Von Johann Albrecht von Rantzau

Vor 50 Jahren, am 8. August 1807, starb Jacob Burckhardt; der "letzte Humanist".

Ein bestimmtes und überwachtes Maß von Misere, mit Avancement und in Uniform, täglich unter Trommelwirbel begonnen und beschlossen, das ist’s was logisch kommen müßte." – Äußerungen wie diese waren bei uns während der nationalsozialistischen Herrschaft vielfach verbreitet und trugen wesentlich dazu bei, Jakob Burckhardt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sein hellsichtiger Pessimismus im Hinblick auf die europäische Zukunft sichert dem großen Schweizer Humanisten und Historiker eine ungewöhnliche politische Aktualität. Während die meisten seiner historischen Zunftgenossen im 19. Jahrhundert sich wohlfühlten unter den Parolen des Nationalismus oder des Fortschritts und dies in Wort und Schrift auch gern kund taten, hielt Burckhardt seine Bücher und Vorlesungen frei von solchen optimistischen und irreführenden Proglosen: Ja, im vertrauten Kreis, im mündlichen und brieflichen Gespräch äußerte er sich offen über die kommenden Verhängnisse. Er prophezeite die Vereinfachung der Welt durch radikale Demagogen und despotische Gewaltherrschaft durch seine gerühmten "terribles simplificateurs", ferner die Aufopferung, des Besitzes der Religion, der höheren Wissenschaft an einen falsch verstandenen Fortschritt und stellte schließlich einen furchtbaren Zusammenprall der beiden daherrasenden Schnellzüge Kapitalismus und Sozialismus in Aussicht. Sogar öffentlich, in seiner Vorlesung über das Studium der Geschichte, nach seinem Tode herausgegeben als "Weltgeschichtliche Betrachtungen", sprach er um 1870 unverholen von der Krise der modernen Staatenwelt und kündigte eine Veränderung der europäischen Denkweise ähnlich der des 4. Jahrhunderts nach Christus an: eine Umwandlung des weltfreudigen und fortschrittsgläubigen Optimismus in einen religiös und metaphysisch begründeten Pessimismus.

Was befähigte den zurückgezogenen Einsiedler im Bäckerhause der Baseler Vorstadt St. Alban, in seinem Zimmer voller Bücher, Manuskripte und Mappen, aber ohne Teppich und Fenstervorhänge, zu diesem überlegenen Weitblick? Alles in allem doch wohl seine überaus wache und unbestechliche Reizbarkeit gegenüber alle dem was er in seiner Zeit als krankhaft, und unheilverkündend empfand – und dies waren gerade die großen, das späte 19. Jahrhundert beherrschenden Mächte Kapitalismus, Nationalismus und Sozialismus. Mochten andere Gelehrte zufrieden auf dem Wagen des Fortschritts sitzen, wie er sarkastisch bemerkte, er sah dies Gefährt dem Abgrund zurollen und lehnte es ab, an dieser Fahrt sich freiwillig zu beteiligen. Wie aus seinen berühmten Frühwerken, der "Zeit Constantins des Großen". (1852), dem "Cicerone" (l855) und der "Kultur der Renaissance in Italien" (1860) und genau so aus den Aufzeichnungen aus seinen letzten Lebensjahren, den "Erinnerungen aus Rubens", wie ferner auch aus seinen Briefen und nachgelassenen Schriften hervorgeht, urteilte er über Gegenwart und Vergangenheit nach zugleich edleren und dauerhaften Maßstäben als seine Zeitgenossen. Jene berühmte oder berüchtigte Wandlung von Idealismus zum Realismus, die so kennzeichnend für das deutsche Geistesleben des 19. Jahrhunderts ist, hatte ihn nicht berührt und konnte ihn nicht berühren, da er niemals den schwankenden Boden des philosophischen Idealismus betreten hatte. Sein Weltgefühl war und blieb ein echter, wirklich durchlebter, von der christlichen Tradition leicht pessimistisch gefärbter Humanismus. Trotz seines Wissen um die Problmmatik des Daseins wurde sein Lebenswerk ein Bekenntnis zur gesunden, aber feinfühligen Menschlichkeit Genau wie seine frühen, den Künstlern und Humanisten der italienischen Renaissance gewidmeten Bücher ist die erwähnte Altersschrift über Rubens, ohne irgendwie dem Kult einer rohen Lebenskraft zu verfallen, immer durchweht vom Ideal einer zugleich physischen und psychischen Gesundheit. Delikaten Leuten, denen die Gesundheit der Rubens’schen Gestalt allzu strotzend vorkommen mag, riet er kurzerhand, sich anderwärts in der Malerei umzusehen. Diearistokratischen Auffassungen von Leben, Kultur und Kunst, die man oft an Jacob Burckhardt festgestellt hat, schlossen bewußt die Phänomene der überzüchteten Dekadenz aus, deren Kult noch zu seinen Lebzeiten gerade in der exklusiv gerichteten Literatur und Kunst so modern werden sollte.

II

Zweierlei ist mitdem soeben Gesagten schon angedeutet. Einmal: Burckhardts Humanismus ist aufgebaut auf der lebendigen Freude am natürlich und ästhetisch Schönen, auf dem Erleben und der Anschauung der großen europäischen Kunst in Schrift und Bild. Und dann: als echter Humanismus hebt er sich ab von jeder das Leben einseitig vergeistigenden Weltauffassung. Hiermit hängt schon seine ihm oft verdachte Geringschätzung Rembrandts zusammen, dem er an malerischem Verdienst nicht mehr zugestand als eine effektvolle Idealisierung des Häßlichen. Und ebenso gründet sich hierauf seine Skepsis gegenüber der Philosophie des deutschen Idealismus, insbesondere dem Hegelschen System. Ein geistiges Verhalten zur Welt, welches das Denken auf Kosten der Anschauung und Empfindung übertrieb, schien ihm nicht wünschenswert, ja nicht menschenwürdig. Daher auch, je mehr dessen Werk einen theoretischen Charakter annahm, seine zunehmende Distanzierung von Nietzsche, mit dem ihn während gemeinsamer Baseler Jahre Dienst und Freude am klassischen Altertum und das Interesse für Schopenhauer zeitweilig zusammengeführt hatten.

Aus diesem ästhetischen Humanismus erklärt sich ferner sein Verhältnis zur Wissenschaft seiner Zeit, an deren Arbeitsbetrieb er nach eigener Aussage nicht teilnehmen wollte. Zweifellos war Jacob Burckhardt eine großer Gelehrter. Nicht nur seine liebevolle Vertrautheit mit unzähligen Meisterwerken der europäschen Architektur und Malerei, auch seine intime Kenntnis des antiken und eines großen Teils des modernen Schriftttums ist staunenerregend. Eine feste Gesundheit, verbunden mit geregelter und andauernder Arbeitsamkeit, die er nur durch wohl meistens mäßigen Weingenuß unterbrach. verhalfen ihm dazu. Aber er weigerte sich, das Wissen seiner Zeit durch Erforschung neuer Tatsachen zu bereichern. Das hätte ihn abgelenkt von dem was er nach seinem schönen Wort als sein wahres Anliegen und seine eigentliche Aufgabe empfand: nämlich von der Erforschung und Betrachtung des duldenden, strebenden und handelnden Menschen, wie er ist, immer war und sein wird. Ebenso echt humanistisch klingt es aus der Einleitung der "Griechischen Kulturgeschichte", die genau wie die "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" aus dienlich nicht zur Veröffentlichung bestimmten Vorlesungen besteht: das Wichtige an der Beschäftigung mit der Antike sei es, die Denkweise der Alten kennenzulernen; weniger komme es ihm darauf an, das Altertum nach neuem Wissensstoff zu durchforschen. Burckhardt wollte seine Hörer dazu befähigen, eine wesentliche Pflicht der Gebildeten zu erfüllen, nämlich sich ein Bild zu machen vom Zusammenhang der Weltentwicklung, was ohne Kenntnis der griechischen Kultur nicht möglich ist. Alle seitherige objektive Kenntnisnahme der Welt, heißt es bei Burckhardt mit einer gerade in unseren Tagen wohltuend, ja notwendig zu vernehmenden Entschiedenheit. spinnt an dem Gewebe weiter, welches die Griechen begonnen haben. "Wir sehen mit den Augen der Griechen und sprechen mit ihren Ausdrücken."