Erzählung von Luigi Pirandello

Ich kannte einmal zwei alte Leutchen die einen Distelfinken hatten. Sie hatten sich sicher niemals die Frage vorgelegt, wie ihre Gesichter, der Käfig und das Haus mit all den alten Möbeln wohl für den Distelfinken aussehen könnten und wie er über die Pflege und die Aufmerksamkeiten denken könnte die sie ihm erwiesen denn sie waren fest davon überzeugt, daß der Distelfink, wenn er sich auf die Schulter des einen oder des anderen setzte und mit seinem Schnabel nach ihrem runzligen Hals oder ihrem Ohrläppchen pickte, genau wußte, daß: das, worauf er saß, eine Schulter war, das, wonach er mit dem Schnabel pickte, ein Ohrläppchen, und daß Schulter und Ohr ihm gehörten und nicht ihr, Oder sollte er sie etwa beide gar nicht kennen? Und nicht wissen, daß sie ihn beide so lieb hatten, weil er früher ihrem toten Enkelkind gehörte, das ihn so gut. abgerichtet hatte, auf die Schulter zu fliegen, nach dem Ohr zu picken und aus dem Bauer ins Zinmer zu flattern?

Die Ute Großmama lief den ganzen Tag mit dem Scheuerlappen herum, als wenn ein kleines. Kind im Hause wäre, das gewisse Dinge noch nicht regelmäßig und am richtigen Ort zu verrichten versteht. Und dabei mußte sie an ihre Enkeltochter denken und-, daß sie ihr über ein Jahr lang, den gleichen Dienst erweisen mußte, bis das gute Kind dann...

"Erinnerst du dich noch daran?"

Und daraufhin der Alte: "Ob ich mich daran erinnere?" –

Er sah sie noch als ganz, ganz -kleines Kind im Haus herumspielen! Und er schüttelte lange den Kopf.

Sie waren ganz allein auf der Welt, zurückgeblieben, die zwei alten Leutchen, zusammen mitdem kleinen Waisenkind, das in ihrem Haus herangewachsen war und die Freude ihres Alters. bilden sollte, und dabei war es mit fünfzehn Jahren... Doch die Erinnerung an das Kind war in dem Distelfinken lebendig geblieben, in seinem Getriller und Geflatter. Und dabei hatten sie zuerst gar nicht daran gedacht! Wie sollten sie auch in ihrer tiefen Verzweiflung an einen Distelfinken denken? Doch er – der Distelfink war ganz von selbst auf ihre gebeugten, von einem Weinkrampf geschüttelten Schultern geflogen, hatte das Köpfchen hin- und herbe wegt, das Hälschen geredet und sie schließlich ganz leis von hinten am Ohr gezupft, als wollte er sagen...Ja – er war ein lebendiges Stück von ihrem Enkelkind. Er wollte mit der gleicher Liebe von ihnen betreut werden, die sie vorher fürihr Enkelkind gehabt hatten.