Um eine überdimensionale Briefmarke

Von Hanns Braun

Die deutsche Post, der man-, unlängst vorwarf, eine Art Probedruck aus den Anfängen der Reproduktionstechnik als Marke in den Verkehr gebracht zu haben, scheint sich, ihr undeutliches Schnitterpärchen zu Herzen genommen zu haben: ihr neuester Vierundzwanziger, um ein Drittel größer als der alte, trägt das sehr deutliche, man möchte fast sagen überlebensgroße Porträtbild eines bärtigen Herrn in Zivil. Des letzteren wegen kann es also nicht Kaiser Friedrich sein, mit dem der Porträtierte, von Bartes wegen, Ähnlichkeit hat, und überdies: was täten wir auch jetzt gerade mit kaiserlich hohenzollerischen Reminiszenzen? Es gäbe nur Mißverständnisse.

Weil es aber so eine Riesenmarke ist wird wohl – ein markensammelnd Büblein in Chile- oder Mexiko-City unwillkürlich denken, dieser 1897 verstorbene Heinrich von Stephan, den die Überschrift ausweist, müsse doch wohl ein Regent oder Präsident bei den Deutschen gewesen sein – falls es sich überhaupt Gedanken über Markeninhalte und nicht bloß über ihren Wert macht. Ganz vorbeigeschossen hätte das Büblein nicht. Denn jener ist zwar nicht der heilige Stephan den-die Ungarnals ihren großen Bekenner-König verehren (soweit man sie noch läßt). Aber von weitem ist er doch auch etwas dieser Art: ein Postheiliger zumindest, wie schon daraus zu entnehmen, daß die Deutsche Post, auch als sie sich noch Reichspost nennen durfte, "ihren" Stephan wiederholt in Sonderausgaben der Welt der Philatelisten vor Augen gerückt hat. Es ist ja nicht nur der Bart (dem man ansieht, daß er nicht hat wachsen sollen, damit sein Träger nach einem politischen Umschwung anders aussehe als vorher), was uns – den Mann so vertrauenswürdig erscheinen läßt: die Post hat wirklich Grund, stolz auf ihn zu sein und wir andern mit ihr; Denn dieser Stephan, eines pommerschen Handwerkers Sohn, der nicht nur den deutschen, sondern auch den Weltpostverein begründen half, gehört zu jenen Deutschen, – die in großen Zusammenhängen – "global" sagt man ja wohljetzt – zu denken imstande wären, damit einen ursprünglichen deutschen Wesenszug bewährend, den wir letzthin etwas undeutlich haben werden lassen und für den uns die Welt durchaus nicht mehr erkennen will.

Vielleicht hat. die Deutsche – Post "ihren Stephan zu "seinem fünfzigsten Todestag nicht nur pro domo willen, sprechen lassen, sondern allerwärts. ein wenig an diesen Geist friedlich-weltumspannender Gesinnung erinnern wollen, der ihr als einem völkerverbindenden Institut ohnedies natürlich ist und der ja in Deutschland weder bloß diesen einen großen Zeugen, gehabt hat, noch seinesgleichen heute entbehrt, wie schwer man es uns auch mache, global zu denken Und zu handeln.

Aber so gut die Post daran tat, ihren ersten Reichspostmeister als einen höchst be-markenswerten Deutschen herauszustellen – warum mußte sie es in solchem Riesenformat tun? Der deutsche Wald, der deutsche Leim und die deutsche Spucke sind gleicherweise Mangelware, und letztere muß dringend dem politischen Leben vorbehalten bleiben. –

Man bedenke ein normaler Dankbrief nach Amerika, mit drei Stephanen und drei Einsermarken beklebt hat kaum noch Platz für die Adresse und bekommt womöglich Übergewicht. Die Gefahr ist. vorhanden! Für den deutschen Wald aber laßt uns ein besonderes Wörtlein einlegen: möge die nächste Schöpfung des Genius postalis – halbstephansgroß – wenigstens ein paar Bäume, zum Ausgleich, sparen helfen.