DieMoraltheologie steht in einem schlechten Ruf. Mit dieser Feststellung eröffnet der Ordinarius für katholische Moraltheologie an der Universität Bonn; Werner Schöllgen,sein neues Buch "Grenzmoral" (Düsseldorf, Bastion-Verlag, 1946). Und indem er alle seit langem angehäuften Bedenken und Abneigungen klar ausspricht, gewinnt er unsere Aufmerksamkeit und durch seine unbefangene Weltoffenheit unser Vertrauen. "Wir sind das ewige Moralisieren leid und wünschen statt dessen eine wirkliche Klärung und Diagnose der von niemandem ernsthaft geleugneten sittlichen Mißstände und der allgemeinen moralischen Zersetzung. Wie mir, scheint, wird den Menschen unserer Tage: ernüchtert, ideallos, müde und pessimistisch, wie er aus begreiflichen Gründen geworden ist, nur eine Wissenschaft ansprechen können die seiner skeptischen Haltung entgegenkommt; die keine Voraussetzungen kennt, die ohne Dogmen und Ideale die Wirklichkeit des menschlichen Gemeinschaftslebens nüchtern und kühl zu prüfen versteht." Das ist ein neuer Ton im Bereich der Moraltheologie, wir horchen auf. Aus einemso freimütigen und zur klaren Erkenntnis der Wirklichkeit bereiten Denken gewinnt – die Frage nach Schuld und Versagen ein neues Gesicht. "Das ist gerade das Bezeichnende unserer Zeit, daß der Mensch zwar Grauen und Schrecken verbreitet, daß aber dies alles zumeist nicht aus einem deutlich bewußten bösen Willen heraus geschieht, daß es vielmehr Getriebene sind, wie im Bann einer Hypnose: daß sie zwanghaft, handeln wie ein Amokläufer, der Tod und Schrecken verbreitet, ohne daß er es selber recht spürt und weiß."

"Psychologie der Masse zeigt, wie im suggestivenBann eines hohen Ethos Leistungen eines kollektiven Heroismus möglich werden, wie jeder nach oben zu blicken vermag und wider Willen emporgerissen wird. In Katastrophenzeiten aber fühlt sich jeder aus überpersönlichen Bindungen entlassen; jeder orientiert sich nach unten. Die Grenzmoral beherrscht die Gewissen und bringt die Lawine des Bösen in volle Fahrt... Das ganze Leben wird überschattet vom Nebel des sittlichen Zweifels. Es beginnt ein sittliches Improvisieren.

Die Grenzmoral führt in das Halbdunkel der Übergänge von Recht zu Unrecht, von Gut zu Böse Sie zeigt ein Verhalten, das sich "grundsätzlich an der untersten Grenze des Erlaubten orientiert" und nur noch fragt: "Wieviel kann ich meine Existenz, meinen guten Namen noch belasten, wieviel moralisches, geschäftliches, juristisches Risiko kann ich mir noch zumuten, ohne daß alles zusammenbricht? Der Mensch der Grenzmoral ist für den inneren Bestand der Ordnung gefährlicher als der Verbrecher, weil er sich nicht offen gegen das Gesetz stellt, sondern sich ihm scheinbar fügt, es in Wahrheit aber unterhöhlt, und weil er zur Nachahmung seiner "Klugheit" reizt, ja^zwingt. Denn der redliche, ehrliebende, vornehme Mensch ist dem verschlagenen, hemmungslosen gegenüber in der Praxis unterlegen, wenn er sich diesemgegenüber nicht der Waffe des Rechts bedienen und sich auf eine genügende Schicht Gleichgesinnter stützen kann. Die menschliche Gemeinschaft, auch die Kirche, ist nicht für Märtyrer und Heilige gebaut, sondern sie muß auch den Durchschnittlichen, den Kleinen und Schwachen, Schutz und Hilfe, eine angemessene Lebensmöglichkeit geben. Eine Hilfe, gegen den Zerfall ist daher vor allem darin zu suchen, "daß sich Kreise zusammenfinden, die sich gegen moralische Unterbietung wehren und in der Gegenseitigkeit gleichwertigen Verhaltens die Norm ihres gleichen Ethos willig und zäh bewahren". Die menschliche Geschichte, besonders die Religionsgeschichte, zeigt, daß alle ethischen Reformen durch den Zusammenschluß widerstandsfähiger Lebensgemeinschaften verwirklicht werden. Gleichzeitig bringt die Geschichte immer wieder einen. Zerfall solcher moralischen, im Letzten religiös begründeten Werte, einen Abbau höherer Motive, der durch das Vorherrschen der Grenzmoral gekennzeichnet ist. Der Weg Europas, ist der Aufstieg aus dem Chaos zu gebundener Form und gemeinschaftsbedingter Kultur und schließlich wieder ein Zerbrechen dieser Formen. Der frühe Kapitalismus hatte noch eine religiöse Untermauerung, es besteht ein Zusammenhang zwischenBewährungsglauben und moderner Berufsethik; beim Kapitalismus des 19. Jahrhunderts handelt es sich um eine Säkularisation und Degradierung religiöser Werte. Der Glaube an den Fortschritt wird zum Religionsersatz, alle höheren Beweggründe verkümmern zu einem merkantilen Pflichtbegriff zu einer Überschätzung der "Leistung" und in der ödesten Form zur "Liebe zum Geschäft". Die Moraltheologie ist dieser Entwicklung nachgelaufen und versuchte, durch Anpassung an den neuen Lebensstil, durch "Fortschrittlichkeit", durch – Festlegung der untersten Grenze des Erlaubten, zu retten, was zu retten war. Wir erkennen heute, daß dies ein fruchtloses Opfer des Christentums gewesen ist, das mit einer Trübung seines Wesens endete. Unser Gewissen ist – dadurch unschöpferisch geworden, es orientiert sich

nur noch an Verboten, nach der unteren Grenze, es schrumpfte zu lauterrechtlich-kasuistischen Überlegungen. Demgegenüber empfinden wir heute die Notwendigkeit, den vollen Reichtum des Christentums zu erschließen und in seinen positiven Liebeskräften das Wesentliche zu sehen und nicht in der Sündenabwehr. Vorbilder sind dabei die großen religiösen Genien in ihrer Glut und Stärke wie Paulus und Franziskus. "Sie taten Dinge, die der wohlgesetzte Bürger als riskant anzusehen gewohnt ist". Das Christentum bedarf einer Reinigung und Höherentwicklung, der Rückfindung zu seinem eigentlichen Quell, damit es reiner und tiefer der gequälten und gefährdeten Welt ein Antlitz der Liebe und der helfenden Güte zeigen kann. – Das ist ein ehrliches und kluges Buch, das keineswegs an unseren Noten und Zweifeln vorbeispricht. Es zeigt, wie von derTheologie her ein Beitrag zur Überwindung der Krise möglich ist. – H. D.