Die nachfolgende Schilderung der Wirtschaftsverhältnisse in einem der wichtigsten Exportländer wird uns liebenswürdigerweise aus den Kreisen der Deutsch-Südamerikanischen Bank AG. (Zweigniederlassung Hamburg) zur Verfügung gestellt.

Während gewisse Kreise, besonders in den Vereinigten Staaten, von Brasilien als dem zukunftsreichsten Land des lateinamerikanischen Kontinents sprechen, sind andere, vor allem wegen der Agrarpolitik des Landes und des Schicksals der stark ausgebauten Industrie, von einer lebhaften Besorgnis erfaßt. Diese unterschiedlichen Auffassungen, spiegeln deutlich die jeweiligen Interessen der urteilenden Kreise wider und müssen daher mit starken Vorbehalten zur Kenntnis genommen werden. Unsere Gewährsleute beurteilen die Situation des Landes bedeutend ruhiger. Sicher ist, daß zur Zeit ein gewisser Raubbau in der Landwirtschaft getrieben wird, besonders in der Bauwirtschaft eine starke spekulative Tätigkeit herrscht, und daß viele der neu erstandenen Industrien nicht lebensfähig sein werden. Es sind dies jedoch Erscheinungen, die nach jedem Kriege von längerer Dauer in mehr oder weniger starkem Umfang auftreten und die sich ausgleichen werden, sofern in der Weltwirtschaft allgemein wieder eine Beruhigung eintritt.

Nach Ausbruch des Krieges in Europa verlagerte sich das Schwergewicht des brasilianischen Außenhandels. wie vorauszusehen war, nach den USA und in geringerem Maße nach den übrigen Ländern Lateinamerikas. Die USA nahmen vor allem auch deswegen eine überragende Stellung im Wirtschaftsleben des Landes ein, weil sie sich verpflichteten, gewisse Mengen an Kaffee, dem immer noch wichtigsten Ausfuhrprodukt Brasiliens, zu festgesetzten Höchstpreisen aus jeder Ernte abzunehmen. Hierdurch konnte eine schwere wirtschaftliche Krise verhindert werden. Auch an der zunehmenden Industrialisierung des Landes beteiligten sich die USA maßgeblich. Die im Laufe des Krieges immer mehr nachlassende Lieferfähigkeit der klassischen Exportländer bewirkte eine starke Zunahme der Exportüberschüsse und somit die Ansammlung großer Devisenreserven. Gleichzeitig traten aber auch eine wachsende Erhöhung des Geldumlaufs und – hervorgerufen durch den Mangel an Verbrauchsgütern – erhebliche Preissteigerungen ein.

Diese ersten Anzeichen einer beginnenden Inflation veranlagten Brasilien nach Eintritt in den Krieg im August 1942 zu Maßnahmen verschiedenster Art, um – neben der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Ordnung – die Leistungsfähigkeit des Landes für die Zwecke der alliierten Kriegführung zu erhöhen. So wurde im September 1942 im Anschluß an ein achttägiges Moratorium der Milreis (= 1000 Reis) durch den Cruzeiro (= 100 Centavos) ohne Kursänderung ersetzt, eine Kontrolle des Außenhandels sowie eine Preisüberwachung für Nahrungsmittel und andere lebenswichtige Güter eingeführt und schließlich der Ausbau der Eigenindustrien und die Intensivierung der Leistungen von Bergbau und Landwirtschaft mit allen Mitteln gefördert. Die Einführung einer strengen Devisenkontrolle während des Krieges war in Anbetracht der großen. Exportüberschüsse nicht erforderlich. Die Auflegung einer Kriegsanleihe in Höhe von 8 Milliarden Cruzeiros fand in der Bevölkerung nicht die erwartete Aufnahme.

Nach Beendigung der Feindseligkeiten zeigten sich noch keine wesentlichen Merkmale eines Wandels in der wirtschaftlichen Situation des Landes gegenüber der Kriegszeit. Die früheren Lieferanten traten nur zögernd auf den Plan und setzten ihre allmählich wieder anlaufende Friedensproduktion zunächst zur Deckung der eigenen Bedürfnisse ein. Infolgedessen blieben die Importe Brasiliens auch weiterhin gegenüber den Exporten stark im Rückstand, so daß die bis dahin die Wirtschaft des Landes beeinflussenden Faktoren bestimmend blieben. Um eine weitere Erhöhung des Geldumlaufs zu vermeiden, wurden verschiedene Streichungen bereits genehmigter Staatsausgaben angeordnet; ebenso mußten die Exporteure 20 v. H. ihrer Erlöse in Form von Schatzwechseln mit einer Laufzeit von 120 Tagen annehmen.

Das Jahr 1946 brachte eine gewisse Wiederbelebung des Warenaustausches mit europäischen Ländern, jedoch kommt diesem im Vergleich mit dem Gesamtaußenhandel Brasiliens noch keine große Bedeutung zu. Die USA treten aber wieder in voller Stärke als Lieferanten auf und gefährden dadurch einen erheblichen Teil der meist mit ihrer eigenen Hilfe finanzierten Landesindustrie. Aus verschiedenen Gründen wird jedoch die Produktion trotz zunehmender Unrentabilität fortgesetzt und wirkt als fühlbarer Unsicherheitsfaktor in der Wirtschaft des Landes, der kaum dadurch beseitigt werden dürfte, daß zur Unterstützung der Industrien Importeinschränkungen erlassen wurden.

Seit Anfang 1947 ist der Devisenhandel wieder freigegeben, mit der Einschränkung, daß 30 v. H. der Tageseinnahmen an den Banco do Brasil abzuliefern sind. Hierdurch soll eine Reserve zur Sicherung der künftigen Einfuhr lebenswichtiger Güter geschaffen werden. Außerdem wurden auch die Vorschriften über die Zahlung von Zinsen, Dividenden, Gewinnen und Kapitalrückzahlungen in das Ausland beträchtlich gelockert. Man erblickt hierin eine unauffällig ausgesprochene Aufforderung an das ausländische Kapital, sich erneut in Brasilien zu beteiligen. Irgendwelche Zinsschulden auf innere oder äußere Anleihen der Regierungen des Bundes, der Provinzen oder der Stadtverwaltungen bestehen nicht.