Von Hellmut Holthaus

Laß mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen dem nach, vor dem ich Gnade finde", so sprach das biblische Mädchen Ruth zur alten Naemi. findet ihr Gnade, ihr zeitgenössischen Ahrenleser. vor den Bauern auf den Stoppelfeldern? Habt ihr ein Feld gefunden, von dem euch keiner verjagt? Immer wieder beugt ihr die schmerzenden Rücken, und indem ihr eine Ähre aufhebt, tasten eure Blicke die Umgebung ab nach der nächsten. In sommerlicher Glut liegen die Getreide- und die Stoppeläcker. Das Zirpen der Grillen, das Tacken eines Dieselmotors oder der anfeuernde Ruf eines Bauern an seinen Zugochsen sind die einzigen Laute. Niemand spricht. So laßt euch denn, ihr Ährenleser, die schöne Geschichte von Ruth noch einmal erzählen; es wird euch nicht stören, eswird euch unterhalten! –

Erinnert ihr euch daran, wie Ruth es leichter hatte als ihr, und könnt ihr mich anhören, ohne neidisch zu werden? Ich wünschte euch, ihr fändet einen "weidlichen Mann" wie sie einen Boas, der ein reicher Bauer war und doch ein Mann mit Herz. "Mach dich hie herzu und iß des Brots", so sprach er zu ihr, da Essenszeit war, und legte ihr. geröstete Körner vor. "Und sie aß", heißt es, "ward satt und ließ über."

Euch wird niemand zum Essen rufen, wenn Tischzeit ist; eure "Marschverpflegung", wenn ihr Glück habt, besteht aus einem trockenen Stück Brot und wenn ihr kein Glück habt, aus, nichts. In diesem Fall begnügt ihr euch mit ein paar halbreifen Pflaumen oder einem Sommerapfel, und wenn ihr die Früchte pflückt, sichert ihr erst nach allen Seiten, ob euch auch niemand sieht.

Boas gebot seinen Knechten und sprach; "laßt sie auch zwischen den Garben lesen und beschämt sie nicht. Auch von den Haufen laßt übrigbleiben und laßt liegen, daß sie es aufhebe, und niemand schelte sie darum!" – –

Zwischen den Garben, stellt euch vor! Und von den zusammengerechten Haufen sollte etwas liegenbleiben! Das glaube ich: unter diesen Umstanden hatte Ruth leicht Ähren lesen! "Sie las bis zum Abend und schlug’s aus, und es war bei einem Epha Gerste." Ein Epha. so belehrt uns ein Anhang 6im-Alten Testament, ist ein Getreidemaß, das soviel faßt wie ein Bath: ein Bath aber ist ein Zwanziglitermaß für Flüssigkeiten. Es muß also so groß gewesen sein wie ein Benzinkanister der ehemaligen Wehrmacht. Bei aller Protektion – das war fleißig, denn Gerstenähren sind klein, sind keine Weizenähren. –

– Ein Epha Gerste, das lohnte sich, und Ruth dürfte es sogar behalten! Denn von Erfassungs-Verteilern, Ablieferungsbescheinigungen und Mehlberechtigungsscheinen wie sie heute in der amerikanischen Zone verlangt werden, ist im Buche Ruth nichts, erwähnt.