Am Vogelsberg in Oberhessen liegt die kleine Kreisstadt Büdingen. Sie hatte vor dem Kriege. etwa viertausend Einwohner. Dieses Städtchen macht neuerdings von sich reden, weil von dort aus der Versuch unternommen wird, die Logik zu revolutionieren. Die Logik ist eine Wissenschaft von ehrwürdigem Alter. Seit den Tagen des Platon und des Aristoteles gehört der berühmte Satz des Widerspruchs zu ihren unanfechtbaren und unangefochtenen Wahrheiten. Er besagt, daß ein, Ding nicht zugleich A und Nicht-A sein kann. Am Vogelsberg weiß man das besser.

Nach der neuen Büdinger Logik verhält es sich so, daß der in der ganzen Welt bekannteste Verfolgte des Naziregimes, Pastor Martin Niemöller, zugleich kein Verfolgter des Naziregimes ist. So hat es die Ortsgruppe der VVN-Büdingen – der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – beantragt, so haben es Landesvorstand und Landesausschuß der VVN-Hessen beschlossen, sogar einstimmig beschlossen. Mit kühner Einmütigkeit haben sie die Logik überstimmt. Der Satz des Widerspruchs muß nunmehr als ein Verfolgter des Regimes der VVN-Hessen beklagt werden.

Man mag an Niemöller, zumal an seinen Äußerungen zur Frage der deutschen Kollektivschuld, mancherlei Kritik üben, aber an der Tatsache, daß er ein Gegner und Verfolgter des Naziregimes ist, kann nun etnmal nicht gerüttelt werden. Die Büdinger Schildbürgerei hat. eine sehr ernste Seite. Von einer Organisation wie derVVN sollte mehr als von jeder anderen erwartet werden, daß sie das Gemeinsame an leidvoller Erfahrung über alles kleinlich Trennende, alles persönlich Gehässige zu stellen vermag. Wo soll man noch auf brüderliche Solidarität hoffen, wenn nicht bei denen, die Schlimmstes von den Nazis zu erdulden hatten? Es ist beschämend, daß sich unter diesen Mitverfolgten Menschen finden, die Niemöller seine Zusatzrationen aberkennen wollen, die ihn mehr oder minder deutlich verdächtigen, er habe seine Amerikareise dazu benutzt, um für sich Care-Pakete zu organisieren. Das ist eine unwürdige Kampfesweise. –

Und warum überhaupt Kampf? Niemöller – so wird behauptet – sei ein Antisemit. Er soll das selbst vor einem Sondergericht der Nazis erklärt haben. Er soll dort ferner seine "positive Einstellung" zur NSDAP bekundet haben. Seine Feinde von der VVN-Hessen verweisen auf Geheimakten aus dem Stabe Alfred Rosenbergs. Das ist ein höchst seltsames Beweismaterial. Es ist bedauerlich genug, daß vorläufig noch die Münchener Parteikartei in Deutschland als unanfechtbar gilt, soweit Mitgliedschaften in Frage kommen. Aber völlig grotesk wäre es, wenn alles, was ein Mann jemals im Naziverhör ausgesagt hat, heute gegen ihn vorgebracht und als bare Münze gewertet werden dürfte. Nach welcher Ethik war man denn verpflichtet und gewillt, der Gestapo und den Sondergerichten als ein "reiner Tor" die volle Wahrheit zu bekennen? War man nicht vielmehr berechtigt, sich mit jeder Waffe, auch mit der Lüge, zu verteidigen? Gerade unter den Überlebenden des Terrors, unter den Mitgliedern der VVN, ist ein rückwirkender Wahrheitsfanatismus besonders fehl am Platze. Wollen, sie sich auch noch, nach letzter pharisäischer Mode, gegenseitig scheel ansehen, weil sie den Kopf auf den Schultern tragen und nicht unterm Arm? Im übrigen hat zugunsten Niemöllers bereits der norwegische Primat, Bischof Berggrav, gesprochen. Als im Jahre 1941 verhört wurde, bezeichnete Himmler selbst Niemöller als einen "typischen Gegner des Nationalsozialismus". Das klingt etwas wahrscheinlicher als die Anklagen aus Büdingen. Es bleibt zu hoffen, daß man an zentraler Stelle der VVN genügend Einfluß und gesunden Menschenverstand besitzt, um sowohl der Logik als der Menschlichkeit die Ehre zu geben und den paradoxen Unsinn vom nichtverfolgten Verfolgten richtigzustellen. Fr.