Jede deutsche Zone spiegelt mehr oder wenigerdeutlich Gesicht und Charakter ihrer jeweiligen Besatzungsmacht wider. Bestimmte Regeln der Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten haben sich inzwischen herausgebildet, wobei die Formen von korrekter Anpassung bis zu. bedingungsloser Bereitschaft variieren. Naturgemäß muß dort, wo die "Gleithsdialtüng" von Struktur und Organisation an die jeweiligen Heimatverhältnisse der Besatzungsmacht bewußt betrieben wird, die Zusammenarbeit der maßgeblichen politischen deutschen Instanzen mit den Besatzungsstellen besonders intensiv sein; während da, wo der eigenen demokratischen Entwicklung Deutschlands der Vorzug gegeben wird, sie nicht so stark in den Vordergrund tritt, ja, mitunter vielleicht sogar eine bewußte Distanzierung zu bemerken ist.

Am schwierigsten haben es in dieser Hinsicht die Berliner. Die relativ große Apparatur der Deutschland-Verwaltung, die die Konzentration der vier großen Mächte in Berlin erfordert, bedingt gleichzeitig eine entsprechende Hilfsorganisation, die viele Zehntausende von Deutschen beschäftigt. Zu dieser Organisation gehören ebensowohl die Serviermädchen, die house keeper und Chauffeure, wie auch die jeweiligen Dolmetscher, Wirtschaftsberater und Sachverständigen oder die Gruppen der politischen Berufs- und Vertrauensmänner. Wie die politischen Abteilungen der Besatzungsmächte ihre speziellen "Funktionsoffiziere" für die einzelnen Parteien und Gruppen haben, so mußten diese auch ihrerseits analoge Posten, schaffen.

Dies alles hatte in den ersten Monaten der Besatzungszeit dazu geführt, daß ein sehr großer Teil der Bevölkerung Berlins entweder mittelbar. oder unmittelbar im Dienste der Besatzungsmächte stand, oder sich mindestens zu ihrer Verfügung halten mußte. Niemand schien darin etwas Ungewöhnliches zu sehen, weder die Sieger, die damals noch das Erlebnis des gemeinsam geführten Krieges ohne Mißtrauen verband, noch auch die Berliner selbst. Berlin war schließlich immer die Zentrale gewesen und Hunderttausende, die in den riesigen ‚.Reichs"-Verwaltungen aller Art gesessen hatten, die große Armee der Verwaltungsmenschen, – wechselten zusammen mit Scharen der nach den freudlosen Kriegsjahren erwartungsvoll gespannten Mädchen ins Lager der neuen Verwaltungsinstanzen über. Dabei spielte es, weder den Deutschen noch den Alliierten gegenüber, eine Rolle, welchem der vier Alliierten der einzelne seine Kenntnisse oder seine Arbeitskraft zur Verfügung-stellte.

Inzwischen ist aber jene Wahl, die im allgemeinen durch den Zufall oder den Magen bestimmt worden war, allmählich zu einer Art von politischer Entscheidung geworden, wie sich oft zur Überraschung der Betreffenden herausstellte. Bewußt oder unbewußt trifft heute diese Deutschen nicht nur von Seiten ihrer Landsleute, sondern gerade von Seiten der anderen Besatzungsmächte der Vorwurf, sie hätten sich für die eine, also gegen die andere Macht entschieden. Es ist heute soweit, daß im Berliner Raum das Ja-sagen zu dem Einen – und sei es auch nur auf Grund zufälliger Verhältnisse – gewöhnlich schon als ein Nein gegenüber dem Anderen gewertet wird.

Das Problem der Kollaboration hat im Gefolge der Hitlerschen Invasionen Einzug in allen europäischen Ländern gehalten. Hunderte von Gerichten und Tausende von Urteilen haben sich in den vergangenen zwei Jahren mit den "Kollaborateuren" auseinandergesetzt. Für Deutschland existierte dieses Problem nach 1945 gewiß nicht mehr, denn die Mächte; die Deutschland besetzten, erschienen als die gemeinsamen Träger des gleichen politischen Prinzips, deren gemeinsame Front gegen Hitler das Kriegsende herbeigeführt hatte. Der Gedanke, daß aus der notwendigen Zusammenarbeit zwischen Siegern und Besiegten je wieder der Vorwurf einer Kollaboration erwachsen könnte, schiendaher damals so abwegig, daß gewiß niemand ihn ernstlich erwog.

Mit den wachsenden Spannungen und – den zunehmenden Meinungsverschiedenheiten der Sieger untereinander beginnt aber die Zusammenarbeit in allen wirtschaftlichen und politischen Fragen instei gendem Maße den verschiedenartigsten Belastunge ausgesetzt zu werden In den einzelnen Besatzungszonen mag man dies oft gar nicht oder nur andeutungsweise empfinden – in Berlin aber lebt die Bevölkerung, die, sei es direkt oder indirekt, von den Besatzungsmächten beansprucht oder mindestens ernährt Wird – unter dem ständig fühlbares Druck solcher Spannungen und Auseinandersetzungen. Die Bevölkerung selbst hat natürlich im allgemeinen das allergrößte und sehr vitale Interesse daran, die Alliierten im besten Einvernehmen zu wissen. Es kann aber unter solchen Umständen nicht ausbleiben, daß größere und nicht unwichtige – Kategorien von Deutschen, die in öffentlichen oder halböffentlichen Positionen bei den Parteien, der Presse und in den Verwaltungen arbeiten, immer mehr in Frontstellungen hineingezwungen werden, die immer weniger deutsche Frontstellungen sind. Jede Stellungnahme in irgendeiner grundsätzlichen Frage wird als eine Parteinahme für eine Besatzungsmacht gewertet oder verdächtigt. Berlin wird mit seinem von Natur aus konspirativen Klima immer mehr zu einem Treibhaus, indem Gerüchte und Informationen aller Art kursieren, die, wenn sie zugunsten des Einen sprechen, dem Anderen bereits als Delikt erscheinen.

Die Deutschen wiederum beschäftigen sich mit Parteipolitik, streiten sich über die verschiedenen Programme und werden, wenn sie ein öffentliche! Amt haben, immer spürbarer in diese oder, jene weltpolitische Front eingereiht. Die einmalige Chance Berlins das innerhalb seiner Mauern vier Großmächte beherbergt und so die Möglichkeit haben könnte, die großen Meinungen und Konzeptionen der Weltpolitik in einem klärenden Spiegel aufzufangen und nebeneinander zu sehen, wird mit dem Zwang zur Stellungnahme immer mehr zu einem Verhängnis. In den Moment, in dem hier innerpolitische Parteien von den offiziösen Zeitungen einer Besatzungsmacht nur deshalb als gegen die Besatzungmacht arbeitende Gremien beschuldigt werden, weil sie mit deren Anschauungen nicht übeinstimmen, wird eine unvoreingenommene politische Meinungsbildung unmöglich gemacht. Dies alles bringt es mit sich, daß die Zusammenarbeit mit "den Alliierten" allmählich zu einer Zusammenarbeit mit einem der vier Alliierten gewordenist, und die Vorwürfe der "Kollaboration" nicht nur zwischen den Berliner Sektoren hin- und herfliegen, sondern Ton Zimmerwand zu Zimmerwand. Es bleibt nur die eine Hoffnung, daß das sichere Gefühl der Realitäten in Deutschlands ehemaliger Hauptstadt noch lebendig ist und erhalten bleibt. Einstweilen scheint diese Hoffnung begründet, denn die schweren Auseinandersetzungen der Weltmächte in Berlin haben dort selbst bisher nur die Bemühungen erhöht, diese Spannungen im kleineren Rahmen der Vier-Mächte-Stadt nicht explosiv werden zu lassen. K. W.