Von Martin Stiebing

Was an Vermögenswerten in den ersten Monaten des Jahres 1945 von der flüchtenden Bevölkerung vergraben worden ist, geht in die Millionen. Jetzt spukt es in vielen Köpfen östlich der Elbe: wie kommt man an diese Kostbarkeiten heran? Da gibt, es in Berlin und um Berlin herum einen wilden, oft ganz und gar nicht moralischen Händel mit Lageplänen von vergrabenen Regimentskassen, von Juwelen und Gold, sogar von versteckten Lebensmittellagern aus der Zeit des Zusammenbruchs. Es ist wie in alten Schatzgräberseiten oder in schlechten Kriminalromanen. In halbzerstörten Großstadthäusern, in romantischen Schlössern auf dem Lande sind Teppiche, alte Bilder, Antiquitäten, manchmal zentnerweise Familiensilber, eingemauert worden. Selbst auf Friedhöfen liegen in den Urnen oder unter Grabplatten in Konservendosen Goldstücke und Brillanten verborgen. Und also treiben sich dort überall heute nächtlich mehr oder minder verwegene Gestalten herum, graben, schaufeln, kratzen und haben dabei regelrechte "Horchposten" aufgestellt.

Ein Name ist es, der diese Leute, soweit sie von ihm gehört haben, beunruhigt: der Name des Jungen Berliner Physikers Ernst Doerpinghaus. Viele haben von ihm gehört, der eine große wissenschaftliche Hoffnung auf dem Gebiet der technisch angewandten Physik ist. Und viele möchten sich von ihm beraten lassen, möchten sich mit ihm verbünden. Wir jedoch haben ihn nur deshalb in seinem Laboratorium aufgesucht, um ihn ein wenig auszufragen: er hat einen Apparat erfunden, mit dem man verborgene Schätze aufspüren kann. Muß man hinzufügen, daß Gangster vergeblich auf ihn hoffen dürften? Allerdings, rechtmäßigen Besitzern hat er geholfen, zu ihrem Gut zurückzufinden. Ein Moralist. Mehr noch: ein sachlicher Mann der Wissenschaft ohne andere. als wissenschaftliche Ambitionen.

Wir haben ein Gerät hergestellt, mit dem man beispielsweise in den Ruinen zerstörter Krankenhäuser und Institute ein hochwichtiges, kostbares und dringend gebrauchtes Heilmittel auffinden kann: die radioaktiven Präparate. Da war in Berlin eine große Privatklinik, die 1944 von einer Luftmine derart getroffen wurde, daß dieses vierstöckige Eckhaus völlig einstürzte. Einige Dutzend Menschen liegen, heute noch unter den fast acht Meter hohen. Gesteinsmassen, Kranke, Ärzte, Pflegepersonal. Später, lange Zeit später, entsann man sich, daß rund 36 Milligramm Mesothorium, ein radioaktiver chemischer Grundstoff, mit darunter liegt. Ein geradezu unersetzlicher Verlust für unser verarmtes Volk; von dem heutigen materiellen Wert von rund einer halben Million Mark gar nicht erst zu reden."

"Und hier half Ihr Apparat? Wieso? Es muß doch ein Lageplan vorhanden gewesen sein, nach dem man einfach hätte einen Schacht in die Tiefe treiben können."

"Es gab zwei sich widersprechende Lagepläne; Obendrein wußte niemand, ob nicht etwa die Oberin die Bleikassette während des Angriffes bei sich im Luftschutzkeller hatte. – "Wir haben, also ein Radium-Suchgerät angefertigt. Zwei Leute können es bedienen und den Ort anpeilen, wo sich radioaktive Substanzen befinden. Liegt der vermutliche Ort auf einen Umkreis von zehn Meter fest, so dauert es nicht länger als eine halbe Stunde, dann ist der Ort genau fixiert. Hören Sie sich mal den Apparat an."

Im Laboratorium wurde mir ein Kopfhörer gereicht. Ein radioaktives Präparat wurde langsam dem Suchgerät genähert. Eine ganze Skala niederprasselnder Geräusche steigert sich, je näher das Präparat gebracht wurde, zu einem heftiger, zum Schluß fast orkanartig werdenden Prasselgeräusch.