Belgien nimmt, was das Tempo der Nachkriegserholung anbelangt, unter den befreiten Ländern eine Sonderstellung ein, die besonders deutlich bei einem Vergleich mit den Verhältnissen in Holland zum Ausdruck kommt. Beide Länder sind besonders stark vom Außenhandel abhängig und durch den Rheinverkehr in besonderem Maße mit, der deutschen Wirtschaft verbunden gewesen. Beide besitzen große überseeische Herrschaftsgebiete und beide wurden von den Kriegsverwüstungen betroffen. Trotzdem hat Belgien in der kurzen Zeit von zwei Jahren, den Lebensstandard der Vorkriegszeit wieder erreicht, während Holland noch weit von dieser Stufe entfernt ist.

Zwar ist Belgien von jeher ein Ausfuhrland für industrielle Halb- und Fertigfabrikate gewesen, unter denen Kohle, metallurgische Erzeugnisse und Textilien die Führung haben, wogegen Holland hauptsächlich landwirtschaftliche Veredelungsprodukte und Gemüse exportiert, für die der deutsche Markt früher der beste Abnehmer war. Aber derartige Verschiedenheiten können die unterschiedliche Entwicklung nicht, erklären. Die belgische Stahlausfuhr istwegen des erheblichen Wiederaufbaubedarfs, gering; die Kohlenausfuhr ist fast völlig in Fortfall gekommen, da die Förderung bei einem um ein Drittel den Vorkriegsstand übersteigenden Brennstoffverbrauch zur Deckung des Eigenbedarfs nicht einmal ausreicht, wodurch der Produktionserhöhung enge Grenzen gesetzt sind. Auch sind die belgischen Industrieanlagen veraltet und bedürfen dringend im Interesse der notwendigen Exportpreissenkung einer Modernisierung, deren Kosten auf rund 350 Milliarden bfrs. veranschlagt werden. Man sieht, auch Belgien hat seine wirtschaftliche Problematik, von denen nur einige Gesichtspunkte besonders hervorgehoben wurden. Um so erstaunlicher ist es, daß die Wirtschaft des Landes allen Hemmungen zum Trotz der Bevölkerung wieder einen Lebensstandard sichern kann, der in keiner Weise mehr hinter den Vorkriegsverhältnissen zurückbleibt.

Die Schaufenster Brüssels, und der Provinzstädte zeigen alles, was verwöhnter Geschmack und berechtigtes Bedürfnis nur wünschen können. – Von den einfachsten bis zu den elegantesten Kleidern, den schönsten und bequemsten Möbeln den nahrhaftesten Lebensmitteln und erlesensten Delikatessen. kann man alles in den Geschäften finden und ohne jede Beschränkung in beliebiger Menge kaufen. Die Straßen der Geschäftsviertel Brüssels sind von ausländischen Besuchern überlaufen, die in diesem "Warenhaus" Westeuropas sich all das beschaffen, was die Schaufenster ihrer Heimatstädte Paris oder London nur zur Schau stellen. Um die gleiche Zeit aber sieht sich ein nur wenige Flugminuten entferntes Land – Holland – vor den Zwang gestellt, die schon für holländische Verhältnisse recht prekäre Lebensmittelversorgung weiter zu beschneiden. Die Fleischration ist um 20 v. H. auf 200 Gramm herabgesetzt, die schon in großen mehrmonatigen Abständen höchst unregelmäßig vorgenommene Zuteilung von Bohnenkaffee von -125 Gramm soll weiter gekürzt und der Ausfall durch Kaffee-Ersatz ausgeglichen werden. Während der Belgier alle Nahrungs- und Genußmittel ohne Bezugsbeschränkung kaufen kann, muß der Holländer von 2000 Gramm Brot, 3000 Gramm Kartoffeln, 250 Gramm Fett, 2 Liter Vollmilch, 100 Gramm Käse und einer den jeweiligen Vorräten angepaßten Nährmittelmenge auskommen. Eier werden nur an – Krankenhäuser und auf ärztliche Atteste geliefert. Und während die Bewohner Belgiens in den Textilhäusern eine reiche Auswahl vorfinden, kann der Bewohner Hollands selbst die auf der Kleiderkarte freigegebenen Punkte infolge des knappen Angebots nur sehr schwer verwerten. Herren-, Damen- und Haushaltswäsche sind meist nur im Schwarzhandel, zum zehnfachen Preise erhältlich. Diese, wenigen Schlaglichter verdeutlichen den Gegensatz der beiden Welten, die sich um die Zentren Brüssel und den Haag gruppieren.

Die Sonderstellung Belgiens spiegelt sich auch in der abweichenden Gestaltung der Devisenlage wider. Während alle übrigen kriegführenden oder befreiten europäischen Länder, mögen sie zur Gruppe, der Sieger oder Besiegten gehören, und sogar, wie das Beispiel Schwedens zeigt, neutrale Länder sein, über akuten Dollarmangel klagen, ist Belgien allein im Besitz, genügend hoher Dollarbeträge. Es ist sogar in der Lage, damit amerikanische Fertigfabrikate einzuführen, die nach Frankreich gegen französische Frs. ausgeführt werden. Diese Transitgeschäfte bringen außer einem Kursgewinn von etwa 20 v. H. dem Umschlaghafen Antwerpen zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. Um die gleiche Zeit aber muß Holland sogar amerikanische Kohlelieferungen wegen Dollarmangel abbestellen.

Während alle übrigen Länder ihre Zahlungsbilanzen nur mit Hilfe hoher Auslandskredite zu einem Ausgleich bringen können und ihre Ansprüche an die Weltbank geltend machen, hat die belgische Regierung durch den Gouverneur der Nationalbank, Freie, erklärt, daß sie zur Zeit keine Auslandsanleihe brauche. Auch hier zeigt ein Vergleich mit Holland die Unterschiede besonders deutlich. Die vom holländischen Finanzminister Lieftinck im Parlament vorgelegte Denkschrift über die Devisenlage des Landes rechnet bis Jahresende mit einem Fehlbetrag von 609 Millionen hfl., obwohl hierbei nicht nur Goldabgaben in Höhe von 350 Millionen hfl. und die mutmaßlich zu erhaltenden Auslandskredite im Gesamtbetrag von 907 Millionen hfl., sondern auch der Erlös aus dem Verkauf, ausländischer Wertpapiere vorwiegend amerikanischen Ursprungs, der auf 265 Millionen hfl. veranschlagt wird, in Rechnung gestellt wurden. Demgegenüber, weist der Voranschlag für die belgische Handels- und Dienstleistungsbilanz für 1947 zwar ebenfalls ein Defizit von 6,5 Milliarden bfrs. auf, das jedoch aus der durch stete Zuflüsse gespeisten Devisenreserve der Nationalbank von 9,8 Milliarden bfrs. unschwer gedeckt werden kann.

Auch unter wirtschaftspolitischem Aspekt stellt die Nachkriegserholung Belgiens einen Sonderfall dar. Sie vollzieht sich nämlich im Zeichen des "Laissez faire". Schon bald nach Kriegsende wurden die meisten Wirtschaftsrestriktionen beseitigt und wurde die Privatwirtschaft von den bürokratischen Fesseln befreit. Bereits Anfang dieses. Jahres war die freie Einfuhr für mehr als die Hälfte der Auslandsbezüge wiederhergestellt, und seitdem hat sich die Liste dieser Waren ständig vergrößert; neuerdings dürfen auch Kraftwagen frei eingeführt werden. Den bisherigen Schlußstein dieser Entwicklung bildet die Aufhebung der Preiskontrolle.