Aus der Tatsache, daß die grauen und schwarzen Geschäfte florieren, während der legale Warenverkehr stockt, wird vielfach (auch von nicht direkt Interessierten ausländischen Beobachtern!) die Folgerung gezogen, daß der Weg zur wirtschaftlichen Gesundung über eine umfassende Legalisierung des Tauschgeschäftes gehen müsse oder solle. Die Leser unseres Blattes wissen, daß wir eine andere Lösung befürworten: nämlich die Wiedergewinnung eines voll funktionsfähigen allgemeinen Tauschmittels, also des Geldes. Wer an eine baldige Reform dieser Art (oder an ihre ausreichende Wirkung) nicht glaubt, wird sich, je nach "Weltanschauung" oder Interessenlage, entweder für eine totale Zwangswirtschaft entscheiden oder aber für deren weitgehende Auflockerung.

In der Diskussion, die sich, wie in der letzten Ausgabe der "Zeit" berichtet wurde, zwischen dem Hamburger Betriebsrat der Sunlicht-Gesellschaft und der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft ergeben – hat, prallen die beiden Auffassungen aufeinander. Die Gewerkschaft will "zurück" zur lückenlosen Erfassung und Bewirtschaftung, der Betriebsrat "vorwärts" zu neuen Formen. In Überspitzung seines Standpunktes befürwortet er sogar die ("allmähliche") – Einführung eines Sachwertlohnes. Darüber lohnt es sich eigentlich nicht zu diskutieren. Aber abgesehen von dieser Sonderfrage bietet die Diskussion, die nun in Replik und Duplik vorliegt, eine Fülle von interessanten Äußerungen.

Der Sunlicht-Betriebsrat ist mit der Antwort, die von gewerkschaftlicher Seite zu seiner Anregung auf Legalisierung der Deputat-Entlohnung ergangen ist, ganz und gar nicht, einverstanden. Zunächst wendet er sich mit aller Schärfe gegen die mit erhobenem Zeigefinger ausgesprochene Vermahnung, künftig doch den "Dienstweg" über die Gewerkschaft strikte einhalten zu wollen und sich nicht mit anderen "befreundeten" Betriebsräten über ein, gemeinsames Vorgehen direkt zu verständigen. Das Aufrichten solcher Verbotstafeln durch Organisationen und Instanzen, so heißt es, vertrage sich nicht mit demokratischen Grundsätzen. – Die Auffassung der Gewerkschaft, daß es mit der Entwicklung zum Naturaltausch, bei der heute schon 40–50 v. H. der Mangelware durch Kompensationen dem "normalen Güterumlauf und jeder behördlichen Kontrolle entzogen werden", zur unausbleiblichen Katastrophe kommen werde, steht nach dem Urteil des Betriebsrates "in eklatantem Widerspruch zur Wirklichkeit". Es sei vielmehr, gerade umgekehrt: die Fortsetzung der nationalsozialistischen – Zwangswirtschaftsmethoden vergrößere die durch den Krieg verschuldete Katastrophe von Tag zu Tag mehr, und nur der direkte Warenumlauf, das von den Behörden nicht kontrollierte Geschäft, ermögliche überhaupt erst das Weiterleben.

Es ist nur konsequent, wenn die Vertreter der Sunlicht-Belegschaft das Programm der Gewerkschaft "reaktionär" schelten. Dieses Programm will, über ein neues Erfassungssystem, die Lebensmittelerzeugung wieder ganz dem normalen Konsum zuführen; es sieht die "Wiederbelebung" des Punktsystems vor, derart, daß ein Teil der Mehrförderung für zusätzliche Lebensmitteleinfuhren verwandt wird; schließlich soll der (gewerbliche) Kohlenverbrauch durch, paritätische Ausschüsse überwacht, die – Rohstoffzuweisung durch Produktionsauflagen ergänzt und das sogenannte durchlaufende Bezugsrecht allgemein eingeführt werden. Das seien, wie der Betriebsrat sagt, nur Variationen des gleichen, seit zehn Jahren hinreichend bekannten Systems; von einer "Neuordnung von Grund auf" aber, wie Sie die Gewerkschaft im-gleichen Atemzug fordert, könne dabei durchaus nicht die Rede sein.

Eine solche Neuordnung müsse in der Richtung auf eine allmählich und schrittweise erfolgende, behutsame Teilauflockerung der Zwangswirtschaft für die bedarfswichtigsten Erzeugerbetriebe geschehen, um den unerträglich werdenden Fehl- und Leerlauf des heutigen Systems zu beseitigen. Anfangen könne man etwa damit, zunächst nur die Mehrerzeugung (über das Liefersoll hinaus) für die Kompensation freizugeben. Gewiß werde damit gegen das Prinzip der gleichmäßigen Verteilung verstoßen. Aber; "es kommt nicht-darauf an, daß Ideal einer gleichmäßigen Versorgung auf geduldiges Papier zu schreiben, sondern einzig und allein darauf, ob und wie die bestmögliche Versorgung in der Praxis tatsächlich erreicht werden kann, erforderlichenfalls auch unter Opferung des Gleichheitsprinzips" – das ja ohnedies schon für den Bergarbeiter, für den Landarbeiter, für jede Torfgewinnungsaktion usw. hundertfach durchbrochen sei.

In einer Sonderdiskussion, die sich zwischen dem Betriebsrat von Sunlicht und demjenigen der Deutsch – Amerikanischen Petroleum – Gesellschaft entwickelt hat, wird noch weiter gesagt; daß sich die Lohnpolitik völlig festgefahren habe. Eine Lohnanpassung an die tatsächlichen Lebenshaltungskosten sei, ohne (partiellen) Warenlohn völlig womöglich. Gänzlich hilflos stünden die Gewerkschaften vor diesem Problem, für das ihr altes Schema "Lohnstopp, also Preisstopp". oder aber "Preiserhöhung. also Lohnerhöhung nicht mehr passe. In diesem Zusammenhang wird gesagt, daß die Gewerkschaften unter der Losung, die Arbeit befreien zu wollen, groß, geworden seien, daß sie heute aber direkt und indirekt die Arbeitsversklavung unterstützten, wie sie durch Arbeitsamt, Dienstverpflichrung, Zwangsumschulung, Unterbindung des Arbeitsplatzwechsels usw. betrieben werde, "Der Beschluß des Weltgewerkschaftsbundes, 100 000 deutsche Arbeiter durch Dienstverpflichtungen in die Ruhrbergwerke zu zwingen, bezeichnet das überaus traurige Ende einer Entwicklung von der Koalitionsfreiheit zum Koalitionszwang, vom Recht auf Arbeit zum Arbeitszwang. Demgegenüber scheint uns heute eine natürliche, freie Bindung des Arbeiters an seinen Betrieb geradezu ideal zu sein... Die Entartung der gewerkschafrlichen Praxis und ihre überraschende Übereinstimmung mit den Methoden des faschistischen Arbeitszwanges sind nur daraus erklärlich, daß man der zentralen Frage auf Grund von Klassenkampfreminszenzen geflissentlich auswich: wie Arbeiter und Angestellte durch handgreifliche. wesentliche Vorteile, die ihrer eigenen freien Wahl und Entscheidung unterliegen, mit ihrem Betrieb verwachsen können."

Für die Ausdehnung des Deputatsystems auf solche lebenswichtige Betriebe, die nicht unmittelbar Verbrauchsgüter erzeugen, werden einige Vorschläge gemacht: Kohlendeputate auch für die Belegschaften der Hoch- und Straßenbahn, Strom-Sonderkontingente, abzugeben gegen Kohle oder Reparaturleistungen, für die E-Werke, Sahwertprämien für Hafenarbeiter. Behörden sollen ihre Gebühren, soweit möglich, in der Form von Warengutscheinen einfordern, die dann ihren Angestellten verfüglich gemacht werden. Die Wohnungszwangswirtschaft will man durch in Naturalien gegebene Mietsleistungen auflockern, um so Raum für den Zuzug erwünschter Arbeitskräfte zusätzlich zu gewinnen. Schließlich wird die Ausdehnung der Werksverpflegung auf die Angehörigen der Belegschaft angeregt und die Eingliederung freier Handwerker (Näh- und Bügelstube, Wäscherei, Schneiderei, Schuster, Uhrmacher, Friseur) in die "Betriebsgemeinde". Warum sollte der Arbeiter bei der Einkaufsgenossenschaft seines Betriebes, nicht auch Lebensmittel und Tabakwaren "auf Karten" erhalten können? Das wäre immer noch, wie der Sunlicht-Betriebsrat meint, eine bessere Lösung als die in Berlin durchgeführte Schaffung von "betrieblichen" Verteilungsstellen der Konsumvereine, "leider verbunden mit einem sehr üblen Organisationszwang und mit politischen Nebenabsichten."

Neben der Legalisierung der Deputate ist also die Ausgestaltung der "Betriebsgemeinde" ein zweites, wesentliches Anliegen der Sunlicht-Leute. Daß vom Betrieb her, also von Unternehmerseite, wie man ja wohl immer noch sagen muß, analoge Bestrebungen laufen, ist bekannt. Überhaupt bahnt sich ja offenbar eine weitgehende Interessengemeinschaft zwischen den Betriebsleitungen und -angehörigen überall da an, wo die Belegschafter, nicht gehemmt durch traditionelle Ideen und Ressentiments, vorurteilslos an praktische Maßnahmen, herangehen, um ihre Lage zu verbessern, wobei der Betrieb, als "Lebensform" anerkannt, als ein Stück Heimat gewertet wird. Das zeigt sich hier deutlich – und deshalb auch unser ausführliches Referat über den Vorstoß des Sunlicht-Betriebsrates. E. T.