Von dem Geschick der deutschen Industrie in der sowjetischen Zone haben wohl nur wenige Menschen eine klare und geschlossene Vorstellung, ganz abgesehen davon, daß es selten freundlich und nicht immer sachlich ist, was von den Deutschen in der einen Zone über die andere gesagt wird, sei es in übertriebener Solidarität mit der eigenen Besatzungsmacht, sei es in Verlängerung innenpolitischer Fronten über die Zonengrenzen. Man weiß wohl von Demontagen, deren Umfang über das in den Westzonen übliche hinausgeht, weiß auch, daß der überwiegende Teil aller Produktion auf Reparationskonto geliefert wird, meist ohne daß Rohstoffe dafür zusätzlich zur Verfügung gestellt würden. Besonders hart wirkt sich aus, daß dieser Substanzverlust sich nicht nur auf der Stufe der Fertigerzeugnisse vollzieht, Sondern gleichzeitig auch das Halbmaterial und die Ausgangsrohstoffe erfaßt, so daß die auferlegten Lieferungen die Leistungsfähigkeit des Betriebes auf das äußerste anspannen und nicht selten übersteigen. Von Export ist praktisch nicht viel die Rede; bezeichnend ist es, daß auch zwischen der Zone und anderen Satelliten, wie der Tschechoslowakei, der Händel keine besondere Förderung erfährt – es wird für nützlicher gehalten, jeden einzelnen der angegliederten Wirtschaftskörper auf die Bedürfnisse der zentralen Union "auszurichten".

Die Härte und Unerbittlichkeit der sowjetischen Forderungen zu beklagen, hat weniger Sinn, als sich über ihre Ursachen, über ihre Zwangsläufigkeit klar zu werden. Wer mit einer Art von Schadenfreude vermerkt, daß der amerikanische Goldregen an den Grenzen der sowjetischen Herrschaft enden wird, verkennt, daß unsere Ostzone sich um so weiter ausbluten wird und muß, je weniger die Vereinigten Staaten zum Wiederaufbau Rußlands beisteuern. Ohne daß es deswegen erforderlich wäre, für die eine oder für die andere Seite-Partei zu nehmen, müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, daß die sowjetische Staatsführung sich gezwungen sieht, ihren ermüdeten und enttäuschten Völkern auf irgendeine Weise so schnell wie möglich etwas zu geben, ohne jedoch dadurch die Abwehrbereitschaft gegen die kapitalistische Aggression, die man befürchten zu müssen glaubt, zu beeinträchtigen. Und dies mit einer industriellen Kapazität, die wir auf Grund der unerhörten Kriegsanstrengungen der Sowjetunion zu überschätzen geneigt sind.

Das ist der weltpolitische Hintergrund, vor dem sich die industrielle Revolution der sowjetischen Zone vollzogen hat und weiter fortschreitet. Der zeitliche Ablauf der einzelnen Maßnahmen, die Verschiedenartigkeit der verwendeten Methoden und Konstruktionen, die den Zweck verfolgen mag, nirgends, es sei denn bei der zentralen Lenkung selbst, eine Konzentration von Einblick und Gewalt entstehen zu lassen, die Kompliziertheit des Ganzen – alles dies macht es notwendig, das Gesamtbild der industriellen Organisation der Ostzone wie ein Mosaik zusammenzusetzen.

Bei der gesamten Grundstoffindustrie: Kohle, Eisen, Metalle, Chemie und einem bedeutenden Teil der rPoduktionsmittelindustrie mag man ursprünglich die Demontage beabsichtigt haben, sah man wahrscheinlich aber ein, daß eine Demontage und Verpflanzung von Betrieben nicht nur eine Unterbrechung der Produktion mit sich gebracht haben, würde, sondern nach allen Erfahrungen, selbst wenn man, wie im Fall Carl Zeiß, die Schlüsselkräfte mitführt, am Bestimmungsort nur einen Bruchteil der abgebauten Kapazität wiederherzustellen vermag. So wurden die Betriebe, an denen der Besatzungsmacht am meisten lag – IG-Werke und Brabag, Salzdetfurth und Wintershall, Solvay und Staßfurt, Mansfeld, Krupp-Gruson und AEG, um nur einige herauszugreifen –, auf Reparationskonto übereignet, als sowjetisches Eigentum gruppenweise in je einer Aktiengesellschaft des Braunkohlenbergbaus, der Eisenerzeugung, Nichteisen-Metallurgie, Mineraldüngemittel-Industrie, des Maschinenbaus, der Elektroindustrie, der Energieversorgung vereinigt. Die Aktiengesellschaften wieder wurden unter der Dachorganisation "Sowjetische Industrie AG" in Berlin-Weißensee zusammengefaßt. Diese Organisation umschließt die ganze Grundindustrie und den wichtigsten Ausschnitt aus der verarbeitenden Industrie, fast eine halbe Million Beschäftigte, wohl ein Drittel der gesamten Produktion der Zone.

Differenzierter und schwieriger zu übersehen als diese klar und straff organisierte Gruppe sind die Enteignungen zugunsten der deutschen öffentlichen Hand. In Sachsen wurden durch einen Volksentscheid "zur Bestrafung von Kriegsverbrechern und Nationalsozialisten und zur Brechung der Konzernmacht" 1760 Unternehmen enteignet, 1002 wurden Landeseigentum. Die landeseigenen Betriebe, mit einer Bilanzsumme von einer knappen Milliarde Reichsmark, wurden branchenweise, zum Teil auch innerhalb dir Branche weiter aufgeteilt und zu 64 Industrieverwaltungen zusammengeschlossen. Der einzelne Betrieb wurde zur unselbständigen Fertigungsstelle; die Industrieverwaltung hat die kaufmännische Leitung, sie bilanziert, sie ist Steuersubjekt. – Die Industrieverwaltungen wiederum werden durch das Amt für landeseigene Betriebe beaufsichtigt und geleitet.

Das Ergebnis des Volksentscheides in Sachsen gab die Möglichkeit, auch in den übrigen Ländern und früheren preußischen Provinzen entsprechende Anordnungen zu treffen. In Thüringen, wo 875 Unternehmen enteignet wurden, behielt der einzelne landeseigene Betrieb, im Gegensatz zu der sächsischen Ordnung, die wirtschaftliche und rechtliche Selbständigkeit; über sieben branchenmäßige "Industriegruppen" wird er von der Staatlichen "Hauptverwaltung der Betriebe" kontrolliert und gelenkt. Eine Mittelform von ausgesprochener Konzernstruktur wurde in der Provinz Sachsen-Anhalt gewählt, wo etwa 500 provinzeigene Betriebe über dreizehn "Industriegruppen" von der Körperschaft des öffentlichen Rechts "Industriewerke der Provinz Sachsen" geführt werden. In Mecklenburg-Vorpommern hinwieder, dem geringeren Volumen der dortigen Industrie entsprechend, liegt die zentrale Leitung unselbständiger Betriebe bei einer Hauptverwaltung.

Neben den Ländern und Provinzen wurden Städte und Kreise, Konsumgenossenschaften und andere Organisationen von den Enteignungen begünstigt; so erwarben im Lande Sachsen die Städte und Kreise 278, Konsumgenossenschaften und andere Organisationen 101 Betriebe.