Offenbacher Lederwaren sind ein altes Exportgut, einst weltbekannt und in vielen Ländern begehrt. Apoldaer Wirk- und Strickwaren können sich der gleichen Überlieferung rühmen. Offenbach erlebte eine große Enttäuschung, als seine ersten Kollektionen in den Vereinigten Staaten auf. wenig Gegenliebe stießen, und Apolda mußte sich damit abfinden, daß eine Anzahl Muster von Babyartikeln in der Schweiz abgelehnt wurden. Diese Vorgänge geben zu denken. Acht Jahre war Deutschland von der Außenwelt fast hermetisch abgeschlossen; acht Jahre hatte die deutsche Industrie wenig oder gar keine Gelegenheit die Marktströmungen, den Modewandel und die Geschmacksrichtungen fremder Länder zu verfolgen, geschweige denn aus eigener Anschauung zu studieren. In den Kriegsjahren standen andere Sorgen im Vordergrunde. Die Verbrauchsgüterindustrien wurden als nebensächlich betrachtet, die modischen Zweige aufs tote Gleis geschoben. In der Nachkriegszeit aber heben sich nur ganz allmählich die Sperren, die uns so lange vom Ausland trennten. Von der Wiederaufnahme persönlicher Beziehungen draußen in den Zentren des Welthandels und des großen Verbrauchs, von neuer persönlicher Einfühlung in das vielfältige Bild von Mode, Geschmack und Kultur, das sich mit Erfolg nur an Ort und Stelle dem geschärftes Auge des Sachkenners darbietet, kann erst neuerdings und nur in den Anfängen die Rede sein.

Für die Textil- und Bekleidungswirtschaft ist die genaue Kenntnis. der Märkte eine grundlegende Bedingung für Ausfuhrerfolge. Was wir in der Nachkriegszeit bisher an Export getrieben haben, erst in Bruchteilen des notwendigen Umfange, geschah zumeist an Krücken, deren wir uns nolens volens bedienten; die Besatzungsmächte leisteten Hilfestellung ("Regierunggeschäfte"). Wir sind heute noch weit von den Planzahlen des sogenannten "Industrieplans" entfernt, der für 1949 eine Textilausfuhr von 2 kg je Kopf der deutschen Bevölkerung oder 133 000 t (1938: 82 000 t) vorsieht, und wir werden sie nicht erreichen, wenn nicht allseits, auch von den Besatzungsmächten her, die äußersten Anstrengungen gemacht werden.

Dabei muß man sich freilich der ganzen Problematik der Zusammenhänge bewußt sein: ohne ausreichende Spinnkapazitäten keine ausreichende Textilwarenerzeugung, ohne diese keine ausreichende Ausfuhr (oder nur mit dauernder Vernachlässigung des Binnenmarktes), ohne ausreichende Ausfuhr keine ausreichende Rohstoffeinfuhr. Andererseits gilt das Umgekehrte: ohne ständige Rohstoffzufuhr keine ausreichende Erzeugung. Mit anderen Worten: Technische Engpässe (vor allem der Spinnerengpaß in den Westzonen) müssen so schnell und soviel wie möglich beseitigt werden; ferner darf es an genügenden Rohstoffmanipulationsmengen auch feinerer Klassen in diesen Anlauf- und Bewährungszeiten nicht fehlen, weiter muß der Binnenmarkt trotz seiner Auszehrung vorerst hinter der Ausfuhr zurückstehen, bis der Außenabsatz eine sichere Grundlage für Rohstoffbezüge und Binnenmarktversorgung gewährt. Das wird um so eher der Fall sein, je schneller der Durchschnittswert der Exporte den höchstmöglichen Stand erreicht, je mehr also die Ausfuhr sich auf lohnintensive, hoch- und höchstwertige Waren erstreckt, Darin begegnen sich die deutschen Interessen mit denen der Besatzungsmächte, jedenfalls des englischen und amerikanischen Steuerzahlers, der eine Entlastung wünscht.

Doch stoßen sich diese Interessen zuweilen an produktions- und absatzpolitischen Erwägungen einzelner Textilzweige. Wir exportieren zum Beispiel Baumwolle und Leinengarne nach England, Kunstseidengarne nach den Vereinigten Staaten, also Waren der ersten Veredelungsstufe mit noch geringem Arbeitsgehalt, die in den Bezieherländem eine Erzeugungs- oder Exportlücke füllen. Das ist bedauerlich für die ausländischen Steuerzahler, bedauerlich in der heutigen Lage für die deutsche Produktion und Ausfuhr, denn jene Garne hätten, verarbeitet etwa zu Druckstoffen, Wirk- und Strickwaren, Bekleidungswaren und sonstigen Artikeln der letzten Verfeinerungsstufen, ein Mehrfaches des Ausfuhrerlöses erbracht, ganz abgesehen von der dann vermiedenen einseitigen Belastung der Spinnereien in der Baumwolle, und Leinenindustrie. Für die deutsche Textilwirtschaft gehört es jedenfalls zu den entscheidenden Aufgaben, vorzüglich in den hochveredelten Gütern die letzte Kraft anzuspannen und mit solchen hochwertigen Waren, die (auf entsprechende Roh- und Hilfsstoffe gestützt) eine Fülle von Verfeinerungsvorgängen durchlaufen haben, für das deutsche Erzeugnis zu werben. Wir nannten schon die Druckstoffe (sie spielen bereits in Omgus-Geschäften eine erhebliche Rolle), die Wirk-, Strick- und Bekleidungswaren. Wir fügen von den traditionellen Ausfuhrwaren hinzu: seidene und kunstseidene Gewebe und Strümpfe, Samt und Plüsch, Barmer Artikel, Leinenerzeugnisse, Teppiche und Möbelstoffe, wollene Kleiderstoffe und viele – (zum Teil handgefertigte) Waren mit kunstgewerblichem Einschlag. Sie alle mögen nach der langen Entfremdung Künder einer friedlichen Wirtschaft sein!

An Nachfragen aus dem Ausland fehlt es in den meisten Textilzweigen nicht. Der in den Kriegs-Jahren aufgestaute Bedarf an Spinnstoffwaren ist noch längst nicht gestillt. Doch "sie könnten zueinander nicht kommen". Die meisten Exporte gingen bislang, wie gesagt, an Krücken; die Besatzungsmächte schalteten sich ein. Es bestand keine Berührung mit dem ausländischen Auftraggeber. Das Persönliche und Individuelle kam dabei zu kurz und die Initiative des Lieferanten und Kaufmannes kam nicht zur Entfaltung. Zwar hat sich schon vieles von der ursprünglichen Ver-– fahrensstarre gelöst, doch bleibt noch manches zu tun, unternehmerischen Kräften das Feld zu ebnen, die den Blick in die Weiten richten. Hier beginnen die Exportaufgaben der Textilindustrie zunächst im eigenen Hause, ja, in der eigenen Brust, damit die Welt uns wieder bereitfindet, wenn sie uns ein wenig mehr eröffnet wird. Unternehmer, die nicht auf Befehle und Anweisungen warten, müssen sich erst wieder auf sich selbst besinnen, müssen eine junge Generation mit Fachkunde, Tatkraft, Hingabe und taktvoller Sicherheit wappnen: dann wird es auch letztlich an Erfolgen nicht fehlen. I