Adolf Grimme: "Selbstbesinnung",

"Vom Wesen der Romantik".

beide bei Georg Westerham, Braunschweig

Das deutsche "Vakuum" der Nachkriegsjahre ist ein Thema geworden, das schon innerhalb und außerhalb Deutschlands diskutiert wird. Ganz im Gegensatz zu jenem ursprünglichen künstlerischen Ausbruch von 1919 und 1920 ist dieses Vakuum einerseits beunruhigt vom fragenden Schweigen, anderseits vom vorbehaltlosen Verantwortungsbewußtsein getragen, mit dem eine kleine, aus der Widerstandsbewegung hervorgegangene Schicht oder die Männer vor Hitler das Ruder wieder in die Hand genommen ‚haben. Die Gedankenwelt dieser Männer, deckt sich insofern mit der der Alliierten, als es um die "ewigen Werte" geht. Wären diese "ewigen. Werte" durch den geistigen, sozialen und kirchlichen Widerstand der deutschen Intelligenz nicht aufrechterhalten worden – fürwahr, das "Vakuum" sähe anders, sähe schlimmer aus. Die deutsche Widerstandsbewegung aber, zu der auch ein Mann wie Adolf Grimme gehörte, hat die von Staats wegen degradierten Werte nicht nur behauptet, sondern unter dem ungeheuren seelischen Druck jener Jahre weiterverarbeitet. Dies ist es, was die "innere" Emigration so elementar von der "äußeren" unterscheidet und, wie etwa die Münchner Jugendkundgebung es spontan bewiesen hat. einen bis jetzt noch unausgeschöpften Common seine unter den europäischen Geistigen geschaffen hat. Es ist nun freilich schwer vorauszusagen, welche Kräfte dieser Common sense bei uns entwickeln wird, und ob es ihm vor allem gelingen wird, die nationale Enttäuschung, das vitale Ringen um die primitivsten materiellen Lebensgrundlagen zu überspielen. Es ist noch schwerer, in dieses Vakuum hinein die Erziehung der Jugend und Wiedererziehung der Erwachsenen zu vollziehen; zumal, wie die Widerstandsjahre gezeigt haben, das psychische Fiasko der deutschen Demokratie, ja, die seelische Lethargie des ganzen Abendlandes überhaupt nicht an der unverbrauchten Vitalität anderer Kontinente gemessen werden darf. Daß verantwortungsbewußten Männern diese Probleme seit langem bekannt sind, geht aus dem Torso zur "Wesensbestimmung der Romantik" hervor, der nach Grimmes eigenem Nachwort aus Gesprächen im Berliner Widerstandskreis hervorgegangen ist. Er veröffentlicht den Entwurf unter dem Titel: "Zum Wesen der Romantik".

Ganz offenbar ist die Schrift, die auf eine Phänomenologie der Romantik abzielt, dem literaturwissenschaftlichen Ideal verpflichtet: dem And jedoch die unruhige Zeit sowie der Mangel, einer benutzbaren Bibliothek entgegen. Und so wichtig die begriffliche Sauberkeit, mit der Grimme arbeitet – er folgt im wesentlichen Hübener, daß die Romantik der Sieg der vegetativen, seelischen – Schichten sei –, so wichtig es war, den Wesenskern dieser, vom Nationalsozialismus bedenkenlos mißbrauchten Bewegung der Romantik festzustellen: weit wichtiger ist die Erleuchtung, die Grimme bei diesen Studien überkommen hat. Er sieht jetzt die Romantik politisch! (Wie dies schon Carl Schmitt getan hat.) Aoer was er meint; ist dennoch mehr als Politik. Die Romantik nämlich stellt sich in ihrem Ausgangspunkt dar als eine Reaktivierung seelischer Möglichkeiten, die überlagert waren: sie befreit den Blick von seiner Einengung auf die Vorherrschaft eines bloßen Ausschnitts aus der Wirklichkeit, und sie tritt damit in Gegensatz zu jener Herrschaftshaltung gegenüber der Welt und der Natur, die der Aufklärung und dem Kapitalismus eigentümlich ist. Und diese Abwendung von der "zivilisatorischen Haltung der Stadtkultur", woraus Grimme die romantische "Lust an der Idylle" folgert, ist im Grunde der universale Protest gegen die Ökonomisierung des Lebens, der Aufstand der Dichtung gegen die Diktatur der Zivilisationsmaschine, die ja auch konsequent versucht, das Poetische zu kommerzialisieren oder ihrem Zweckdenken zu unterwerfen.

Es mag heutzutage nicht einfach sein, auf Einsichten wie diesen ein. Ministerium aufzubauen. Denn der moderne Verwaltungsapparat ist nun einmal nicht "musisch", sondern, ob er, will oder nicht, auf Ausnutzung der Kräfte abgestellt. Grimme, der Minister, hat es jedoch verstanden, unter dem niedersächsischen. Ministerpräsidenten Kopf eines der stabilsten und fortschrittlichsten Kultusministerien einzurichten, die heute in Deutschland denkbar sind. Seine Reden und Aufsätze aus dem ersten Jahr des Wiederaufbaus, die er unter dem Titel "Selbstbesinnung" in einer Broschüre zusammengefaßt hat. zeugen von seinem Wollen. Sie sind an das Vokabular gebunden, das der westlichen Demokratie geläufig ist. aber bei uns durch Entsetzen, Fehlerziehung und Krieg an Klang verloren hat. Wenige Deutsche an verantwortlicher Stelle haben es jedoch bisher verstanden. die geistige Wirrnis in so klaren Formeln auf das gültige Maß zurückzuführen wie Grimme. Man Wird das allgemeine Bemühen, in dem Nachkriegs-Vakuum wieder so etwas wie eine allgemeinverständliche Terminologie der ewigen Werte aufzurichten. einmal anders, als im enttäuschten Jetzt beurteilen. Das Bedeutende an Grimme ist hier, daß er über die flüssige Formel, die meist durch den unmittelbaren Anlaß diktiert ist, hinaus die ewige Formel anspricht: Das tritt in seiner Rede zu "Kirche und Alltag" ("Die Zeit" vom 17. 7. 47) so gut wie in der breit angelegten Betrachtung über Religion und Sozialismus zutage. (Detmold, 9. 1. 1946.) Hier wie dort wird offenbar, daß hinter Grimmes kultureller-Mission, ebenso wie seinerzeit hinter der Hardenbergschen, ein geistiges Programm steht, ein Programm, das weit mehr religiös als humanistisch-freiheitlich ist. Das Leben ist für ihn "ein metaphysischer Auftrag" – "Gott braucht auch uns, um hier auf dieser Erde zu vollbringen, was ihm vor Augen steht." Es ist nur die Frage, ob dies tiefgefühlte Programm mit der so notwendigen Realität etwa der gewerkschaftlichen Massenvertretung durchgeführt werden kann: diese technischen Fragen sind kaum angedeutet; werden sie doch ohnehin von des Ministers Grimmes Tagespraxis ständig bewältigt. Überschaut man das Erziehungswerk dieses "existentiellen" Idealisten, dann kann es auf die Formel gebracht werden: da fortzufahren, wo Deutschland 1848 versagt hat. Egon Vietta