DIE ZEIT

Die Worte, die Goethe am Abend des Tages von Valmy niedergeschrieben hat, sind seitdem unendlich oft zitiert worden. Fast jedesmal zu Unrecht, wie sich dann alsbald herausgestellt hat: denn nicht jeder große Krach bedeutet nun auch schon, gleich der Kanonade von Valmy, eine weltgeschichtliche Zäsur – wenn wir einmal unterstellen wollen, daß Goethes Urteil zutreffend war und daß die Dinge nicht etwa umgekehrt liegen, nämlich so, daß Valmy heute, ohne den Kriegsberichterstattter Goethe, längst vergessen wäre, und ohne seine an diesen Tag geknüpfte Erkenntnis, daß mit der großen französischen Revolution etwas Neues und von den bisherigen Gewalten Unbesiegbares in die Welt gekommen sei ... Wir wollen uns also davor hüten, in dem Offenbarwerden einer neuartigen Entwicklung gleich, den Beginn einer historischen Epoche zu sehen, nur deshalb, weil wir sagen können, wir seien "mit dabei gewesen". Trotzdem darf betont werden, daß der Streit, über den hier berichtet wird, grundsätzlich neue Aspekte eröffnet, die weit über den an sich bescheidenen Anlaß hinausgehen. Kommen wir also zur Sache:

Der Betriebsrat der Sunlicht-Gesellschaft, die, in Hamburg-Bahrenfeld, ansässig, zum Unilever-Konzern gehört, wendet sich in einer Art Denkschrift an die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft sowie an "befreundete" Betriebsräte. Sein Anliegen ist, kurz gesagt, daß man nun endlich zu einer Legalisierung der bekannten Praxis kommen möge, die sich bei vielen Betrieben, ergeben hat: nämlich, daß die Belegschaften als "Deputat", zusätzlich zum Lohn, bestimmte Mengen an Waren der eigenen Erzeugung erhalten. Die Denkschrift stößt gleich ins Grundsätzliche vor: "Die These, "daß der Arbeiter nur vom Verkauf seiner Arbeitskraft lebe, gehört der geschichtlichen Vergangenheit an. Trotzdem bewegen sich unsere Gewerkschaften noch immer in den alten (vor zwanzig Jahren vielleicht richtiges) Bahnen, hauptsächlich durch tarifliche Verbesserungen einen gewissen Ausgleich herbeizuführen. Wir halten das z. Z. für falsch. Selbst eine fühlbare Lohnerhöhung könnte an der trostlosen Lage des-, Arbeiters nicht das geringste ändern; überdies bleibe sie infolge der rigorosen Besteuerung nur ein papierener Akt. Der einzige Weg ... besteht darin, ... die Geldlöhne schrittweise durch Warenlöhne zu ersetzen."

Diese Entwicklung sei, so wird weiter gesagt, bereits auf dem Marsche. Es wird von Deputaten an streng bewirtschafteten Artikeln der Nahrungsmittelbranche berichtet, von einem betrieblich organisierten Tausch (Baustoffe gegen Lebensmittel), von der Schaffung einer Betriebs-Einkaufsgenossenschaft, die Gebrauchsgüter aller Art gegen Erzeugnisse des eigenen Betriebes (zugunsten der Belegschaft) "einhandelt", also, genauer gesagt, eintauscht. Überall also, erzwungen durch die Not bei Arbeitgebern wie bei Arbeitnehmern, illegale Geschäfte: "wenn wir leben und arbeiten wollen." Dieser unwürdige und unmoralische Zustand soll durch Legalisierung der "Selbsthilfe" beseitigt werden. Seit die Eisenbahner (mit Genehmigung der – Besatzungsmächte) Kohlen erhalten und die Bergarbeiter nach dem Punktsystem entlohnt werden, sei die Ablösung des Geldlohns durch den Warenlohn in ihren Anfängen bereits sanktioniert. Ebenso in der Sowjetzone: die Angestellten der Zentralverwaltungen erhielten dort zusätzlich 80 bis 150 Zigaretten monatlich, im Winter 16 Zentner Kohle. Und Arbeiter, die Aufträge für die britische Besatzungsmacht ausführen, würden fast stets materiell besser gestellt.

Weiter, an die Adresse des Herrn Dr. Agartz (der damals, also zum Zeitpunkt der Niederschrift jenes Memorandums, noch im Amte war): für jeden Arbeitnehmer sei die Verteilung der lebenswichtigen Güter heute von viel größerem Interesse und weit vordringlicherer Bedeutung als die Diskussion über Konzernentflechtung, Besitz an Produktionsmitteln usw. Wo die Freigabe von 30 v. H. der Erzeugung aus der Bewirtschaftung – zur einen Hälfte für das Unternehmen, zur anderen für die Belegschaft – "durchgesetzt" werden könne (bis zu 30 v. H. sollen nach Dr. Agartz nämlich bereits in einzelnen süddeutschen Betriebsgruppen der Erfassung und Bewirtschaftung "entzogen" worden sein!), dort schlägt der Sunlicht-Betriebsrat, die Bildung von Betriebs-Einkaufsgenossenschaften vor, die sowieso über kurz oder lang, mit oder ohne gewerkschaftliche Unterstützung, die einer vergangenen Epoche entstammenden Konsumgenossenschaften ablösen würden... Dazu wird den beteiligten Behörden – bums! – bescheinigt, daß alles, was in Sachen Bekämpfung des Schwarzen Marktes bisher geschehen sei, nur als "ergebnislose Stümpereien einer auswegslosen Bürokratie" angesehen werden. könne.

Die schwächste Stelle der Denkschrift ist wohl die Behauptung, daß die Arbeiter solcher Betriebe, die keine (konsumfähige) Mangelware erzeugen, bei einer Legalisierung und Ausweitung des Deputatsystems keinerlei Nachteile erfahren würden. Daß ein erheblicher Teil den so in Umlauf kommenden Tauschware gegen Lebensmittel hingegeben wird, also das Erfassungssystem für diese durchlöchert und die erfaßbare Menge an ihnen verringert, ist ja gerade der stärkste Einwand gegen derartige Freigaben, Interessant ist freilich, wie sich die Sunlicht-Leute hier Aus der Affäre ziehen, nämlich mit folgendem Ausblick in die Zukunft: "Es erscheint uns absurd, eine gleichmäßige und, gleichzeitige Verbesserung der Rationssätze ... zu erwarten. Wir sind vielmehr überzeugt, daß nacheinander in seitlicher Abstufung zuerst die Arbeitnehmer des Bergbaus, der Nahrungsmittelindustrie, der Landwirtschaft, des Hand-Werks, des Transportwesens, der Eisenindustrie usw. die Befreiung vom Kartensystem erreichen werden, denen die weniger vordringlichen Industrien etappenweise folgen können. Die Arbeitskräfte werden dann von selbst zu den lebenswichtigen Bedarfsgüterindustrien strömen, und genau das ist es ja schließlich, was erreicht werden soll. Der praktische Beweis dafür ist im Ruhrgebiet beerbracht. Unsre Bürokraten werden es nicht fassen: die Verlagerung der Rohstoffe und Arbeitskräfte zum volkswirtschaftlichen Bedarf regelt sich von allein, ohne behördliche Dringlichkeitseinstufung und ohne die Zwingburgen der modernen Arbeitssklaverei, die Arbeitsämter." Wozu man nur sagen kann: einverstanden, sofern man diese segensreichen Wirkungen von einer Lockerung der

Preis- und Lohnbewirtschaftung (nach vollzogener Geldumstellung erwarten würde – nicht einverstanden aber unter der (hier geltenden) Voraussetzung, daß der Erfolg bereits durch Sachwertlöhne zu erzielen sei!