Von Walter Hilpert

Der Norddeutsche Rundfunk ist gegenwärtig um Ausbildung des Funk-Nachwuchses und um Schulung seiner Mitarbeiter bemüht.

Die Schauspielertruppe betritt das Schloß und Hamlet bittet um eine Probe ihrer Kunst. Er selbst beginnt aus der Erinnerung eine Erzählung des Äneas vor Dido. Der erste Schauspieler nimmt ihm. die Verse ab, tritt vor in seinem Wanderkleid, den Wanderstock in der Hand. Sein Monolog erzählt, wie Pyrrhus den alten Priamus findet, das Schwert hebt und niedersausen läßt auf den greifen König – und plötzlich steht nicht der Schauspieler vor uns, sondern Pyrrhus selbst: das graue Gewand des Sprechers ist zum Königsmantel, der Stab Zum blitzenden Schwert geworden. Wir sind in den Bann, des grausigen Geschehens gezogen; leben in der Stunde des brennenden Troja.

Solch verwandelnde Kraft lebt im dichterischen, im gesprochenen Wort. Tritt indes die gleiche Verwandlung ein, wenn wir Shakespeare nur lesen oder etwa nur am Lautsprecher hören? Sprechen, Lesen, Hören – tägliche Verrichtungen, die zur Gewohnheit geworden sind, und nicht weiter nachdenkenswert erscheinen! Den Geläufigkeiten folgt rasch die Nachlässigkeit. Und die Klage über die Verlotterung unserer Sprache ist berechtigt und allgemein; das Lesen aber ist zur beliebten Beschäftigung, ja zur Flucht aus der Gegenwart – geworden (wie man in Straßenbahnen und Warteräumen sehen kann), Und das Hören am Rundfunk? Wer wollte sagen, daß er noch nie Grund zur Klage gehabt hätte!

Besinnen wir uns auf das was Sprache eigentlich bedeutet! Der Experimentalphonetiker definiert den physischen Vorgang: Schwingungen der Stimmbänder und Tonbildungen der Mundteile, Resonanz der Kopfhöhlen. Es kommen dazu: Blick; Gebärde. Haltung, Gestik und Mimik des Sprechenden: sein ganzer Körper wird zum Werkzeug des Ausdrucks. Doch Sprechen ist außerdem und vor aller Muskelbewegung ein psychischer Vorgang; Sprechen ist zugleich Denken und Empfinden. Gedanken können nur in Worten gedacht, Empfindungen nur in Worten gefühlt werden. Sprechen unterscheidet den Menschen von aller Spretur: nur der Mensch hat die Fähigkeit zu denken, zu erkennen, nur er findet den Weg zur Selbsterkenntnis, zur Welterkenntnis. Die Denker aller Zeiten haben sich um diese Frage bemüht. Über Meister Eckhart, Jakob Böhme, Johann Georg Hamann ist diese Gleichung so erlebt und bewiesen worden: Gott sprach am Anfang der Tage. sein Wort wurde Gras. Vogel und Baum. Also sind Gras, Vogel und Baum Gottes Worte, die der Mensch, sein Geschöpf, nur nachspricht und im Nachsprechen erst erkennt als Gras, Vogel und Baum. So müssen wir das Buch der Natur nachsprechen, wenn wir die Welt erkennen wollen. Sprechen ist Ausdruck des ganzen Menschen, unlöslich verknüpft mit seinem innersten Wesen. Im Wort des Dichters, der der Sprachgewalt Gottes noch am nächsten steht, spüren wir dies am deutlichsten. Aber in unserem Alltag haben wir uns weit von dieser Sprachkunst entfernt. Nur hier und da blitzt noch einmal das Erlebnis auf wenn wir von der Gewalt eines Wortes, von der Gebärde eines Sprechenden getroffen werden. Wenn wir Sprache so als Wesensausdruck des ganzer Menschen definieren, so folgt daraus; daß man Sprache nur verstehen kann, wenn man den Sprechenden in seiner Ganzheit erlebt, vor sich sieht. Schiebt sich ein Mittler dazwischen, ein Buch, ein Lautsprecher, so ist diese Einheit von Sprecher und Hörer gestört. Also, müssen wir folgern, können Buch und Rundfunk die Sprache nur zerstören.

Dem Buch wird niemand diese zerstörende Wirkung zuschreiben wollen, dem Rundfunk mancher um so williger. Hamlets Monolog, am Lautsprecher gehört, kann nie die Wirkung erreichen, die von der Bühne herabströmt Also ist Rundfunk nur unvollkommener Ersatz für das volle dichterische Wort? Diese Folgerung ist unabweislich, wenn die vorausgegangene Definition der Sprache richtig war. Dennoch läßt sich der Rundfunk aus unserem Leben nicht mehr fortdenken. Wir müssen ihn uns aneignen wie die Taschenuhr, das Telefon.

Warum wird dem Buch nicht die gleiche sprachzerstörende Wirkung nachgesagt? Der Vorgang war der gleiche: das Buch hat sich am Anfang zwischen den Sprechenden und seine Hörer gestellt. Nicht die Schrift – sie ist älter, ist in der Vorzeit aller Völker schon vorhanden als heiliges Zeichen, die göttlichen Wahrheiten weiterzureichen. Biszum Ausgang, des Mittelalters ist Schrift nicht selbständige Sprache gewesen, sondern lebte nur durch den Mund von Mittlern in Predigt und Vorlesung, wenigstens für die große Menge. Und bedenkt daß man damals – selbst als Leser im einsamen Kämmerlein – laut gelesen hat: man las und hörte sich selber zu! Erst das in großer Auflage gedruckte. Buch stellte sich als technisches Mittel zwischen die Menschen und -unterbrach den lebendigen Strom der Rede von Mensch zu Mensch und ließ das Selbstgespräch des Lesenden verstummen. Und doch empfinden wir es nicht als Ersatz der erlebten Sprache; wir kennen vielmehr schon Dichtungen, die nur gelesen erlebt werden können: den Roman und manche Formen der Lyrik (wie etwa die überschwellenden Verse des "Phantasus" von Arno Holz). Wir besitzen, die Kunst des Lesens; wir mußten sie aber erst erlernen, wie die Dichter die Kunst des Schreibens erlernten, wovon die Geschichte der Literatur Zeugnis genug ablegt. So mag in der ersten Zeit nach Erfindung des mo-– dernen Buches mancher Leser geseufzt haben über das Unding "Buch", das sich störend zwischen die sprechenden Menschen stellte, Es war eine Aufgabe für den Menschen der Neuzeit, sich dieses Mittel ,,Buch", dienstbar zu machen: Aufgabe für den Sprechenden, indem er zum Schreibenden, Aufgabe für den Hörenden, indem er zum Leser wurde. Der gesprochenen Sprache wurde die Schriftsprache ebenbürtig.