Von unserm Korrespondenten Robert Strobel-Frankfurt

Die Beteiligung der hessischen Exporteure an der Exportmesse in Hannover ist sehr gering. In diesem Desinteressement kommt die Skepsis zum Ausdruck, mit der man in den hiesigen Fachkreisen zur Zeit, das Exportgeschäft beurteilt. Nicht, daß man grundsätzlich an den Möglichkeiten einer Exportsteigerung zweifelt – aber die Hindernisse, die ihr gegenwärtig noch im Wege stehen, sind so groß und ermüdend, daß man die Zeit für große Anstrengungen noch nicht für gekommen glaubt. Es ist nicht, nur die enervierende Sintflut der Formalitäten, das mangelhafte Verständnis vieler zuständiger Stellen für die technischen und kommerziellen Voraussetzungen eines Exportgeschäftes, die Schwierigkeiten, mit dem ausländischen Partner in Kontakt zu kommen, und noch vieles andere, was den Exporteur, so mißtrauisch und skeptisch macht. Es ist auch die Furcht, daß eins oder das andere der wenigen noch gehüteten Fabrikationsgeheimnisse verlorengehen und damit der zukünftige Konkurrenzkampf noch mehr. erschwert werden, könnte. Man sollte sich an den maßgebenden Stellen darüber klar werden und auch die Entschlußkraft zu den sich aus solcher Erkenntnis ergebenden Folgerungen aufbringen, daß die Propaganda zur Steigerung der Produktion weitgehend so lange wirkungslos bleiben muß, als es keinen sicheren Schutz vor mehr oder weniger gewaltsamen Produktionsbehinderungen gibt.

In der Atmosphäre der Not und Sorge bleibt die Initiative schwach. Im ersten Halbjahr 1947 nahm der "Außenhandel" Hessens eine betrübliche Entwicklung. Einer Einfuhr von 16,5 Millionen RM steht eine Ausfuhr von nur 4,6 Mill. gegenüber, die man auf etwa 1,5 Mill. Dollar berechnete. Noch eindrucksvoller aber als diese erschreckenden Zahlen ist die Aufgliederung der Ausfuhr nach Warengruppen. In einer Liste, die elf Warengruppen umfaßt, stehen – welche Satire auf die Struktur der hessischen Exportindustrie! – Produkte der Erd- und Steinindustrie an erster Stelle. Erst an zweiter Stelle folgen Erzeugnisse der Maschinenindustrie, an dritter optische Instrumente, an vierter, und zwar in großem Abstand, Gummiwaren, an fünfter chemische Erzeugnisse, an sechster Wein, und erstan neunter Stelle folgen Lederwaren, und an elfter Edelmetalle im Gesamtwert von sage und schreibe 1011 RM! Wenn man bedenkt, daß Hessen immer sehr lohnintensive Qualitätserzeugnisse ausgeführt hat und daß die Veredelungsarbeit das wesentliche Kennzeichen seiner Exportindustrie war, dann bedarf es keines Kommentars, um zu erkennen, was es bedeutet, daß die in aller Welt geschätzte hessische Lederindustrie in der erwähnten Ausfuhrliste erst an dritter Stelle rangiert Welche Rolle spielte doch früher hier die eisenverarbeitende Industrie (Frankfurt), wie bedeutungsvoll für den Export war die Schmuckwarenerzeugung (Hanau, Odenwald), oder die optische Industrie (Wetzlar), die Feinmechanik und vor allem die chemische und pharmazeutische Industrie (Frankfurt). Gerade die letztere ist mehr als andere Industriezweige durch den Kohlenmangel und die Zonentrennung behindert. Der Kontakt mit der Ludwigshafener Badischen Arilin- und Sodafabrik ist so gut wie völlig unterbunden.

Man wird vielleicht einwenden, daß neuerdings eine Lockerung im Verfahren eingetreten sei. Der Exporteur habe ja die Möglichkeit, nun direkt mit dem ausländischen Geschäftspartner Fühlung zu nehmen. Gewiß – aber der Kaufmann ist an die Bewilligung der JEIA gebunden, wenn er Rohstoffe zur -verarbeitung importieren will, und da kommt es z. B. vor, daß einem Lederexporteur wohl die Einfuhr Ton Häuten, nicht aber der zur Herstellung von Lederwaren ebenso notwendige Import von Zwirn, lutterstoffen, Beschlägen, Farbstoffen und dergleichen bewilligt wird. Oder aber: man hat einen Barren Kupfer einführen lassen, der aber nun erst verarbeitet werden muß. Das besorgten früher die "Unterlieferanten. Sie sind aber jetzt infolge Materialmangels und aus anderen Gründen großenteils nicht arbeitsfähig. So hat also die Einfuhrerlaubnis für den Exporteur nur einen recht bedingten Wert. Er ist ja nicht wie etwa ein mittelalterlicher Fronhof Selbstversorger. Was ergibt sich daraus? Daß es in einer so arbeitsteiligen Wirtschaft wie der unseren eben nicht damit getan ist, daß man den Rohstoffimport an einzelne Exportgeschäfte knüpft und von ihnen abhängig macht Ohne einen gesunden Binnenmarkt gibt es keinen gesunden Export, der ja gewissermaßen nur den Überschuß über den Normverbrauch des Binnenmarktes darstellt. Der Exporteur A kann nur dann produzieren, wenn ihm die Unterlieferanten B, C und D jene Teilprodukte liefern, die er selbst nicht herzustellen vermag. Nur durch allgemeine, unreglementierte Importe könnte eine wirkungsvolle Ankurbelung der Exportindustrie erreicht werden.

Wie beurteilen nun die südwestdeutschen Exportfirmen die Ausfuhrmöglichkeiten auf lange Sicht? Wenn die Hindernisse, die im Rahmen dieses Aufsatzes nur andeutungsweise behandelt werden konnten, beseitigt würden, so wären, wie man meint, die Ausfuhrchancen trotz der durch den Krieg bedingten Veränderungen günstig. Die Bombenschäden im industriellen Bereich sind nicht so schwer, als man zunächst befürchtet hatte. Die Kapazitäten sind noch immer so groß, daß die Industrie des Südwestens in der Lage wäre, in einem Maße zu exportieren, das eine halbwegs zureichende Lebenshaltung garantieren könnte. Für den Export kommen hochqualifizierte veredelte Erzeugnisse der Maschinenindustrie, der pharmazeutischen, optischen, der Leder- und Schmuckindustrie, der Feinmechanik in Frage. Gewiß hat sich die Lage auf dem Weltmarkt für uns verschlechtert. Die Gründe dafür brauchen hier nicht aufgezählt zu werden. Aber nah der fast einheitlichen Meinung der Exporteure ist unsere Exportindustrie auf bestimmten Gebieten auch heute noch nicht zu schlagen. So 2. B. in der Erzeugung gewisser Meßwerkzeuge, elektrotechnischer Einrichtungen, bestimmter Maschinenarten. Auch der Verlust so vieler Patente konnte den Vorsprung zwar vermindern, aber nicht aufheben, den wir auf diesen Gebieten vor anderen hatten. Eine lange Tradition, eine reiche Erfahrung und manche. Imponderabilien, können eben nicht von heute auf morgen wie ein Patent "übernommen" werden.

Besonders groß ist die Leistungsfähigkeit der Industrie unseres Bereiches in der Herstellung von Schwachstromgeräten. Die folgende Begebenheit illustriert das anschaulicher als manche Statistik. Ein Brasilianer wollte bei einem deutschen Exporteur, den er von früher her kannte, Schwachstromgeräte kaufen. Infolge der oben geschilderten Schwierigkeiten kam das Geschäft nicht zustande. Er wandte sich daraufhin an einen belgischen Kaufmann. Der gab ihm folgende Antwort: "Ich weiß, daß ich jetzt die Deutschen auf dem Weltmarkt ausstechen konnte, aber das bleibt nicht so. Sobald sie wieder als Konkurrenten auftreten, werden sie in der Produktion von Schwachstromgeräten nicht zu – schlagen sein. Daher fange ich mit einer solchen Produktion erst gar nicht an." – Man glaubt also in Exportkreisen, der zukünftigen Geschäftsentwicklung nicht ohne Zuversicht entgegensehen zu dürfen: dies freilich unter der Voraussetzung, daß wieder halbwegs normale Produktions- und "Geschäftsbedingungen geschaffen wurden. Eine Steigerung des Exportes auf das wertmäßig Vierfache des gegenwärtigen Standes hält man unter den erwähnten Voraussetzungen für recht gut möglich.

Auch Württemberg-Baden ist nach wie vor ein sehr exportfähiges Gebiet. Die hochentwickelte Eisenindustrie mit dem Zentrum Mannheim, die Textilindustrie (Ulm, das überdies! auch Sitz der Eisenindustrie ist) verfügen noch immer über eine große Kapazität. Diese wie die meisten anderen Industrien Südwestdeutschlands sind allerdings nicht so hochqualifizierte Veredelungsindustrien, wie sie sich in Hessen entwickelt haben.