altars der Brüder van Eyck aus dem Kaiser-Friedrich-Museum in-Berlin und der Flügel des Löwener Altars von Dirk Bouts aus München Und Berlin an Belgien aufgenommen. Immerhin hatte diese Maßnahme eine tiefere Rechtfertigung dadurch, daß zwei durch früheren Unverstand der Besitzer auseinandergerissene, weltberühmte Altarwerke wieder an ihrem ursprünglichen Ort vereinigt werden konnten.

Die Praxis der französischen Revolutionsheere im eigentlichen Sinne wiederaufzunehmen, war dem Hitlerregime vorbehalten Zwar schonte man in den besetzten Ländern des Westens möglichst den öffentlichen Kunstbesitz und plünderte vornehmlich die jüdischen Privatsammlungen. Im Osten freilich waren die Nazisunbedenklicher, sie gingen sogar in die Kirchen und bauten zum-Beispiel den berühmten Krakauer Altar des Nürnberger Meisters Veit Stoß aus der Marienkirche ab, um ihn nach Nürnberg zu bringen. Aus der Sammlung des Fürsten Chartoryski in Krakau wurden die drei Hauptwerke entführt: Gemälde von Leonardo, Raffael und Rembrandt. Und was gestehen wäre, wenn Moskau und Leningrad dem deutschen Ansturm nicht standgehalten hätten, läßt sich erraten. Von solchen Gedanken wird die russische Regierung ausgegangen sein, als sie vor einem Jahre amtlich verlautbarte, die Sixtinische Madonna von Raffael sei zur Wiedergutmachung von Dresden nach Moskau gebracht worden. Die Weltöffentlichkeit, die den Fall mehr erstaunt zur Kenntnis nahm, als im eigentlichen Sinne kommentierte, wird sich in Erinnerung an den Vorgang des Center Altare beruhigt haben; Dabei ließe sich gerade für dieses Bild Raffaels, das einst wohl berühmteste Gemälde der Welt, deutlicher und greifbarer als für irgendein anderes aufzeigen, wie tief es in fast zweihundert Jahren an seinen neuen Platze Wurzeln geschlagen hatte. In der Goethezeit und noch ein halbes Jahrhundert später gab es kaum ein Haus gebildeter Leute in Deutschland, in dem nicht ein Kupferstich nach diesem Bild an der Wand hing, und was es für die Kunstauffassung und das künstlerische Schaffen in Deutschland bedeutet hat, ist nicht abzuschätzen. Daß es jedoch nicht bei diesem einen Gemälde geblieben ist, sondern sehr viel mehr zunächst sichergestellt wurde – besonders aus Dresden und Berlin –, ist bisher nur gerüchtweise in die Öffentlichkeit gedrungen. Wer deshalb heute bemüht ist, sich einen Überblick über die ganzen Verluste und Sicherstellungen der Museumsschätze von Dresden und Berlin zu verschaffen, weiß, daß diese Bemühungen zunächst lückenhaft bleiben müssen, denn die Verteilung der Bestände, die durch Sicherungsmaßnahmen schon während des Krieges an vielen Stellen verlagert waren, erschwert es in Verbindung mit den Zonengrenzen oft selbst den Museumsleitern zuverlässige Erkundigungen einzuziehen. Die bisherigen Zeitungsstimmen – eine schweizerische vom Januar und eine hannoversche vom April dieses Jahres sind die einzigen, die uns bisher zu Gesicht gekommen Sind – haben ohne weiteres unterstellt, daß die Sicherstellungen seitens der russischen Behörden als endgültige Enteignungen zu Reparationszwecken zu betrachten seien. Bei ruhiger Betrachtung muß man sich jedoch sagen, daß die Russen angesichts ihres unermeßlichen Gemäldebesitzes aus den Sammlungen der Zaren und des russischen Adels für eine Vermehrung etwa durch die Bestände der Dresdner Galerie kaum ein Bedürfnis haben können. Es scheint vielmehr, daß sowohl von den Russen wie von den Westmächten abgewartet wird, bis eine verantwortliche deutsche Regierung gebildet ist und vor allem die Gebäude der Museen wiederhergestellt sind, bevor man endgültige Entscheidungen trifft.

Von den rund 2800 Bildern, die der Gesamtbestand der Dresdner Galerie – umfaßte, sind schätzungsweise 2200 von den Russen sichergestellt werden. Ob sie nach Rußland gebracht oder an anderer Stelle untergestellt wurden entzieht sich der Kenntnis deutscher Stellen. Was zurückblieb also rund 600 Gemälde, ist seit dem vorigen Sommer in Schloß Pillnitz sehr schön und wirkungsvoll ausgestellt. Es sind, mit Ausnahme der köstlichen Serie von Canaletto-Bildern von Dresden und Pirna, größtenteils deutsche Gemälde des 19. Jahrhunderts, Werke von Caspar David Friedrich, Rayski. Leibl, Böcklin, Marées. Corinth. Sievogt und eine noch bemerkenswert reiche Abteilung moderner „entarteter“ Künstler. Das ist immerhin weit mehr, als man zur Zeit in Berlin oder einer andern Stadt der Ostzone zeigen kann, aber es ist doch nur der Anhang, der Nachtrag des 19. Jahrhunderts zu dem Stamm der berühmten Galerie. Was fehlt, ist außer der Sixtinischen Madonna fast der ganze Bestand der Italiener. Es fehlt Giorgiones Meisterwerk „Die liegende Venus“, 1697 – vor einem Vierteljahrtausend von August dem Starken erworben –, es fehlen die herrlichen Tizians, der „Zinsgroschen“, die „Tochter Lavinia als Braut“ und andere, die vier berühmten Correggios, darunter „Die Heilige Nacht“, von Jura „Der große Sebastian“,der andere „Sebastian“ von Antonello da Messina, die bezaubernde „Heilige Familie“ von Mantegna; es fehlt das vielleicht schönste Knabenbildnis Pinturicchios – wo soll man anfangen, wo aufhören? Dann der unübersehbare. Schatz der Niederländer, voran das edelsteinhaft gemalte Flügelaltärchen von Jan van Eyck die stolze Reihe von 16 Rembrandts, darunter das frühe „Selbstbildnis mit Saskia“ und das großartigste, das feierliche Werk, der reifen Zeit „Manoahs Opfer“. Die beiden Vermeer van Delft: „Die Kupplerin“ und „Das Mädchen am Fenster“, dann die endlose Reihe von Werken kleinerer Meister, von denen manche

Schränken und Vitrinen, seit 1560 langsam gewachsen und immer reicher ausgebaut, besonders durch August den Starken. Sind in Dresden die Sammlungen fast ausschließlich durch Sicherstellungen seitens der russischen Besatzungsmacht gelichtet, so liegen die Dinge in – Berlin viel verwickelter. Zunächst – und das ist das Schmerzlichste – ist ein unersetzbarer Teil der Sammlungen durch drei tragische Unglücksfälle tatsächlich vernichtet. Der erste Unglücksfall ereignete sich noch während des Krieges: Eine Bombe schlug bis in die tief unter der Erde gelegenen Tresors der Neuen Münze durch, wo Kunstwerke geborgen waren. Es entstand ein Brand, dem fast die gesamte Teppichsammlung der islamischen Abteilung zum Opfer fiel; eine Sammlung, der sich in Europa und Amerika keine zweite an die Seite stellen konnte. Ein unersetzlicher Verlust nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt! Die zweite, in ihrem (befürchteten) Ausmaß noch schwerer wiegende Katastrophe ereignete sich kurz nach der Eroberung von Berlin: Während des Krieges waren immer“ mehr Museumsschätze in eigens dazu hergerichteten Räumen der Flaktürme am Zoo und im Friedrichstein untergebracht worden. Beim Näherrücken der russischen Heere wurden zwar aus dem Flakturm Friedrichshain viele der kostbarsten Werke der Gemäldegalerie, der Skulpturenabteilung und der Nationalgalerie nach Westen gebracht und meist in Salzbergwerken gesichert. Aber nicht alles konnte in der Eile abtransportiert werden. Viele kleinere Bilder, und Bildwerke und vor allem alle großen Gemälde aus dem Kaiser-Friedrich- und dem Deutschen Museum blieben zurück. Ihr Schicksal ist ungewiß. Zweifellos ist ein großer Teil von den Russen sichergestellt worden. Aber es ist leider zu befürchten, daß vieles – besonders die großen Gemälde – einem aus bisher noch ungeklärten Gründen im Flakturm ausgebrochenen Brand zum Opfer, gefallen ist. Und darunter, befanden sich Meisterwerke wie der große. „Pan“ von Luca Signorelli – vielen das schönste italienische Bild der Sammlung –, der große Altar von Cosimo Tura, die „Verkündigung“ von Tintoretto, die ganze Serie der Raffael-Teppiche, fast alle großen Gemälde von Rubens, darunter der „Sturz des Paulus“, das große westfälische Altarwerk vom „Meister des Schöppinger Altars“, der kleeblattförmige sogenannte „Quedlinburger Altar“ aus dem 13. Jahrhundert, eines der frühesten deutschen Tafelbilder überhaupt, umnur die berühmtesten zu nennen. Aus der Skulpturenabteilung werden besonders italienische Bildwerke vermißt, zum Beispiel zwei der berühmten Marmorbüsten von Desiderio da Settignano und Mino da Fiesole, das herrliche Madonnenrelief von Antonia Rosselino, der bronzene „Johannes – der Täufer“ von Donatello, der früher dem Michelangelo zugeschriebene marmorne sogenannte „Giovannino“. Aber auch die deutsche Plastik hat schwere Verluste erlitten, zum Beispiel die völlig einzigartige „Anna-Selbdritt“-Gruppe des Nikolaus Gerhard von Leiden. Und aus der Nationalgalerie war Menzels „Tafelrunde Friedrichs des Großen“ dabei. Der Gedanke, daß dies alles untergegangen sein kann, krampft dem Kunstfreund das Herz zusammen. Es wäre neben der Zerstörung.der Eremitani-Kapelle. in Padua mit den Fresken Mantegnas der schwerste Schlag, der die Malerei daß schon dadurch den Berliner Sammlungen ein Schlag versetzt sei. der sie aus der Reihe der ersten Museen der Welt verdrängte. Aber ihr Reichtum war so groß, daß, könnte man heute die erhaltenen und sichergestellten Bestände in den wiederhergestellten Gebäuden ausstellen, mancher, der nicht allzugut mit dem alten Zustand vertraut ist. – die Lücken kaum bemerken würde. Aber davon sind wir leider noch sehr weit entfernt!

Berliner Besitz unter Obhut im Westen

Vorerst sind die der Katastrophe entronnenen Kunstwerke in der Obhut der verschiedenen Besatzungsmächte und in alle Winde verstreut. Ein gewichtiger Teil befindet sich unter dem Schutz der Engländer im Schloß zu Celle und in Braunschweig. Hier befinden sich vor allem bedeutende Teile des Kupferstichkabinetts der Nationalgalerie und geringere des Antiquariums: also vornehmlich griechische Vasen, Bronzen Schmuck, dann auch ägyptische und islamische Kleinkunst.