Angesichts der Geschehnisse in den südöstlichen Ländern Europas mag es verwunderlich erscheinen, daß im Nordosten ein anderer Staat des russischen Ostblocks, Finnland, ein so verhältnismäßig unangefochtenes Dasein führt. Eine Ähnlichkeit des politischen Schicksals wäre nur natürlich. Eine Zeitlang schien die russische Gegenoffensive gegen den Truman Plan tatsächlich auf Finnland überzugreifen, dann aber verschwanden die Gewitterwolken. Auch wenn diese Ruhe nur oberflächlich ist, steht sie in auffallendem Gegensatz zu den Geschehnissen in den anderen Ländem der russischen Einflußsphäre.

Zunächst liegt dies zweifellos daran, daß die Ostsee im Gegensatz zum Mittelmeer praktisch bereits ein russisches Binnenmeer ist und daß es dort niemanden gibt, der gewillt oder imstande wäre, Rußland die militärische und politische Vorherrschaft streitig zu machen. Die einzige der russischen quantitativ und qualitativ gewachsene Ostseeflotte ist die schwedische. Ihre Neutralität macht sie für Rußland jedoch eher zu einem Schutz als zu einer Bedrohung.

Finnland verdankt also seine Ruhe in erster Linie dem Umstand, daß niemand in der Nähe ist, der dem russischen Bären seine Beute streitig machen könnte. Damit sind bereits die Konturen der finischen Lage gegeben. Daneben gibt es noch eine Reihe von anderen Umständen, die für die Eigenart der finnisch-russischen Beziehungen kennzeichnend ist.

Zunächst sei festgehalten, daß Finnland niemals von russischen Truppen okkupiert war und daher auch nicht unter den üblichen Begleiterscheinungen einer solchen Okkupation zu leiden hatte. Diesem Umstand ist es auch zu danken, daß die Kommunisten zusammen mit ein paar unzufriedenen Sozialdemokraten und Liberalen 25 v. H. der Sitze im finnischen Reichstag erobern konnten.

Wenn man bedenkt, daß Finnland immerhin zwei Kriege gegen die Sowjetunion verloren hat, muß man es als bemerkenswert bezeichnen, daß dieses Volk von 3,8 Millionen Einwohnern überhaupt existiert. Andere Völker in der nächsten Nachbarschaft haben ihren Wunsch, unabhängig zu sein, teuer bezahlen müssen, obwohl sie niemals die Waffen gegen ihren mächtigen Nachbarn im Osten erhoben haben.

Die Finnen selbst möchten gerne glauben, daß Ihr tapferer Kampf dem Nachbarn einen gewissen Respekt eingeflößt hat, während unverbesserliche Optimisten in anderen Ländern von russischer Rücksichtnahme auf die Weltmeinung sprechen. Wir brauchen uns aber nicht auf den schwankenden Boden der Spekulation zu begeben; die russischen Interessen sprechen eine genügend deutliche Sprache.

Für Rußland ist es ganz einfach so, daß gute Beziehungen zu Finnland ihm nützlich sind, während schlechte ihm schaden würden. Finnland produziert kostenlos, im Rahmen der Schadenersatzzahlungen; große Mengen von Gütern, die Rußland dringend für seinen Wiederaufbau und für seine Wiederaufrüstung braucht. Jede Störung des politischen Gleichgewichts würde die Produktion hemmen. Rußland gestattet Finnland, einen beträchtlichen Teil seiner Produktion an das westliche Ausland zu verkaufen. Auf diese Weise kann es Rohstoffe erwerben, die zumeist in Gestalt von Maschinen, Schiffen, Motoren und anderen nützlichen Dingen auch wieder Rußland zugute kommen. Ein Sowjetfinnland würde für solche Geschäfte nicht zu gebrauchen sein.